Leben 17.02.2018

Hundetrainer Rütter: "Der Hund ist nie das Problem"

Martin Rütter setzt beim Training auf Belohnung und Bestätigung. © Bild: MartinRütter

Der Tierpsychologe erklärt, warum Problemhunde allesamt freizusprechen sind.

Martin Rütter, deutscher Hundetrainer, Entertainer und Buchautor, versteht sich als Anwalt der Hunde. Er wurde seit Mitte der 1990er-Jahre durch TV- und Bühnenshows bekannt. Im Fernsehen (Sender VOX) coacht er „schwierige“ Hunde bzw. deren Halter. Auf der Bühne verpackt er seine Hundeexpertise in ein Kabarett-Programm. (Sein nächster Auftritt in Wien findet am 9. März 2018 in der Stadthalle statt.) Sein Wissen und seine sanfte Trainings-Methode gibt er in mittlerweile hundert Hundeschulen weiter, auch in Österreich. Im KURIER-Interview erklärt der Tierpsychologe, der Erfahrungen u.a. mit Wölfen, Dingos, Blindenführ- und Rollstuhlbegleithunden sammeln konnte, die größten Fehler des Menschen im Umgang mit Hunden.

KURIER: Eine aktuelle Studie mit 3,4 Millionen Proponenten zeigt: Hundebesitzer sind fitter, glücklicher und sie leben länger. Ihre Erklärung?

Martin Rütter: Wenn jemand glücklicher und fitter ist, ist es logisch, dass er länger lebt. Ich glaube grundsätzlich, dass es lebensverändernd ist, wenn man sich auf Tiere einlässt. Deshalb finde ich es so toll, wenn Kinder die Chance kriegen, mit Tieren aufzuwachsen. Alle Hundemenschen bestätigen mir: Der Hund holt einen runter, macht den Kopf frei, lenkt ab von Arbeit, Sorgen und Stress.

Welche Rolle spielt der Hund für den Menschen heute?

Früher war der Hund ein Nutztier – Jäger, Hüter, Aufpasser. Heute ist er im Grunde arbeitslos und nur noch ein Gesellschaftstier. Gleichzeitig hat er heute die größte Aufgabe, die er jemals hatte: dem Menschen Gesellschaft leisten. Er ist Familienmitglied, Sozialpartner, Seelentröster. Das hat das Leben der Hunde sehr kompliziert gemacht. Das spannende ist: Der Hund ist das einzige Tier, das in der Lage ist, einen Artfremden als vollwertigen Sozialpartner zu sehen. Der Hund weiß, dass du kein Hund bist – und folgt dir trotzdem.

Das macht die Katze nicht.

Null. Der ist das scheißegal, dass du da bist. Für den Hund ist es Segen und Fluch zugleich. Der Hund hat nämlich auch eine Erwartungshaltung an den Menschen. Das macht die Haltung so komplex.

Nimmt der Mensch den Hund zu wichtig?

Glaube ich nicht. Vielleicht ist manchmal aber auch die Erwartungshaltung an den Hund zu groß.

Anders gefragt: ein Hund im Urlaub, im Restaurant, in der Innenstadt. Wollen wir zu viel?

Nein, weil der Hund kann sich total anpassen. Es gibt keinen Kulturkreis auf der Welt, wo es keine Hunde gibt. Auch in der Stadt: Wenn es eine Gesellschaftsgruppe gibt, die nie Probleme mit ihren Hunden hat, dann sind das die Obdachlosen. Die leben alle in der Innenstadt und keiner dieser Hunde ist unglücklich oder bellt Leute an. Weil sie von Anfang an den Lebensraum gewöhnt werden.

Sie sind für einen verpflichtenden Hundeführschein. Warum?

Weil die Welt so komplex geworden ist. Früher haben Hunde in ländlichen Gegenden gelebt, heute verschiebt sich das ins Urbane. Zum Vergleich: Wenn du einen Fisch aus der Donau holst, brauchst du einen Angelschein. Dabei ist ein Angler nie eine Bedrohung für die Gesellschaft. Ein Hundehalter kann das durch Unwissenheit aber werden. Hundehalter brauchen Grundkenntnisse. Die Leute können nicht mal richtig entscheiden, welche Rasse zu ihnen passt.

Die Menschen nehmen sich also den falschen Hund?

Martin Rütter
Interview mit dem deutschen Hundetrainer und Buchautor Martin Rütter © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Ja. Da liegt der größte Fehler – nicht in der Erziehung, sondern in der Anschaffung. Die Leute gehen hin und kaufen sich einen, den sie schön finden. Beim Menschen wählen wir auch so: Wir nehmen einen Partner, der uns gefällt. Der Unterschied: Wenn eine Beziehung nicht funktioniert, trennt man sich als Paar. Bei einem Hund ist die Verantwortung ein Leben lang gegeben. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich die Leute seriös informieren, bevor sie sich entscheiden.

Ihr Programm heißt Freispruch: Wovon muss man Hunde denn freisprechen?

Von allem. Hunde sind immer auf der Anklagebank. Und ich bin also so etwas wie ihr Anwalt. Ich komme und sage: Ich verstehe, dass dieses Verhalten nervt, aber: Das hat sich der Hund nicht selbst ausgedacht. Das ist vom Menschen gemacht oder zumindest zugelassen.

Liegt das Fehlverhalten immer beim Menschen?

Ja. Ich habe bisher 6500 Hunde trainiert, wir haben hundert Hundeschulen mit jährlich 100.000 Trainingseinheiten. Da ist nicht ein Hund dabei, wo ich sagen würde, das Problem hat der Hund gemacht. Es sind die Hundehalter und vielfach auch die Züchter, die viele Fehler machen. Man kann etwa nicht zwei hochjagdpassionierte Dackel miteinander verpaaren und die Welpen dann als Familienhund abgeben. Das funktioniert nicht, und das müssen die Leute verstehen.

Ihr Top-Tipp für Hundehalter?

Das alles entscheidende ist, den Hund wie einen Hund zu behandeln. Das ist nicht abwertend gemeint. Aber wahnsinnig schwierig. Weil wir so emotional mit den Hunden sind. Und viel zu sehr vermenschlichen. Beispiel: Es ist gerade ein veganes Hundefutter auf den Markt gekommen. Ich finde es ja ganz geil, wenn Menschen sich mit Vegetarismus beschäftigen. Aber dann auf die Idee zu kommen, mein Hund frisst jetzt vegan, das ist idiotisch.

Ihr Hund Emma ist Ihnen vor vier Jahren zugelaufen. Die ist perfekt, oder?

Nein. Die Emma ist die Hölle. Das ist keine Koketterie – sie war wohl eine der anstrengendsten Hunde, die mir je begegnet sind. Ich wollte ja auch so einen Typ Hund nie haben. Sie hat das Territorial-aggressive vom Australian Shepard und dieses total Verbiesterte vom Terrier. Für mich ist sie eigentlich zu temperamentvoll, ich bräuchte einen Doofdödel, der mitlatscht. Die Emma hat mir ganze Zimmer zerlegt, sogar die Türzarge rausgerissen. Es war bei uns auch nicht Liebe auf den ersten Blick. Es hat gut zwei Jahre gebraucht, bis wir beide gemerkt haben, wir gehören zusammen.

Kurz gefragt – was halten Sie von:

– Hund im Bett? Völlig okay.

Rüden kastrieren? Individuell zu entscheiden. Man braucht aber nicht glauben, dass man damit ein gewisses Verhalten wegmachen kann.

– Hündinnen sterilisieren? Absolut individuell, aber grundsätzlich eher nein. Weil es häufig gar keinen Sinn macht.

– Dosenfutter bzw. Trockenfutter? Gutes Futter. Und selbst kochen.

– Menschenessen für Hunde? Ist total okay. Bei mir kriegen die Hunde komplett alle Reste – Nudeln, Kartoffeln, Fleisch. Aber nicht das scharfe Chili.

– Flugzeugfliegen mit Hund? Auf gar keinen Fall, wenn der Hund als Cargofracht in die Box muss.

– Hund und Kleinkind? Eine Riesenbereicherung für Kinder.

– Kampfhunde? Sind da Dackel gemeint oder Yorkshireterrier? Ich tu mir schon mit dem Begriff schwer. Wir haben kein Kampfhundproblem, sondern ein Zuchtproblem.

( kurier.at ) Erstellt am 17.02.2018