Claudia Cantone im "geheimen Hinterzimmer"

© Carolina Frank/clownin

Clownin Cantone
11/30/2015

Das Recht auf Lebensfreude

Claudia Cantone aus Italien spielte ihr Stück „L’Alloggio Segreto” (Das geheime Hinterzimmer) basierend auf dem Tagebuch der Anne Frank bei Clownin 2015.

von Heinz Wagner

Das Tagebuch der Anne Frank als Clownstück? Geht das überhaupt? Diese Frage stellten sich so manche Besucher_innen bei der 5. Auflage von Clownin, dem internationalen Clownfrauen-Festival. Claudia Cantone, langjährige Ex-Polizistin aus Rom, schafft(e) das. „L’Alloggio Segreto” (Das geheime Hinterzimmer) heißt ihre knapp mehr als einstündige berührende, erschreckende doch immer wieder von Momenten des Lächeln, hin und wieder sogar Lachens durchzogene Performance, die fast ganz ohne Worte auskommt.

Wenn alle schon auf ihren Sesseln Platz genommen haben, geht die Tür zum Publikumsraum auf. Herein stürzt, gehetzt, verfolgt eine Frau, die adjustiert ist wie Bilder von Anne Frank es nahelegen. Nur der Mantel scheint etwas dick geraten – ein paar Dinge darunter, die nicht in den kleinen Koffer gepasst haben? Und in der Hand einen Ballon mit Weltkugel-Aufdruck. Ach ja, da war doch was! Charlie Chaplins Hitler-Persiflage in „Der große Diktator“.

Freunde?

Doch halt, sie legt eine Pause ein, zaghaft wendet sie sich dem Publikum zu. Ängstlich fragt sie die ein/den anderen „Friend/Freund?“. Wer zusagt, kriegt eine Armschleife von ihr. Zu viert lachen und tanzen sie. Bis plötzlich der Alarm schrillt. Eine mark-durchdringende Sirene. Anne stürmt auf die Bühne – Koffer und Ballon, die sie abgelegt hat, kann sie gar nicht mitnehmen. Die – bittet sie pantomimisch – möge ihr jemand reichen, nachdem der Alarm vorbei ist.

Die Bühne – das ist das Hinterzimmer in der Amsterdamer Prinsengracht 263. Nur, dass es hier nicht – räumlich – so eng ist. Dass das Eingesperrt- und Leise-Sein-müssen beengend, bedrückend ist, das lässt Claudia Cantone durch ihr Spiel erahnen. Das hin und wieder durchbrochen wird vom Alarm der Sirenen. In einer Szene kann sie sich kaum bewegen, jeder Schritt löst den Alarm aus. An anderen Personen taucht nur die Mutter auf – ein Teil des dicken Mantels, den sie bald aufhängt. Der enthält aber auch die Utensilien für die Reinigung, das Kämmen...

Diktatoren-Blablabla...

Die Uhr erinnert an eine der vielzähligen in Gemälden von Salvador Dali, die Zeit zieht sich zähflüssig dahin. Aus dem Radio kommt die Stimme Hitlers, später auch die von Franco, Mussolini. Und die Clownin verfremdet sie in Kunstsprachen-blablabla durchsetzt lediglich von Wörtern wie krieg, Terrorismus... Wobei das sich lustig-machen eigentlich nur eine kleine Überhöhung der Originalstimmen braucht, die aus heutiger Sicht ohnehin schon sehr komisch wirken. Die Stelle des vielleicht offensten Lachens – auch wenn dies vor dem Hintergrund des historischen Wissens von heute kräftig im Hals stecken bleibt.

Träume

Zum Schmunzeln allerdings rührt die Szene, als Anne sich zu Bett begibt – die Bettdecke ist eine Schicht des eingangs erwähnten Mantels – und zu träumen beginnt, eine Königin zu sein.

Cantone, die natürlich immer wieder im Tagebuch blättert und schreibt, das so rot/weiß-kariert aussieht wie wir es aus Abbildungen kennen, verhandelt im Stück aber auch den einen oder anderen Konflikt – in dem Fall mit der Mutter ausgetragen, immerhin fällt in die Zeit im Hinterhaus-Versteck ja auch Annes Pubertät.

Wie Claudia Cantone überhaupt auf die Idee gekommen ist, das heftige Thema in ein Clownstück zu verpacken, will der Kinder-KURIER von der Italienerin wissen. "Die Arbeit als Polizistin habe ich nie wirklich geliebt“, beginnt sie. „Irgendwann war ich so weit, dass ich was anderes machen wollte und so bin ich beim Theater gelandet. Aber das war mir bald zu langweilig. Und dann hab ich Workshops bei Großen der Clown-Szene gemacht, vor allem bei Jango Edwards, Laura Herts, Leo Bassi und Carlo Colombaioni.“

Aber wie kam’s zu Anne Frank und ihrem Tagebuch?
Ich hab einmal in einem Projekt mit der jüdischen Gemeinde von Rom gearbeitet. Das ist eine alte Gemeinde seit dem Jahr 70 vor Christus, vielleicht die einzige in Europa, die sich bis heute erhalten hat. Ich habe ihre Geschichte studiert. Und eines Nachts hatte ich einen Traum – Bilder, Zahlen und Sounds.“

Und die hatten mit dem Tagebuch der Anne Frank zu tun?
Nicht ganz direkt, aber diese Bild- und Ton-Eindrücke haben mich dann zu dieser Geschichte geführt. Da hab ich dann das Tagebuch, das ich auch schon einmal als Kind teilweise gelesen hatte, intensiv studiert.“

Gab’s kein Bedenken, diese heftige Geschichte zu einem Clownstück zu machen?
Nein, für mich ist die Figur des Clowns/der Clownin eine Art Schamane/Schamanin, die heilen kann. Sie sucht noch in den schlimmsten Situationen mit einem Lächeln oder Lachen einen Ausweg nach draußen. Und verkörpert das Recht auf Leben(sfreude).

L’Alloggio Segreto” (Das geheime Hinterzimmer)
Geschrieben von: Claudia Cantone und Claudio Fois
Solo-Darstellerin: Claudia Cantone
Regie: Virginia Imaz und Claudia Cantone
Kostüm: Roberta Beolchini
Bühne und Requisiten: Alessandra Ricci

www.enclownadas.com/index.php?macro=5

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