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Wir alle haben Verantwortung
07/17/2015

"Wir alle haben Verantwortung"

Verhetzende Schlagzeilen, unprofessionelle Politik: Katharina Stemberger und Fabian Eder reicht es. Ihr Projekt soll Flüchtlinge und ihre Schicksale aus der Anonymität holen und Menschen die Angst vor dem Fremden nehmen.

von Julia Pfligl

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2700 Flüchtlinge wurden am Mittwoch aus dem Mittelmeer gerettet – 2700 von 150.000, die seit Jahresbeginn über den Seeweg nach Europa gekommen sind. 1000 Menschen flüchten täglich über Serbien nach Ungarn. Die dramatischen Schicksale hinter den Zahlen wollen Katharina Stemberger (46) und Fabian Eder (52) sichtbar machen. Das Künstler-Ehepaar hat ein dreiteiliges Integrationsprojekt aufgestellt: Kurzfilme, die im Sommer am Wiener Rathausplatz gezeigt werden, ein Konzert mit Willi Resetarits (siehe Info unten) sowie eine Doku, die eine Woche vor der Wien-Wahl auf ORF III laufen wird. Im Interview erklären sie, warum sie nicht länger schweigen können – und was sie so wütend macht.

KURIER: Wie ist Ihr Projekt entstanden?

Stemberger: Man hat uns gefragt, ob wir einen Geburtstagsfilm für das Integrationshaus drehen wollen. Etwa zur selben Zeit hat sich die Flüchtlingssituation in Österreich dramatisch verschlimmert. In diesem Vakuum konnten sich Kräfte breit machen, die auf sehr populistische Art und Weise Angst schüren. Die Österreicher haben schon x-mal bewiesen, dass sie helfen – aber wenn man ihnen nur Angst macht, werden sie verunsichert. Und das ist passiert.

Was entsetzt Sie an der aktuellen Debatte am meisten?

Stemberger: Ob es politisches Kalkül, Unfähigkeit oder fehlender Mut ist – das unprofessionelle innenpolitische Hickhack findet auf dem Rücken von Menschen statt, die sich nicht wehren können. NGOs haben diese Situation seit Jahren vorausgesagt. Mir kommt das so vor, als würde ich zu einer Theaterpremiere gehen und meinen Text nicht können. Der Regisseur würde mich sofort hinausschmeißen. Mit Recht!

Eder: Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich Unprofessionalität ist und nicht Absicht. Seit der Syrien-Konflikt im Gange ist, ist klar: Die kommen. Da kann man sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Wenn ich sehe, wie die Zustände in den bulgarischen Aufnahmezentren sind, kommt mir das Kotzen. Wir diskutieren über unglaubliche Wirtschaftsthemen und haben nicht das Kleingeld, da etwas Ordentliches auf die Beine zu stellen.

Kennen Sie das Gefühl, sich fremd zu fühlen?

Stemberger: Ja, sehr gut – sogar im eigenen Land. Wenn ich sehe, wie die Leute Gratiszeitungen mit verhetzenden Schlagzeilen lesen, fühle ich mich sehr fremd. Vergangenes Jahr hat der Wiener Bürgermeister spontan für mehr als 600 Flüchtlinge Quartiere zur Verfügung gestellt. Am nächsten Tag sitze ich in der U-Bahn und lese: Flüchtlinge überrennen Wien. Wenn man solche Headlines zehn Mal bringt, darf man sich nicht wundern, dass die Bevölkerung Angst bekommt und sich bedroht fühlt.

Wie kann man den Menschen diese Angst nehmen?

Stemberger: Ich glaube, dass es bei diesem aufgeheizten Thema wahnsinnig wichtig ist, Begegnung zu ermöglichen, einander voneinander zu erzählen. Man kann nur vor etwas Angst haben, das man nicht kennt. Deswegen werden wir beim Konzert auch Flüchtlinge auf die Bühne holen und sie sprechen lassen. Ich möchte diese Menschen mit ihren Schicksalen sichtbar machen – und zwar ohne Betroffenheit. Betroffenheit lähmt, sie ist eine Sackgasse.

Sie haben bereits eine Dokumentation über Lampedusa gemacht. Spüren Sie als Künstler eine soziale Verantwortung?

Stemberger: Die Menschen tun immer so, als ob wir uns das aussuchen könnten. Wir alle haben Verantwortung, ob es uns recht ist oder nicht. Ich habe das unverdiente Glück, in diesem Land geboren zu sein, und daraus wächst mir per se eine Verantwortung. Viele sagen mir immer: Aber was soll ich tun? Jeder Mensch kann, wenn er oder sie will, die Augen öffnen, um in seinem Umfeld nach seinen Möglichkeiten etwas zu verändern. Was mich viel mehr schreckt als die Kanalratten, die jetzt immer lauter werden, ist die große Menge der Menschen, die schweigt. Die in ihren wohlsituierten Lebensblasen leben und denken, dass sie das alles nichts angeht.

Was kann Kunst beitragen?

Eder: Man kann sensibilisieren. Unser Film ist eine Möglichkeit, diesen Menschen ein Gesicht zu geben und sie aus der Anonymität herauszuführen. Wir versuchen, den Konnex zwischen Asyl und Integration herzustellen. Unser Asyl-Begriff ist veraltet: Wir glauben, da kommt jemand, bleibt drei Monate und fährt dann wieder heim. Meist ist das aber nicht so. Also muss man sich fragen, wie man damit umgeht. Ist es tatsächlich eine Bedrohung oder eine enorme Chance?

Wie kann Integration funktionieren?

Eder: Natürlich ist die Sprache wichtig, das wissen wir. Zuerst muss man sich aber klar sein, dass Flüchtlinge Traumatisches erlebt haben. Man muss sie psychologisch betreuen, dann funktioniert auch die Kommunikation besser. Ich glaube, das hat man bei den Flüchtlingen, die in den 1990er-Jahren vom Balkan gekommen sind, sträflich vernachlässigt.

Stemberger: Wenn man sich nur ein Zehntel dessen vorstellt, was diese Leute erlebt haben, reicht das schon. Sie haben alles verloren, kommen in unser Land, wo sie die Sprache nicht können, und dann werden sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Dabei haben sie Fähigkeiten, Talente und einen Bildungsgrad, von dem wir oft nichts wissen – da bleibt viel Potenzial für unser Land brach liegen, weil wir nicht fragen: Was kannst du eigentlich?

Wie haben Sie die Begegnungen mit Flüchtlingen erlebt?

Stemberger: Diese Menschen sind so wahnsinnig dankbar, dass ihnen keine Bomben auf den Schädel fallen, dass sie mit ihren Kindern zum Arzt gehen können. Jede zweite Frage von ihnen ist: Wie kann ich etwas zurückgeben? Und dazu gehört auch, dass man sie arbeiten lässt.

In den Kurzfilmen fragen Sie Flüchtlinge, was für sie Heimat ist. Was würden Sie antworten?

Stemberger: Heimat ist ein Ort, wo ich mich sicher fühle – so sicher, dass ich laut schimpfe, wenn mir etwas nicht gefällt. Gott sei Dank lebe ich in einem Land, wo ich das Recht habe, meine Stimme zu erheben, ohne dafür eingesperrt zu werden.

Eder: Ich habe mir diese Frage immer wieder gestellt. Schlussendlich finde ich die Definition von Giusi Nicolini (Bürgermeisterin von Lampedusa, Anm.) am schönsten, die sagt: Heimat ist der Ort, wo ich aufgewachsen bin, den ich jederzeit verlassen, an den ich aber immer zurückkehren kann.

Katharina Stemberger

Die Tochter der Schauspielerin Christa Schwertsik und des Tropenmediziners Heinrich Stemberger studierte Cello und absolvierte Schauspielausbildungen in Wien und Los Angeles. Ihre Schwester ist die Schauspielerin Julia Stemberger. Im Sommer ist sie als Schuldknechts Weib im Jedermann in Salzburg zu sehen.

Fabian Eder

Nach seinem Studium an der Filmakademie arbeitete der Sohn von Bibiana Zeller und Otto Anton Eder als Kameramann, später als Regisseur (z. B. bei "Tatort"-Folgen). Stemberger und Eder sind seit 1997 ein Paar und seit 2002 verheiratet. Sie haben eine 14-jährige Tochter.

Musizieren für Vielfalt und Toleranz

Eigentlich wollte Willi Resetarits alias Ostbahn Kurti heuer keine Konzerte geben. Die negative Berichterstattung über die Asylproblematik veranlasste ihn aber dazu, seine Auszeit zu unterbrechen und am Freitag, 24. Juli, ein besonderes Konzert zu spielen: Auf einer der größten Freiluftbühnen Österreichs, dem Frankenburger Würfelspielgelände in Oberösterreich, wird er vor mehr als 2000 Zusehern gemeinsam mit dem "Stubnblues" und Katharina Stemberger musizieren. Die Einnahmen gehen an das Projekt von Stemberger und Fabian Eder. Der Schauplatz erinnert an das Schicksal der Menschen während des Dreißigjährigen Kriegs, die ihre Heimat verlassen mussten. Während des dreistündigen Konzerts werden auch Flüchtlinge zu Wort kommen. "Wir müssen endlich aufhören, über sie zu sprechen, und sie selber sprechen lassen", sagt Stemberger. Regisseur Eder wird das Konzert filmisch dokumentieren.

INFO: www.frankenburger-kultursommer.at, www.williresetarits.at. Tickets (26 €, für Schüler & Studenten 23 €) bei Ö-Ticket und in allen Raiffeisen-Filialen.

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