Kiku
27.10.2016

Von Anfang an die A...karte

„Nachrichten aus dem Schleudersitz“ bringt echte arge Lebensgeschichten drastisch auf die Bühne des Wiener KosmosTheaters.

Drei Wände voller handgeschriebener Plakate. Was vielleicht an eine Bude studentischer politischer Aktivist_innen vor einigen Jahrzehnten erinnern könnte, ist hier performative Spielstätte für Geschichten vor allem von realen Grauslichkeiten im Leben real existierender Menschen. Das Theater-Quartett Claudia Carus, Benjamin Kornfeld, Gernot Pfiff und Simona Sbaffi erzählt und spielt im Wiener KosmosTheater in „Nachrichten aus dem Schleudersitz“ aus den Geschichten von Menschen, denen meist schon in frühester Kindheit sozusagen die A...karte zugeteilt wurde. Misshandelt, vergewaltigt, weggegeben oder mit elterlichen Sprüchen konfrontiert wie „mit deiner Geburt hat mein Leid begonnen!“

Prostitutions-, Exhibitionisten-, Obdachlosigkeit, Gewalt-, Räuber- und Spieler-„Karrieren“ im weiteren Lebensverlauf werden in den folgenden eineinhalb Stunden auf der Bühne – oft recht drastisch dargelegt.

Echte Lebensgeschichten

Nichts dazu erfunden, vieles unter Schmerzen weggestrichen, immer wieder neu begonnen es in eine Bühnenversion zu fassen – so meinen Darstellerin Claudia Carus und Regisseur Josef Maria Krasanovsky in einem Publikumsgespräch nach der Vorstellung. Rund 30 Menschen hatten dem Theaterteam ihre Schicksale anvertraut. Zwei von ihnen, Rosi und Michi, fragten mehrfach nach, ob sie dann selber auf der Bühne ihre Lebensgeschichten erzählen dürften. Was auch passiert. Das verstärkt die Authentiziät auch der anderen argen Storys, die zwar brachial erzählt werden, aber trotzdem nicht Gefahr laufen in Sozial-porno abzugleiten. Die Geschichten werden aus der Sicht der Betroffenen erzählt. Und auch wenn sie klassische Opfer der Gesellschaft, der Umstände, der Familien sind, erleben wir sie oft als durchaus als Persönlichkeiten, durchaus mitunter (sehr) verstörend.

Only bad News?

Die Ankündigung, dass das Stück Momente zeigen würde, die sozusagen wie aus einem Schleudersitz ein Leben aus der Bahn werfen, ist allerdings verwegen, handelt es sich doch praktisch bei allen geschilderten Lebensgeschichten um solche, die schon von ziemlich Anfang an unter „keinem guten Stern“ standen. Und: Interessant wären vielleicht auch Wendepunkte zum Positiven. Im Publikumsgespräch wurde immerhin erzählt, der Spielsüchtige sei seit rund vier Jahren clean und habe seit eineinhalb Jahren sein Leben gut im Griff. Auch das wäre schildernswert, wenn nicht zwar Medien kritisiert würden, aber offenbar selber auf den Grundsatz „only bad News are good News“ gesetzt würde.

Was? Wer? Wann? Wo?

Nachrichten aus dem Schleudersitz

Koproduktion Compagnie Luna & KosmosTheaterEmpfohlen ab 16 Jahren

Konzeption & Inszenierung: Josef Maria Krasanovsky Textmitarbeit: Johanna Dohnal, Paula Resch Es spielen: Claudia Carus, Benjamin Kornfeld, Gernot Piff, Simona Sbaffi sowie Rosi und Michi Dramaturgie: Regina Laschan Produktion: Simon Hajós Regieassistenz: Johanna Weber Hospitanz: Elisaveta Kischilov, Anna Lun, Verena Punz

Wann & wo? Bis 29. Oktober KosmosTheater 1070, Siebensterngasse 42 Telefon: (01) 523 12 26www.kosmostheater.at