Lukas Müller als Schweinchen Didi, Thomas Wagenhammer als Sultan, Florine Schnitzel als Dorothea, Lukas Weinberger als Grimm, Enny Alejandra Grijalva Villalobos als Oma Eule

© Rita Newman

Musical gegen Vorurteile
02/24/2017

Lass dir nichts erzählen...

„Grimm! - Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ ein mitreißendes Musical rund um Vorurteile im großen Haus des Wiener Theaters der Jugend.

von Heinz Wagner

Es war einmal... so fangen (fast) alle Märchen an. Aber war es wirklich so? Könnte es nicht vielleicht (ganz) anders gewesen sein? Wurde da das eine oder andere zurecht gebogen? Nur, damit es ins (gewollte) schon lange festgelegt Bild passt? Vorurteile also! Das ist das Thema des Musicals „Grimm! - Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“. Vor knapp mehr als zwei Jahren im Grazer „Next Liberty“ (das es in Auftrag gegeben hatte) uraufgeführt, danach in der Berliner Neuköllner Oper zu sehen, läuft es nun im Renaissancetheater, dem großen Haus des Theaters der Jugend in der Wiener Neubaugasse. Studierende der Musik- und Kunst-Privatuniversität der Stadt Wien spielen, singen und tanzen mit „ganzem G’schäft“ in einer die Kinder mitreißenden Art und Weise mit so manch aktuell weltpolitischen Anspielungen, die auch das erwachsene Publikum auf einer zweiten Ebene vielmals zum Schmunzeln und lauthalsem Lachen bewegen.

Gespeist aus vier Märchen

Das Musical baut Elemente von vier Wolfsmärchen ein: Da sind die beiden sehr bekannten Grimm’schen - „Rotkäppchen“ sowie das von den „sieben Geißlein“ – dazu das weniger bekannte der deutschen Märchen-Sammelbrüder „Der alte Sultan“ - in dem der Wolf seinem Freund, dem alten Hofhund Sultan, der weil für den Bauern nicht mehr brauchbar, erschossen werden soll, das Leben durch einen Trick rettet, aber von diesem dann verraten wird. Als viertes baute Autor Peter Lund Elemente aus dem bekannten englischen Märchen „Die drei kleinen Schweinchen“ ein.

Grundgeschichte – mit so manchen Seitensträngen: Dorothea, der einzige Mensch im tierischen Dorf von Hund, Ziegen und Schweinen, wird Rotkäppchen genannt. Das geht der 14-Jährigen gehörig auf die Nerven. Auch die Engstirnigkeit des Dorfes. Alles öööööd. Da lockt der Wald. Verbotenes Gebiet, weil dort der böse Wolf und so weiter.

Was kümmern mich Verbote...

Die Pubertierende pfeift auf die gesetzten Grenzen. Trifft Grimm, so heißt der Wolf. Und der ist gar nicht so – wie es die Vorurteile Glauben machen wollen. Ein cooler Rocker mit Elvis-Hüftschwung. Und des Allein- und Einsam-Seins überdrüssig. Eh kloar, beide freunden sich an. Aber nicht nur diese beiden. Auch das punkige Wildschwein Wild und dass süße Schweinchen Dicklinde – da macht es sogar „Bling“ samt rosa Herzchen. Aber nur heimlich, weil da sind die Dorfbewohner, die vorm Wald warnen. Vor allem das „WIR sind das Volk“-Schweinchen Schlau, der gern Bürgermeister werden möchte, gegen Fake News hetzt und auf „alternative Fakten“ setzt.
Knapp aber doch spricht sich die Mehrheit im Dorf nach Dorotheas Erzählungen dafür aus, dass der Wolf aufgenommen werden darf. Willkommens-Party. Das Möchtegern-Orts-Chef-Schwein („Make the Dorf great again!“) aber lässt nicht locker, denkt sich eine Intrige nach der anderen aus. Die überkandidelte, tussige - um nicht zu sagen zickige - Gisela Geiß, alleinerziehende Mutter sieben oder vier Kinder – Chantal, Jaqueline, Janine und du, von der ich den Namen immer vergesse - baggert den Wolf an, blitzt ab und verleumdet ihn dafür. Selbst Dorothea und der Wolf lassen sich phasenweise auseinander dividieren.

Junge und jüngste Zuschauerinnen und Zuschauer zeigten sich nicht nur begeistert, sie verteilen ihre Sympathien auch ganz unterschiedlich. Vom Kinder-KURIER nach ihren Lieblingsfiguren befragt, meinten einige „Der Grimm“, andere „das Rotkäppchen, eh die Dorothea“, wieder andere fanden „die Dicki so süß“ (das Schweinchen dicklinde, das gar nicht dick ist), auch das punkige Wildschwein „Wild“ fand etliche Anhänger_innen. Aber auseinander dividieren ließ sich das Publikum nicht. Einhellige Begeisterung.

Schluss

Also, auf in den Wald, in die Freiheit! Oder?!
Grimm und Rex (Jagdhund, Sohn des alten Hofhunds Sultan und Dorothea: „Wenn dir wer ein Märchen erzählt/lass dir gar nichts erzählen/du kannst selber wählen/ob dein Happy End dir gefällt..."

... einiger Szenen des Musicals im Renaissancetheater

Was? Wer? Wann? Wo?

Grimm! - Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf
ca. 2 Stunden; ab 6 Jahren
Eine Kooperation mit der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, Abteilung für Musikalisches Unterhaltungstheater, 2. und 3. Jahrgang

Musik: Thomas Zaufke
Text: Peter Lund

Dorothea, genannt Rotkäppchen: Florine Schnitzel
Grimm, ein junger Wolf: Lukas Weinberger
Oma Eule: Enny Alejandra Grijalva Villalobos
Schweinchen Wild: Katharina Gorgi
Sultan, der alte Hofhund: Tom Wagenhammer
Rex, sein Sohn: Alexander Ernst Doevendans/ Raphael Groß
Schweinchen Schlau: Kaj Luis Lucke
Schweinchen Dicklinde: Diana Schniererová
Schweinchen Didi: Lukas Müller/ Alexander Rapp
Gisela Geiß, alleinerziehende Mutter: Alexandra-Yoana Alexandrova
Geißlein: Katharina Gorgi
Geißlein: Enny Alejandra Grijalva Villalobos
Geißlein: Martina Pallinger/Lisa-Marie Rettenbacher
Geißlein: Celina dos Santos, Inés Vogt

Regie: Werner Sobotka
Musikalische Leitung: Michael Schnack
Choreographie: Simon Eichenberger
Bühne: Karoline Hogl
Kostüme: Elisabeth Gressel
Licht: Christian Holemy
Dramaturgie: Wolfgang Türks
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner
Dance Captain: Lisa-Marie Rettenbacher
Hospitanz: Fabiola Eröd

Aufführungsrechte: Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin

Wann und wo?
Bis 11. März 2017
Renaissancetheater, 1070, Neubaugasse 36
Telefon: (01) 52110-0
www.tdj.at