Klischees in Frage stellen, Aufforderung, die Augen zu öffnen

© Heinz Wagner

Junge Roma
11/13/2014

Nur singen, tanzen, betteln?

70 junge Roma aus elf europäischen Ländern wehren sich gegen Rassismus und diskriminierende Vorurteile, die sie selbst Lügen strafen.

von Heinz Wagner

Ein kleiner Massenauflauf Jugendlicher und junger Erwachsener in der Mariahilfer Straße bei der Neubaugasse. Ein Skateboarder zeigt einige Tricks, andere entrollen eine Flagge – himmelblau der ober, wiesengrün der untere Teil und in der Mitte ein rotes Speichenrad, Chakra genannt. Letzteres weist auf die Herkunft der Roma hin, auch die indische Flagge enthält ein solches Chakra.

Putren le Jakha! - Macht die Augen auf!

Andere entrollen handgeschrieben Plakate – in englischer Sprache mit der Frage, ob die Vorübergehenden nun erwarten würden, dass die jungen Leute singen, tanzen oder betteln? Klischeebilder denen sie sich als Angehörige der Volksgruppe der Roma mehr als oft gegenüber sehen. „Macht die Augen auf, erweitert euren Blickwinkel!“ – so lautet die Übersetzung von „Putren le Jakha!“. Dies ist das Motto der allerersten Jugendkonferenz von Roma aus elf europäischen Ländern, die nun in Wien stattfindet. Mit weiteren Buchstaben fordern die rund 70 Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Spanien bis Rumänien, von Tschechien bis Albanien „Stopp Antiziganisumus!“ So wird Diskriminierung und Rassismus gegenüber jenen genannt, die oft als „Zigeuner“ beschimpft werden.

Lebende Gegenbeweise

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst strafen allesamt als lebendige Beweise die Klischeebilder Lügen. Gut, die eine oder der andere kann singen, tanzen…, aber:
Die 22-jährigeIna Majkoaus Albanien steht kurz vor dem Abschluss ihres Biologiestudiums.
Alis Alexandra Gusa
(Rumänien) hat bereits zwei Bachelor-Studien (internationale Beziehungen, Europäische Studien) abgeschlossen, steckt in einem Politik-Wissenschafts-Masterstudium an der Uni von Bukarest und war schon Trainee bei der EU-Kommission.
Mustafa Jakupov(Mazedonien) hat Philologie studiert und ist Übersetzer für Deutsch und Französisch und leitet unter anderem Workshops in Team-Building.
Perla Scripcariu(18) aus dem rumänischen Botosani besucht das letzte Schuljahr vor der Matura. Sie ist zweisprachig (Romanes und Rumänisch) aufgewachsen, lernt in der Schule Englisch, Französisch, Latein, Italienisch und Deutsch. Nach der Schule will sie in Großbritannien Politikwissenschaft studieren. Sie ist Landesmeisterin und Vize-Weltmeisterin in Romanes.
Irina Spataru, in Bukarest geboren, absolvierte in wien das akademische Gymnasium, studierte Transkulturelle Kommunikation, macht derzeit den Dolmetsch-Master. Ihre Arbeitssprachen: Deutsch, Französisch, Rumänisch. Und nebenher übersetzt sie bei Bedarf im St. Anna-Kinderspital.
Samuel Mago, 18, ungarischer Rom in Wien, Sohn einer Akademikerfamilie, maturierte in diesem Jahr, trug sich mit einer beeindruckenden humorvollen Rede gegen Antiziganismus in die Liste der Sieger_innen beim mehrsprachigen Redebewerb „SAG’S MULTI!“ ein. Vor wenigen Tagen erst wurde seine Fachbereichsarbeit zur Darstellung von Roma in deutschsprachigen Medien als beste seines Jahrgangs mit dem Fred-Schneider-Family-Award ausgezeichnet. Und so nebenbei organisiert(e) er die Jugendkonferenz mit.

Der älteste Teilnehmer ist Jozef Miker mit 49 Jahren. Und das hat einen ganz speziellen Grund: Er organisiert Protest gegen eine Ungeheuerlichkeit. Auf dem Gelände des Nazi-Konzentrationslagers in Lety u Pisku wurde eine Schweinezuchtfarm errichtet – übrigens mit unterstützenden Mitteln der Europäischen Union. Gedenken an Ermordete Roma, unter anderem Vorfahren von Miker, ist angesichts dieser Tatsache mit verbundenem entsprechenden Gestank nicht zu denken.

Weitere Kurzbiographien von Teilnehmer_innen in der Bildergalerie.

Neben dem genannten tschechischen Beispiel oder dem mehrfach in Medien berichteten aus dem ungarischen Miskolc, wo ganze Familien vertrieben werden, berichtete aber auch Mustafa Jakupov davon, dass auf Druck aus der EU-Zentrale, in seinem Land an den Grenzen offenes Ethno-Profiling stattfinde. Unter dem Vorwand, Roma aus Mazedonien könnten die EU sozusagen stürmen, versuchen die Grenzbehörden des Landes Menschen, die dünklere Haut, mehr Kinder, vielleicht nicht besonders viel Geld bei sich haben, an der Ausreise zu hindern. So konnten so mache Menschen nicht einmal zu Hochzeiten oder Begräbnissen in Serbien oder Bulgarien fahren, berichtet Jakupov.

Alltagsdiskriminierung

Da ist klingt es sogar „harmlos“, wenn die fast fertige Biologin Ina Majko über ihren Alltag in Albanien berichtet, wo sich Menschen wundern, dass sie so gut die Landessprache könne, immerhin ihre Muttersprache! Seit vier Jahren engagiert sie sich in der Initiative Roma Active Albania und sie spielt in einer TV-Serie eine Jugendliche, die versucht, in ihrer Schule akzeptiert zu werden.

Doch auch Österreich ist keine Insel der Seligen für Roma. Abgesehen davon, dass vor fast 20 Jahren (Februar 1995) vier Roma in Oberwart ermordet wurden, sehen sich Roma immer wieder mit Ausgrenzung konfrontiert und „die Darstellung von Roma in österreichischen Meiden wird von Bettlern dominiert und viele verbreiten unhinterfragt Klischees. Diese und ähnliche Bilder führen zu einer steigenden Ablehnung“, beklagt der 18-jährige Konferenz-Mitorganisator Samuel Mago aus Wien.

Am Freitag, 14. November, zeigen junge Teilnehmer_innen einige der Ergebnisse, die sie in Workshops bei der Konfernez erarbeitet haben - Theater, Comic...; ab 19 Uhr in der Brunnenpassage, 1160, Brunnengasse 71

www.romano-centro.org/

... und Portraits

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