Szenenfoto aus It`s my life - Çaba die Chance

© Martin Vukovits

Sie nützen die Chance, und wie!
06/26/2012

Sie nützen die Chance, und wie!

Starkes Spiel Jugendlicher in "It's my life - Caba, die Chance" im Dschungel Wien

von Heinz Wagner

Campingsessel, sogar eine Liege, ein Teppich, der an einen Sandstrand erinnert, eine Tapete, die den Blick aufs weite Meer eröffnet. Und doch erweckt die Anordnung der Sitzgelegenheiten so etwas wie einen Hauch von Schulklasse. In eine solche wird sich das Ambiente auch verwandeln. Schülerinnen und Schüler trudeln ein – gespielt von solchen. Und dennoch keine Schulaufführung, sondern eine professionelle Aufführung. So unterschiedlich wie sie selber sind, so unterschiedliche Typ_innen spielen sie. Sehr authentisch. Sehr stark. Unbedingt sehenswert. Wenngleich „It`s my life - Çaba die Chance" leider (vorläufig) nur wenige Male (bis 5. Mai im Dschungel Wien) zu erleben ist.

Keine/r kommt

Warten auf die Lehrerin. Kommt nicht. Ist den meisten egal, Schule geht ihnen eh am ... vorbei. Viel wichtiger ist das Aussehen, das auf Stark, Cool und was auch noch immer tun. Selbst die „Streberin" ist keine Verbissene. Allerdings schon die erste, die`s nicht packt, als nach ewigem – vergeblichem – Warten auf die Lehrerin und der Suche nach ihr nur ein Zettel bei der Direktion vorzufinden ist, dass die Schule geschlossen wurde, „sozialer Brandherd, wegen hohen MigrantInnenanteils als nicht mehr förderungswürdig eingestuft". Das war`s schmecks. Das macht sie fertig. Lernen, Schulabschluss, Matura, Studieren, Aufstieg – ihr Traum, ihre Perspektive scheint ziemlich gefährdet. Zwei, drei andere denken annähernd ähnlich. Nicht ganz so stark. Andere hingegen scheint die Situation zu freuen, „gemma, machma Party...." Und dennoch scheint bei etlichen von diesen leicht unter der Oberfläche mitzuschwingen, nur froh sind sie über dieses „Vergessen" und aufgegeben werden nicht ganz.

 

Explosion

Die einen drängen noch immer auf Lernen, die anderen plädieren dafür, den „Freiraum" zu nutzen, andere schlagen vor, selber Unterricht zu gestalten. So soll Gibbs was über Gewinnfunktionen vortragen. Der von Markus Wittek gespielte eher stets schüchterne, zurückhaltende Computernerd mit Sprachfehler, versucht`s. Und explodiert überraschend gekonnt „warum hört mir denn keiner zu!" - Und gesteht nach der Vorstellung dem KiKU, in echt auch sehr ähnlich zu sein, nur explodieren würde er selten. „Aber durch das Theaterspielen trau ich mir jetzt mehr zu." Auch was zu sagen, wenn`s sein muss. Viel wohler fühle er sich auch – in der Klasse und in seiner Haut sozusagen. Und oftmals fast keinen Ton herausbringen wie davor, das sei seither auch längst Geschichte.

Starke Schulwartin

Anderntags taucht einer mit einer Flasche Wodka auf. Die geht unter den Kumpels weiter, sogar die Lernwilligen lassen sich nach und nach dazu hinreißen bis widerwillig bewegen, den einen oder anderen Schluck zu nehmen. Zuletzt auch die „Schulwartin". Yonca Varol liefert in dieser Rolle überhaupt die vielleicht stärkste Leistung des Abends. Schwungvoll „putzt" sie und erzählt nebenbei das Schicksal einer geschätzten 40-jährigen Frau, als wär`s ihr eigenes einer zugewanderten Migrantin aus der Türkei. Trotz Diskriminierungen lebensfroh und stets engagiert ihre Arbeit verrichtend, oft noch die anderer miterledigend. Als ihr ein Schluck angeboten wird, lehnt sie erst entrüstet ab, lässt sich dann doch dazu herab, wird wirklich noch lockerer, erfährt vom Schicksal der nun verlassenen Schüler_innen, kommt anderntags mit der Botschaft, sie habe einen neuen Job in einer Gesamtschule in der Innenstadt und dem Tipp an die Jugendlichen, sie könnten sich doch dort auch bewerben. Was von diesen unterschiedlich aufgenommen wird. Doch dann drehen sie doch jede und jeder eine Art Casting-Video – eine Minute, warum sie in der neuen Schule genommen werden sollten. Sie nennen die Box Çaba – das Wort kommt aus dem Türkischen und steht für Anstrengung, Eifer, Bemühen. Zuletzt be-rappen sie dieses Chance-Wahrnehmen durch Lernen, Bildung.

Harte Arbeit wird belohnt

Der Schluss wirkt vielleicht ein bisschen zu sehr zeigefinger-mäßig aufgesetzt. Aber ansonsten ist das knapp eineinhalbstündige Stück sehr wahrhaftig und dennoch sehr exakt gespielt – eine Audruck, das wohl beste Beispiel dafür, dass sich diese Jugendlichen, auch wenn sie so auf cool und oft Lernen verachtend tun, sehr wohl bereit sind, sehr, sehr hart zu arbeiten. Denn ohne eine solche Arbeit, wär das Stück sicher nicht so geworden, dass es nun auch als eines der wenigen eingeladen wurde zum Schüler_innen-Theatertreffen der Jungen Burg.

Infos

It`s my life - Çaba die Chance

Ein Integrations-Trashicalwritten and performed by Schüler_innen der Schulen des bfi MargarethenstraßeRegie: Sandra SelimovićDarsteller_innen: SchülerInnen des BFI Wien Margaretenstraße: Nazanin Beykzadeh, Serap Bogaç, Aykut Herdem, Danijela Jovanović, Ebru Kara, Farhad „Toni" Mohamdi, Björn Puhr, Sherin Serifoska, Ralph Soligam, Sevćan Usta, Yonca Varol, Markus Wittek, Yaprak YürümezMusikalische Betreuung, Rap-Coaching, Beats. EsRapChoreografie: Ralph SoligamBühnenbild: Michi HallerDramaturgie, Schreibwerkstatt: Ursula KnollKamera, Schnitt: Ulrike KnezekKostüm: Elisa ThönenOrganisation, Regieassistenz: Philipp EisenmannPädagogische Betreuung: Peter PreisingerProduktionsleitung: Hans Escher

Eine Produktion in Kooperation mit den Wr. Wortstaetten

 

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