Bilder zu einer Klangreise

Lokalaugen- und -ohrenschein bei einer Probe fürs "Musik-zum-Anfassen"-Konzert der Volksschule Liebhartsgasse

Wie eine Blockflöte klingt – das kennst du sicher. Hier im Turnsaal der Volksschule Liebhartsgasse in Wien-Ottakring, blasen Hasan (eine rote), Yusuf (eine weiße). Sie werden von Ivan auf einer flachen hölzernen serbischen Flöte begleitet. Wahrscheinlich sind dir auch Töne einer Geige nichts Fremdes.  Von den Kindern der 4a streicht Saša zwischen den schon genannten Flötisten und der geigenden Musikstudentin Maria über die Saiten. Aber schon Berfins Spiel auf der Saz (einer aus der Türkei kommenden Verwandten der Mandoline, einer Art Gitarre mit dickerem, runderem Bauch) ist möglicherweise nicht jeder und jedem geläufig. Die jungen Musizierenden dieser (und der Parallelklasse 4b) verwenden bei der Probe im Turnsaal aber noch ganz schön viel andere Instrumente. So lassen Milica und Mileva Reindln über den Boden rollen,... ... Lukas wälzt eine schmale, längliche, goldene, alte Kaffeemühle hin und hier – das scheppert richtig. Genau passend fand das die Gruppe der Musikant_innen, die gleichzeitig auch komponieren, um das Geräusch einer fahrenden Kutsche hörbar zu spielen. Und die brauchten sie für die Reise von Kroatien nach Serbien. 
Zu jedem der Herkunftsländer der Mädchen und Buben fanden sie Bilder. Zu Kroatien fielen in der Runde spontan die Lipizzaner. Aus dem zwischen Österreich und Kroatien liegenden Slowenien (Lipica) stammen die berühmten weißen Pferde der Spanischen Hofreitschule in Wien. Waren erst einmal die Pferde da, drängte sich die Kutsche als Fortbewegungsmittel auf. Und wenn der Räder über die alten Kopfsteinpflasterstraßen rollten, na dann mag sich das durchaus so ähnlich angehört haben wie die über den Turnsaalboden rollenden Töpfe und die holprig-scheppernde Kaffeemühle. Bevor die Kids in diesem Projekt der Reihe Musik zum Anfassen (das diesmal auch mit internationalen Projekten von Künstler_innen kooperiert, die mit Kindern im Bildungssystem arbeiten) im Turnsaal selber ans Komponieren und die Partitur herangingen, hatten sie schon außerhalb der Schule geforscht. So wohnten sie einer Orchesterpobe bei. Und sie hielten mit ihren Aufnahmegeräten Stimmen, Töne, Geräusche auf dem in ihrem Bezirk liegenden bekannten Brunnenmarkt fest.
Und dann sitzen sie da auf Langbänken in einer Art Halbkreis unterhalb eines der Basketballkörbe. Ein sehr langer, breiter Papierstreifen, hängt an der Wand – zunächst noch leer. Auf ihn beginnen sie alle ihre Herkunftsländer – Polen, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Türkei, Afghanistan und Österreich – aufzuschrieben. Der Reihe nach werden nun (Klang-)Bilder zu den Ländern gesucht, gefunden und aufgezeichnet/-geschrieben. Welche Töne/Klänge/Geräusche werden gebraucht, um den Bildern zu entsprechen. Mit welchen Instrumenten können sie erzeugt werden. Dazu noch Lautstärke und Dauer – alles muss irgendwie festgehalten werden, die Partitur soll ja, wie anderen Musiknoten dazu dienen, das Stück mehrmals zu spielen. Für Polen stehen hier Pirogi, gefüllte Teigtaschen. Koch- und Schmatzgeräusche sind die akustische Entsprechung.
Eine Annäherung an klassisch musikalische Passagen bringt Serbien. Für dieses Land einigten sich die Volksschüler_innen auf den beliebten Kola-Tanz – klappernde Schuhe werden dafür zum besten gegeben. Noch einen Nachfolgestaat Ex-Jugoslawiens weiter – bei Mazedonien – entschieden sich die Kids für eine Qifteli (albanische Version von çifteli), wie die türkisch/kurdische Saz, verwandt mit der Mandoline. Das Land mit der Millionenstadt auf zwei Kontinenten (Istanbul mit einem europäischen sowie einem asiatischen Teil) wird aber auch durch Teekoch- und –schlürfgeräusche zu hören sein – eines der typischen gebauchten Teegläser ziert die Partitur unter dem Landesnamen.
Mehdi aus Afghanistan (Bild) zeichnet und schreibt – in der Schrift seines ersten Heimatlandes von rechts nach links Fladenbrot und Masjid i Jami, eine der berühmtesten und ältesten Moscheen des Landes. Als es um Österreich geht, sprudeln Ideen wie die Wasserfontänen eines Springbrunnens daher – ein wahrhafter Klangteppich kündigt sich an: Vom Fahren von Stiften über Papier, wie sie’s ja hier gerade tun über den Wind, wie er beim sich drehenden Riesenrad zu hören ist, Skateboardrollen auf der Straße, Gesprächsfetzen vom Brunnenmarkt, das Läuten der Pummerin im Stephansdom, Walzertanzen vor dem Dom, Feuerwerk… Den zu sortieren, darzustellen, sich zu überlegen, wie er umgesetzt werden kann – das wird sozusagen zur gemeinsamen „Hausübung“ in de Schule – bis zum nächsten Workshop – und zur Überraschung fürs Konzert zum Abschluss dieses Projekts. Achja, natürlich werden auch jene praktischen Instrument eingesetzt, die alle immer bei sich tragen: Hände zum Trommeln (siehe voriges Foto) und die Münder zum Singen!

Mehr zum Thema

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?