Kiku
28.10.2016

Potenziale fördern statt Defizite suchen!

START_Stipendien-Programm wurde in Österreich zehn Jahre. Aufnahme-Feier im Wiener Rathaus. Interviews mit Jugendlichen und fünf Dutzend Fotos.

Sie sind gut in der Schule. Aber nicht nur. Sie engagieren sich in der Klasse und Schule, sind oft gewählte Sprecher_innen, helfen in der näheren und weiteren Bekannt- und Verwandtschaft in dem sie anpacken oder dolmetschen. Und sie sprechen drei, vier Sprachen. Manche sind ihr ganzes Leben schon in Wien, andere erst seit ein paar Monaten. Viele wollen Medizin, Psychologie oder Ähnliches studieren, weil sie helfen wollen, die Vorliebe anderer liegt bei Naturwissenschaften. Viele ihrer Vorgänger_innen haben ähnliches schon absolviert. Sie, das sind die neuen START-Stipendiat_innen.

Potenziale fördern

Am Vorabend des Nationalfeiertages wurden 18 von ihnen im Wappensaal des Wiener Rathauses feierlich aufgenommen. Der Saal ging sprichwörtlich über, mehr als 200 Gäste waren gekommen. Neben den Jugendlichen bzw. den schon jungen Erwachsenen Absolvent_innen und Alumnis auch Ehrengäste wie Staatssekretärin Muna Duzdar, US-Botschafterin Alexa Wesner oder die Nationalratsabgeordneten Alev Korun und Matthias Strolz. Und natürlich Ulrike Crespo von der gleichnamigen Stiftung, die Initiatorin des Stipendienprogramms für Jugendliche mit Migrationsgeschichte, weil diese jungen Menschen „bis heute besonders große Widerstände überwinden (müssen). Das ist so nicht hinnehmbar und besonders schwer zu ertragen, wenn man junge Menschen wie unsere START-Stipendiatinnen und -Stipendiaten vor Augen hat: Jugendliche mit Potential und Engagement, die es verdienen, dass man sie nicht daran hindert sondern ganz im Gegenteil nach Kräften dabei unterstützt, ihre Lebensentwürfe zur verwirklichen!“ Dazu unterstützt das Programm – aus der Stiftung und über weitere private oder öffentliche Pat_innen die Jugendlichen nicht nur materiell, sondern vor allem durch Seminare, Workshops und künstlerische Projekte, die Fähigkeiten und Kompetenzen abseits des schulischen Curriculums fördern.

Mathe und noch eine neue Sprache!

Ein selbst unter den ohnehin schon herausragenden Jugendlichen nochmals ins Auge stechendes Beispiel ist Bushra Yasin. Die Palästinenserin aus dem syrischen Damaskus fasste vor rund einem Jahr mit ihrer Familie den „schwierigen Entschluss, unsere Heimat zu verlassen. Wir haben es jahrelang hinausgezögert, weil wir ja so viel – Verwandte und Eigentum zurücklassen mussten. Aber die Lage im Krieg wurde immer ärger. In Österreich sind wir zufällig gelandet. Erst haben wir überlegt wohin – Deutschland, Niederlande ... nach Serbien und Mazedonien sind wir irgendwann in Österreich gewesen. Von dem Land hab ich vorher noch gar nichts gewusst. Aber ein Onkel hat gesagt, das sei ein gutes Land.“ Das empfinden sie und ihre Familie auch heute. Bushra besucht die 6. Klasse des Gymnasiums in der Geblergasse. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsfach nennt die 18-Jährige: „Mathematik. Das war schon als kleines Kind, in Damaskus bin ich in eine Schule für begabte Kinder gegangen. Und in Mathe tu ich mir hier recht leicht, weil bei uns in Syrien da der Unterricht viel strenger war. Ich mag aber auch Sprachen. Englisch und Französisch kann ich hier ja weitermachen, aber jetzt will ich auch noch Hebräisch lernen.“

Bushra Yasin war übrigens eine von drei START-Jugendlichen, die stellvertretend für ihre Kolleg_innen bei der feierlichen Aufnahme-zeremonie im Rathaus Reden hielten. Darin sagte sie unter anderem: „Jetzt will ich mein neues Leben intensiv erleben und gestalten und jede Chance, die es mir bietet, nützen. Ich will vor allem lernen, für mich und auch für alle Mädchen und alle Burschen die in Syrien nicht in die Schule gehen können. Ich will mir jede Chance im Leben schnappen, auch für jedes einzelne Kind, das im Mittel-Meer ertrinken musste...“

Kleine und große Schritte

Die beiden anderen Sprecher_innen waren Leopold Grolmus und Yıldız Cetin. Ersterer sprach übers Sprechen und Reden vor Publikum und Zweitere darüber, wie sie „mit neun Jahren begonnen hatte, mit einer Pflanze zu experimentieren, so dass sie im All überleben könnte. Immer wenn etwas nicht funktioniert hat, hab ich weitere Versuche gemacht. Und mit 12 Jahren hab ich dann meine Vorschläge an die NASA geschickt. Das war zwar für die Wissenschaft ein kleiner, aber für mich ein großer Schritt.“ Einer der anderen auch Mut macht/machen kann! Heute ist sie vom damaligen Berufswunsch Astrobiologin weg, „aber bei der Natur geblieben, ich will mich auf Naturkosmetik spezialisieren und später einmal selbstständig machen“, vertraut sie dem Kinder-KURIER an.

Selbstvertrauen

Elif Tekinkus, Absolventin und nunmehrige Alumni des START-Programms sagt dem Kinder-KURIER: „Ich studiere jetzt Zahnmedizin, mir hat das Stipendien-Programm vor allem mit seinen Workshops und Kunstprojekten zu mehr Selbstvertrauen verholfen. Dadurch hab ich mir dann selbst mehr zugetraut.“

Ihre Freundin Rabia Ayhan hat im Frühjahr die HAK-Matura im Schulzentrum Ungargasse absolviert und „studiere jetzt Internationale Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuni. Da kann ich Wirtschaft und Recht und Sprachen wie Englisch und Französisch gut einsetzen“. Ein bisschen bedauert sie, ihr Türkisch nicht auch noch im Studium einbauen und verbessern zu können. „Das gibt’s leider nur an der Uni in Graz.“

Mariama Ibrahim Miko, Rabia Ayhan, Leopold Grolmus, Fiona Ljoki, Zareh Hakobian, Soritta Kim, Jaafar Bambouk und Philip Bato finden beim Gruppenfoto auf der Bühne nach der Zeremonie, „dass wir alle durch START vor allem viele Kontakte, viele neue Freundinnen und Freunde gewonnen haben. Jede und jeder von uns hat so spannende Geschichten, die wir sonst vielleicht nie kennen gelernt hätten.“

Bio, Mathe und Englisch nennte Abdirahman Ahemd Mohamud, neuer Stipendiat und Gymnasiast in der Rahlgasse als seine Lieblingsfächer und die fast immer lächelnde Mariama Ibrahim Miko verbindet mit START etwas ganz anderes: Ohne dieses Programm hätte ich sicher nie Skifahren gelernt.“

Tanmu

Übrigens wurde bei der 10-Jahres-aufnahmefeier ein neues Programm vorgestellt: Tanmu (arabisch für wachsen). Jugendliche, die erst seit ganz kurzer Zeit in Österreich sind (v.a. Flüchtlinge) können sich für ein Vor-Stipendium bewerben.

www.start-stipendium.at/

... vom 10-Jahres-Aufnahmefest im Wr. Rathaus