So klein und schon eine Geheimwaffe

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In den USA ist es üblich, Mörder mit Hilfe von Pollen zu überführen. Der Erfinder dieser Technik ist ein Österreicher.

Unter Martina Webers Lichtmikroskop liegt ein unordentlicher Haufen von bizarren Winzlingen mit Stacheln, Platten und kleinen Haken. Einige sind zerbrochen, andere liegen übereinander – eine typische Pollen-Probe, möglicherweise vom Tatort eines Verbrechens, vielleicht aber nur vom Fundort der Leiche.
Um das zu klären, klopft die österreichische Polizei immer öfter an der Tür der Pflanzenforscherin (Botanikerin) an. Sie ist eine von nur zwei  Experten in Österreich, die Pollen für die Polizei analysieren. "Es gibt komplizierte Mord-Fälle, die wir anders gar nicht klären könnten als mit Hilfe von Blütenstaub", sagt Chefinspektorin Bettina Bogner.
Jeder Mörder hinterlässt am Tatort ein biologisches Profil, ein Pollen-Profil. Die Begründung: Blütenstaub fliegt  durch die Luft, dringt in jeden Raum ein und bleibt an Kleidungsstücken, an Haut und Haaren haften. Die Spurenermittler der Polizei suchen daher sowohl am Fundort  eines Toten als auch an Kleidungsstücken von Verdächtigen und des Opfers nach Pollenresten.
Die Arbeit im Labor ist aufwendig. Das Kunststück  der Forscherin ist es, nicht nur die zugehörige Pflanze zu bestimmen, sondern an der Zusammensetzung  der Pollen  zu sehen, ob das Verbrechen in einem Wald, auf einer Wiese, an einem Bach oder auf einer G’stetten in einer bestimmten Gegend passiert ist. Und ob Fund- und Tatort übereinstimmen.
Derzeit hilft die Expertin vom Uni-Department für Palynologie (das heißt Pollenkunde) und strukturelle Botanik bei der Aufklärung des Mordes an der 28-jährigen  Flora A. aus Wien. Die Leiche der Frau  wurde 2010 in einem Feld bei Holice (Slowakei) gefunden. Ihre Schwester konnte sie später nur anhand ihres Schmucks identifizieren. Der Tatverdächtige leugnet hartnäckig. Dank der Pollenanalyse zieht sich die Schlinge nun enger zusammen.
Die Vorteile der Pollen-Methode: Die Spurensicherung hat nur wenig zusätzlichen Aufwand, und die Polizei verfügt über einen weiteren Trumpf: Pollenkörner sind praktisch unsichtbar,  eine einzige Stofffaser  reicht aus, um einem Täter das Handwerk zu legen. In den vergangenen Jahren gelang dies in drei Fällen, erläutert die Kriminalistin.

Der Prophet Ein österreichischer Pflanzenforscher namens Wilhelm Klaus half 1959 erstmals bei der Überführung eines Mörders. Der Tatort war ein Auwald bei Spillern in Niederösterreich. Dort fand Klaus eine Reihe von fossilen Pollenkörnern der "Hickory-Nuss", ein seit Jahrmillionen ausgestorbenes Walnussgewächs. Der gleiche Pollen wurde auf den Schuhen des Verdächtigen nachgewiesen. Die Polizei sagte daraufhin dem Verdächtigen auf den Kopf zu: "Du warst es." Der Täter war so überrascht, dass er alles zugab und die Ermittler zum Tatort an der Donau führte.
Dann geriet die Methode in Vergessenheit. Warum? "Weil der Prophet im eigenen Land nichts gilt." Das sagt Klaus Oeggl von der Uni Innsbruck. Der Professor hat den Mord an "Ötzi" aufgeklärt. Mit Hilfe von mehr als 5000 Jahre alten Pollenkörnern aus dem Darm von "Frozen Fritz". Die Technik soll in Österreich nicht wieder in der Versenkung verschwinden. Denn: Die weltweit größte Pollen-Bank steht in Wien. Wo sonst?

Pollen: Er sorgt für Pflanzen-Nachwuchs

Der Job Die männlichen Pollen fliegen zum weiblichen Blütenteil, um sie zu befruchten. Ein Teil der Pollen erfüllt seine Aufgabe aber nicht so wie er soll, sondern verteilt sich als feine Staubschicht in der Landschaft. Die Pollen sind mikroskopisch klein. Pollenkörner des Vergissmeinnichts zum Beispiel sind ein Zweihundertstel Millimeter klein, "großer Pollen", etwa von Kürbissen, misst ein Fünftel Millimeter.

Das Beweismaterial Pollen haftet gut an Oberflächen und lässt sich kaum entfernen.  Seine feste Außenwand lässt Pollen Jahrmillionen überdauern. Diese Eigenschaft nutzen Kriminalisten. In der CSI Miami-Folge "Das Todescamp" löst Horatio Caine den Mordfall mithilfe von Pollen aus der Nase der Leiche. Dieser stammt von einem seltenen Baum.  Der am Tatort wächst.

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(kurier) Erstellt am
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