Goodall krault den ältesten Schimpansen der Welt, Gregoire, der mit 66 Jahren 2008 im Zoo von Brazzaville starb.

© EPA

Verhaltensforschung
03/29/2014

Jane Goodall: Die Schimpansenforscherin wird 80

Jane Goodall hat es bewiesen: Schimpansen können kommunizieren, Gefühle zeigen und Werkzeuge benutzen

von Martin Burger

Sie hat sämtliche Regeln gebrochen. Schimpansen in Freiheit beobachtet, als das noch niemand tat, ihnen Namen gegeben, als das noch verpönt war.

Jane Goodall, die am 3. April 1934 in London geboren wurde, kam 26-jährig im Auftrag des Verhaltensforschers Louis Leakey nach Gombe, Tansania, um das Verhalten der Schimpansen zu erforschen. Schon als Mädchen untersuchte sie Phänomene aus der Tierwelt. Sie schlich sich in einen Hühnerstall, weil sie sich nicht erklären konnte, wo das Huhn die Öffnung hat, die groß genug ist, ein Ei durchzulassen. Nach vier Stunden Feldforschung wusste sie es. Ihre Eltern ließen sie dennoch einen anständigen Beruf erlernen. Die später berühmteste Verhaltensforscherin der Welt erlernte das Sekretärinnen-Handwerk.
In ihrer Autobiographie erklärte sie 1999 wie sie es trotzdem nach Afrika schaffte: "Am 18. Dezember 1956 erhielt ich von meiner besten Freundin Clo einen Brief aus Afrika. Ihre Eltern hatten gerade eine Farm in Kenia gekauft. Und sie fragte, ob ich sie besuchen wollte." Goodall gab sofort ihren Job auf und verdiente sich als Kellnerin die Reise. Nach dem Ende der Ferien blieb sie. Zuerst als Sekretärin, dann setzte sie alles daran, den Paläontologen und Anthropologen Louis Leakey kennenzulernen. "Ich glaube er war beeindruckt, dass jemand ohne akademische Vorbildung wusste, was Worte wie Ichtyologie (Fischkunde, Anmerkung) und Herpetologie (Kriechtierkunde) bedeuten."
Jedenfalls wurde sie Leakys Privatsekretärin, er erzählte ihr immer wieder von Schimpansen. Eines Tages platzte es aus ihr heraus: "Louis, ich wünschte du würdest nicht immer davon reden, denn genau das würde ich für mein Leben gern machen."

In den 1950er-Jahren beschränkte sich die Schimpansenforschung auf Untersuchungen am toten Objekt. Die bis dahin längste Geländeforschung hatte zwei Monate gedauert, Goodall legte ihre Untersuchung auf Jahrzehnte an. "Leaky war der Meinung, es sollte jemand mit den Tieren arbeiten, der unvoreingenommen ist."

Was sie beobachtete sollte unser Bild vom seelenlosen Affen und damit auch unser Menschenbild revolutionieren. David Greybeard, ein Schimpanse, gebrauchte, um an Termiten zu kommen, Werkzeuge. Es folgte ein Aufschrei von Seiten der Wissenschaft und der Theologie: Die Einzigartigkeit des Menschen war in Frage gestellt. Auch beschrieb sie Schimpansen als lebhafte Persönlichkeiten. Wieder eine Todsünde. Nur Menschen besaßen damals Persönlichkeit. Goodall erkannte aber auch, dass Schimpansen keinesfalls die besseren Menschen waren. Schimpansengruppen führen Krieg gegeneinander, es gibt Fälle von Kindesmord und sie sind Kannibalen.

1965 promovierte Goodall an der Universität von Cambridge. Damals lernte sie auch den Fotografen Hugo van Lawick kennen, der ihr Schimpansenprojekt dokumentieren wollte. Die beiden heirateten. "Hugo und ich bauten gemeinsam eine Forschungsstation auf. Wir bekamen ein Kind, Hugo Eric Louis, und gegen Ende des Jahrzehnts wurden wir wieder geschieden."

Heute setzt sich Goodall hauptsächlich für den Schutz der Umwelt im Allgemeinen und den Schutz der Schimpansen im Besonderen ein. Und sie verrät die Quelle ihrer Kraft: "Ich trage den Frieden in mir." Und außerdem? "Ich fühle mich verpflichtet, für den Fortbestand der Wälder, der Natur und der Tiere zu kämpfen. Für unsere Kinder und Kindeskinder, denen wir es schuldig sind, keine zerstörte Welt zu hinterlassen."

Ermutigt von dem Erfolg der Engländerin machte sich, sieben Jahre nach Goodalls Eintreffen in Afrika, die Amerikanerin Dian Fossey auf, um die letzten freilebenden Berggorillas zu erforschen. Wie Goodall widmete auch Fossey ihr ganzes Leben den Menschenaffen. Sie verlor es im Kampf für den Schutz der Berggorillas.

Buchtipp: Jane Goodall und Dian Fossey, Unter wilden Menschenaffen, Gerstenberg Verlag, Preis: 13.30 €. Erscheint im Sommer 2014.

Schimpansen sind uns Menschen verblüffend ähnlich

50 Jahre Forschung im Naturreservat Gombe in Tansania haben den Blick auf unsere nächsten Verwandten nachhaltig verändert. Mehr noch: Die Erkenntnisse der weltberühmten Primaten-Forscherin Jane Goodall revolutionierten die Wissenschaft.

1963: Bereits in ihrer Anfangszeit in Afrika entdeckte Jane Goodall, dass Schimpansen keine Vegetarier sind. Sie fressen sogar Säugetiere und teilen miteinander. Im selben Jahr beobachtete sie, dass Primaten Werkzeuge anfertigen.

1965: Goodall stellte fest, dass Schimpansen in komplexen Sozialverbänden leben. Beispielsweise gibt es stabile Mutter-Kind-Beziehungen, die andauern bis das Junge erwachsen ist.

1971: Goodalls Erkenntnis, dass Schimpansinnen polygam sind, löste einen Aufschrei aus. Brünstige Weibchen paaren sich oft mit allen Männchen ihrer Gruppe.

1977: Ähnlich war es mit ihrer Arbeit über Rivalität und Futterneid bei Weibchen. Das kann soweit gehen, dass Schimpansinnen fremde Jungen töten.

1979: Goodall fand heraus: Zwischen benachbarten Gruppen herrscht Krieg. Auch unsere nächsten Verwandten kämpfen um Land.

1997: Die Forscher in Gombe entdeckten bei Weibchen eigenständige Hierarchien: Bei ranghohen Schimpansinnen ist die Säuglingssterblichkeit geringer.

2009: Die bisher letzte Erkenntnis aus der von Goodall gegründeten Forschungsstation: Auch Schimpansen infizieren sich mit dem Vorläufer von HIV-1 und erkranken an AIDS.

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