Augenzeugen im US-Staat Virginia filmen das Flammeninferno bei der Explosion der Antares-Rakete und der Raumkapsel Cygnus

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Internationale Raumstation
10/30/2014

Was machen die da oben?

Nach der Explosion einer Trägerrakete kommen erneut Zweifel am Nutzen der ISS auf.

von Julia Pfligl, Martin Burger

Die NASA hat eine Nachrichtensperre verhängt. Über die Ursache der "katastrophalen Anomalie", wie die Explosion der privaten amerikanischen Trägerrakete "Antares" Dienstagnacht im NASA-Jargon genannt wird, soll erst nach einer gründlichen Untersuchung des Vorfalls etwas bekannt gegeben werden. Offensichtlich seien die Treibstofftanks der Rakete explodiert, hieß es lediglich. Zu peinlich ist die Panne für die geschrumpfte Weltraumsupermacht USA. Auch der sonst so kommunikative deutsche ISS-Astronaut Alexander Gerst hat sich bis dato nicht zu der gescheiterten Versorgungsmission geäußert (siehe Porträt unten).

Die Rakete sollte eine Versorgungskapsel namens "Cygnus" mit 2,3 Tonnen Lebensmittel und wissenschaftliches Material zur Internationalen Raumstation ISS bringen. Rakete und Frachter hoben pünktlich vom Weltraumbahnhof Wallops (US-Bundesstaat Virginia) ab. Sekunden später sütrzte die Rakete in einem riesigen Feuerball auf die Erde. Der Schaden: umgerechnet 156 Millionen Euro für die vernichteten Vorräte, die erheblichen Schäden an der Bodeninfrastruktur nicht miteingerechnet.

Kritik

Der Absturz des US-Raumfrachters hat dem russischen Raumfahrtsprecher Wladimir Solowjow zufolge allerdings auch negative Folgen für die Forschung auf der ISS. "Das Unglück zwingt die Amerikaner, wichtige wissenschaftliche Experimente zu verändern, weil die Ausgangsmaterialien verloren gingen", sagte Solowjow. Wichtige Experimente? Von Beginn an gab es Kritik an der Raumstation, die seit dem Jahr 2000 bemannt ist. Die Betriebskosten von mehr als drei Milliarden US-Dollar pro Jahr, stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, meinen ISS-Gegner.

Dabei führen die ISS-Astronauten während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte rund 100 Experimente durch. Gersts Highlight: Der Einbau eines sogenannten "Schwebeofens" zum Schmelzen und Erforschen von Metall-Legierungen. "Wie verhalten sich flüssige Metalle, wenn man sie mischt und wie man neue Werkstoffe herstellt", fragte Gerst in einem 3sat-Interview imMai.

"Was da oben gemacht wird, ist nicht gerade Wissenschaft an vorderster Front", meint der Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann. Ausnahme: das AMS, ein Massenspektrometer, das nach Antimaterie sucht, "da könnte eines Tages etwas herauskommen". Publikationen in den Fachmagazinen Nature und Science gab es bis dato nicht. "Das hängt damit zusammen, dass die ISS nicht als Forschungsstation im Weltraum angelegt war, sondern als Symbol zum Abschluss des Kalten Krieges. Man hat den Wissenschaftlern, salopp formuliert, gesagt: ,Jetzt experimentiert mal schön‘."

Die US-Raumfahrtbehörde hat die Nutzung der ISS vor Kurzem bis 2024 verlängert.

Sein traurigstes Foto schickte Alexander Gerst am 23. Juli. Eine Satellitenaufnahme von einer Stadt, mitten in der Nacht, jedoch hell erleuchtet. „Von der ISS können wir Explosionen sehen, und Raketen, die über den Gaza-Streifen fliegen“, kommentierte er sein Bild im Kurznachrichtendienst Twitter.


Seit Mai lebt und arbeitet der 38-jährige Geophysiker als Bordingenieur auf der Internationalen Raumstation (ISS). Das taten vor ihm schon zwei andere Deutsche, doch Gerst schaffte es, die breite Masse für das Thema Raumfahrt zu begeistern. Mehr als 160.000 Fans hat er auf Facebook, 180.000 auf Twitter, wo er als „Astro_Alex“ täglich Fotos und Nachrichten aus dem Weltall postet. Seine nachdenklichen Botschaften haben dem studierten Geophysiker und Vulkanforscher den Spitznamen „Weltraum-Philosoph“ eingebracht: „Von hier oben gibt es keine Grenzen. Die Menschheit eint dasselbe Schicksal“, sinnierte er angesichts anhaltender Konflikte auf der Erde.


Fußball & Salti

Beeindruckend sind Gersts Aufnahmen von Naturphänomenen, etwa dem Hurrikan „Gonzalo“, der Anfang Juli über der Karibik wütete, Sahara-Sand über dem Atlantik oder Überschwemmungen in Indien – fotografiert aus 415 Kilometern über der Erdoberfläche.
Das Vergnügen kommt in der 110 mal 100 mal 30 Meter kleinen Raumstation, die Gerst mit drei Russen und zwei US-Amerikanern teilt, auch nicht zu kurz. Nach dem WM-Sieg der deutschen Mannschaft durfte der Fußball-Fan seinen Astronautenkollegen die Haare abrasieren, während des Zähneputzens schlägt er schon mal ein paar Salti. Physik zum Angreifen, quasi.
Nach 166 Tagen im All endet Alexander Gersts Mission am 10. November. Trotz Explosion des unbemannten Raumtransporters „Cygnus“ wird der „Star- Astronaut“ wie geplant zur Erde zurückkehren. „Wir werden deine Bilder vermissen“, ist dieser Tage auf Gersts Facebook-Seite nicht nur ein Mal zu lesen.

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