Als ob ein Fisch lieber im Wasser oder der Dose schwimmen möchte

Schüler_innen der 3A der HS Ulmerfeld-Hausmeningen (NÖ) im Gespräch mit Wolf Biermann

Wolf Biermanns Besuch veranlasste die Schülerinnen und Schüler zunächst zu recherchieren, sich in den gedruckten Lexika sowie Online über die Begriffe, die geschichtlichen Fakten und den Gast selber schlau zu machen. Und die direkten Gespräche machten die großen Themen anschaulich. Die Fragen der Jugendlichen zielten auf die konkreten Auswirkungen auf den Alltag der Menschen ab. Kerstin Losbichler und Pascal Swoboda eröffneten dazu den Reigen der Interviewduos im Palais Epstein, wo die Demokratiewerkstatt beheimatet ist. Die ständig zu befürchtende Bespitzelung durch die Stasi beispielsweise hätte dazu geführt, dass sich die Menschen nicht so gern in Gaststätten, sondern lieber in privaten Wohnungen trafen. Kinder mussten oft in zwei Welten leben – kritische Äußerungen und Haltungen zu Hause durften sie keinesfalls in der Schule erzählen. Er selbst habe anfangs die Mauer befürwortet, weil er dachte, sie würde ein Ausrinnen der Bevölkerung der DDR in den Westen verhindern. Weil er aber die Gründe für das Abhauen vieler Menschen in der DDR selbst gesehen habe, wollte er – mit so manch anderen – lieber im Land was zum Besseren verändern statt abzuhauen. Hoch erfreut zeigte sich der prominente Gast vor allem auch von Fragen zu seiner Kunst wobei er besonders von Losbichlers Frage angetan war, die wissen wollte, wann er mit der Musik begonnen habe. „Das hat mich noch nie jemand gefragt, und drum hab ich auch noch nie darüber nachgedacht“, gestand er, um sich dann daran zu erinnern, dass „ich sicher schon als Baby im Bauch meiner Mutter viele Lieder gehört habe, weil sie gern gesungen hat. Selber habe ich dann mit drei, vier, fünf Jahren gesungen als ich jeden Tag in der Früh ungefähr eineinhalb Stunden allein bleiben musste.“ Einer Gesprächsrunde der beiden genannten Interviewer_innen sowie Jasmin Scheller, Marco Leitzinger, Tobias Dieminger uns Bianca Steinkogler, die zum Beispiel wissen wollten, wie ihm Österreich gefalle, erzählte Biermann, dass er neuerdings öfter mal nach Wien komme, weil hier sein Sohn nach einem abgebrochenen Geschichte- und Anglistikstudium eine Lehre als Schuhmacher mache. „Und er ist glücklich“. Für kräftige Lacher sorgte eine Episode über die ungefähr sieben- oder acht-jährige Nina Hagen. Er sei mit deren Mutter liiert gewesen, habe Gitarre gespielt und eines seiner kritischen Lieder gesungen, worauf die damalige Jungpionierin geschrien habe: „Du sollst meinen Walter Ulbricht nicht ärgern!“, der damals „Chef bei uns war“.
„Aufregend und schon auch ein bisschen komisch“, fanden die Jugendlichen die Begegnung „mit so einem berühmten Menschen so über Vergangenes reden zu können“. Beeindruckt haben sie nicht zuletzt „seine witzigen Bemerkungen, die er immer wieder eingestreut hat“. Und sie gestanden, „vorher haben wir uns für diese Themen nicht so interessiert“. Und Biermann wiederum freute sich über das rege Interesse, die vielen Fragen „und dass ich ein bisschen von dem, was ich erlebt habe, weitergeben konnte und ihr es vielleicht in euer Weltbild einbauen könnt“.
„Der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur ist wie für einen Fisch das Leben im Wasser oder in der Fischdose oder die Entscheidung, ob ich Würstchen oder Stacheldraht essen soll“, brachte er noch zwei plakative Beispiel auf die Fragen von Annlena Hochstöger und Marcel Wieser. „Allerdings muss ich schon auch einen Nachteil der Demokratie erwähnen: Jeder ist für sich selber verantwortlich. Und das kann unbequem sein, manche kriegen lieber alles von oben vorgesetzt.“

Mehr zum Thema

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?