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Theaterstück
02/21/2017

Hölle im Paradies: Die Galapagos Affäre

Sieben Menschen auf einer einsamen Insel am Äquator. Am Ende werden nur zwei davon am Leben sein. Vor 83 Jahren hielt die Galapagos Affäre mit einer Mischung aus Sex, Gewalt und Mord die Welt in Atem.

von Andreas Bovelino

Die Baroness kam mit Peitsche, Pistole und drei Liebhabern auf die Insel. Es war im Jahr 1932, ein heißer Oktobertag, auch wenn die Wolken sich wie schmutzige Bettlaken über dem Cerro Pajas, dem mit 600 Meter höchsten Berg Floreanas, türmten. Sie war nicht mehr jung, an die 40, umso zielstrebiger führte sie die kleine Karawane an ihren Bestimmungsort. Sie wusste Bescheid, hatte in Magazinen alles über die beiden merkwürdigen deutschen Familien gelesen, die hier wie Adam und Eva und Robinson Crusoe lebten und von amerikanischen Millionären und prominenten Forschern fürstliche Geschenke erhielten. Sie würde sich nicht nur ihren Anteil an den Geschenken holen, nein, die ganze Insel würde ihr gehören. Ihr Reich. Endlich. Bei der ersten Behausung im Landesinneren angelangt, ging sie ohne zu zögern auf das säuberlich angelegte Trinkwasserbecken zu. Einer ihrer Begleiter, ein hübscher schmächtiger Mann Mitte 20, kniete vor ihr nieder, zog ihr die Schuhe aus und wusch die vom langen Marsch schmerzenden Füße seiner Herrin. Den Wittmers, jenem rheinländischen Ehepaar, das sich diesen bescheidenen Luxus mühevoll aufgebaut hatte, verschlug es ob solcher Impertinenz die Sprache.

Es soll hier nicht gesagt werden, dass die Geschichte ohne das Auftreten der Baronin gut ausgegangen wäre. Aber von diesem Moment an nahm sie ihren Lauf mit der Kompromisslosigkeit einer griechischen Tragödie. Oder einer George R. R. Martin-Story: Gewalt, Intrigen, Sex, verschwundene und tote Menschen – am Ende blieben nur zwei der Protagonisten übrig. Deren Nachkommen leben allerdings noch immer auf Floreana.

Der Philosoph und seine Sklavin

Aber von Anfang an: Die ersten Siedler kamen 1929 auf die Insel. Friedrich Ritter, Arzt und sich an Nietzsche orientierender Hobby-Philosoph mit wildem Haarschopf und stechenden Augen – jedoch ohne Zähne. Die hatte er sich vorsorglich ziehen lassen, damit’s zumindest in der Hinsicht garantiert keine Scherereien auf dem einsamen Eiland gebe. Er verabscheute die kapitalistische Gesellschaftsform, die demokratische auch, konnte Menschen an sich nicht besonders leiden, sah sich als zarathustrischen Übermenschen. An seiner Seite: Dore Strauch, seine ehemalige Patientin, eine Lehrerin, die an Multipler Sklerose litt. Sie verabscheute die typische "deutsche Hausfrau",deren Erfüllung ein gut gemachtes Bett, saubere Dielen und ein Schweinebraten im Ofen sind. Dafür vergötterte sie ihren Friedrich.

Die Selbermacher

Drei Jahre später folgten Heinz und Margret Wittmer. Die Wirtschaftskrise in Deutschland veranlasste die bodenständigen Kölner zu dem radikalen Neuanfang. Pragmatisch wie sie waren, behielten die beiden ihre Zähne und nahmen lieber ausreichend Zahnbürsten mit. Dore verabscheute die ungebildete und genügsame Margret Wittmer. Friedrich Ritter mochte selbstverständlich beide nicht, half nach anfänglicher Weigerung aber doch bei der Entbindung von Margrets Sohn Rolf, der am 1. Jänner 1933 als erster "Einheimischer" auf Floreana geboren wurde. Kuriose Entwicklung: Die biederen Wittmers kamen in Floreana recht gut zurecht, lebten tatsächlich unabhängig von der Außenwelt. Während die Ritters, trotz ihrer Verachtung alles Bourgeoisen, von den Spenden amerikanischer Yachtbesitzer abhängig waren, die vorbeikamen, um die "Nackten von Floreana" zu bestaunen. Ja, Dore Strauch und Friedrich Ritter trugen oberschenkelhohe Stiefel, wegen der vielen Dornen. Und sonst nichts, wie Biologe Waldo Schmitt vom Smithsonian Institut auf einer Forschungsreise als Erster bemerkte. Und der Welt mitteilte. Ziemlich sexy.

Die Insel

Weniger sexy präsentierte sich die Insel selbst. Das Wasser war knapp, die Luft schwül und jede Ernte musste dem felsigen Lavaboden mit viel Schweiß abgerungen werden. Nicht Ritters Schweiß, denn der Philosoph war hier, um zu denken. "Er schlug Dore grün und blau und ließ sie arbeiten wie einen Maulesel", schrieb Walter Finsen, ein isländischer Fischer, der auf Galapagos lebte, in sein Tagebuch. Für den deutschen Arzt war dies eine erzieherische Maßnahme. Er fand Frauen "weichlich, schwach und feige". Für Dore Strauch, deren MS-Erkrankung immer schlimmer wurde, war es die Hölle.

Die Baronin

Doch dann kam eine Frau, der Ritter nicht gewachsen war: Baronin Eloise Wagner de Bousquet. So nannte sie sich zumindest. Angeblich war sie im ersten Weltkrieg Spionin, dann Tänzerin in Istanbul, Boutique-Besitzerin und Lebedame in Paris. Ursprünglich stammte sie aus Wien. Ihr erster großer Auftritt, wie sie den verhassten Wittmers den Schneid abgekauft hatte, dürfte sogar Ritter beeindruckt haben. Erstaunlich oft besuchte der weltverachtende Philosoph die mysteriöse Frau. Vielleicht war er anfangs nur beleidigt, weil die Baronin ihm keine Sonderstellung in ihrem Harem einräumen wollte. Als sie auf der Insel schließlich das Recht des Stärkeren einführte, Vorräte der Wittmers beschlagnahmte, Ritters Arbeitsesel konfiszierte und den Großteil der Spenden von den Besucher-Yachten für sich beanspruchte, beschloss er zu handeln. Gemeinsam mit Heinz Wittmer schrieb er einen Brief an den zuständigen Gouverneur der Nachbarinsel San Cristóbal, in dem er anregte, die gemeingefährliche Frau von einem Irrenarzt abtransportieren zu lassen. Der Gouverneur kam mit seinem jungen Dolmetscher, hörte sich Ritters Beschwerden an – und verbrachte dann die Nacht in der Hütte der Baronin. Am nächsten Tag überschrieb er ihr mehr als 1.000 Hektar Land. Ritters und Wittmers mussten sich mit lausigen 20 Hektar begnügen. Der Dolmetscher, ein junger dänischer Geschäftsmann namens Knud Arenz, reihte sich bald darauf nahtlos in ihren Harem ein.

Das Finale

Ihre Männer seien "die Sklaven dieser Frau. Das ging so weit, dass sie alle in einem Bett mit ihr schliefen, wenn sie es befahl", schrieb Dore Strauch in ihren Memoiren. Dabei war die Baronin in ihren "Erziehungsmethoden" ebenso wenig zimperlich wie Dr. Ritter. "Bubi" Phillipson, ihrem ursprünglichen Favoriten, versetzte sie mit der Peitsche einen derartigen Schlag ins Gesicht, dass ihm eine feuerrote Narbe blieb. Dennoch "würde er ihr in die Hölle folgen", wie Dore Strauch festhielt. Arenz dürfte wohl auch mal ein schlimmer Junge gewesen sein, er bekam von der Baroness einen Bauchschuss verpasst. Kaum wieder genesen, erklärte er im Krankenhaus von San Cristòbal, dass er wieder zurück zu Eloise möchte …

Zu der Zeit steuerte die Situation auf Floreana allerdings schon auf ihr düsteres Finale zu: Rudi Lorenz, der hübsche, schmächtige Fußwascher seiner Herrin, war immer mehr zum Sklaven degradiert worden, wurde von ihr und Bubi Phillipson dermaßen verprügelt, dass er um sein Leben fürchtete und bei den Wittmers Unterschlupf fand. Wütend forderte die Baronin ihr Eigentum zurück. Die Regenzeit war ausgeblieben, jede der drei Parteien kämpfte noch verbissener als bisher um die spärlichen Ressourcen. Sei es aus Rache oder royaler Gedankenlosigkeit – jedenfalls stahl die Baronin die Kondensmilch der Wittmers, die diese dringend für ihr Baby benötigten. Und plötzlich waren sie und Phillipson verschwunden. Mit einer Yacht in die Südsee, um auf Tahiti ihr Glück zu suchen, erklärte Margret Wittmer, der sie sich angeblich anvertraut hatte, unschuldig. Nur wurde zu keiner Zeit von irgendjemandem eine Yacht gesehen ...

Rudi Lorenz suchte schleunigst das Weite – und endete auf einer wasserlosen Insel, wo er nach einem Motorschaden seines Bootes gemeinsam mit dem unglücklichen Skipper verdurstete. Friedrich Ritter starb wenige Monate später an einer dubiosen Fleischvergiftung. Eigentlich war er Vegetarier. Dore Strauch fuhr zurück nach Deutschland, wo sie 1942 ihrer Krankheit erlag. Nur die stillen, biederen Wittmers blieben. Margret wurde 95 Jahre alt und starb im Jahr 2000 friedlich auf "ihrer" Insel. Das Geheimnis, was vor mehr als 80 Jahren wirklich geschah, nahm sie mit ins Grab.Der dänische Reiseschriftsteller H. Mielche, der Floreana ein Jahr vor der Tragödie besuchte, schrieb in seinem Buch Monsumens Reise: "Wenn Ritter und die Baronin sich gegenseitig dem Erdboden gleichgemacht haben und das Paradies sich in eine rauchende Hölle verwandelt hat, werden die Wittmers noch immer auf der Veranda ihres hübschen Häuschens sitzen."

Die Berliner Film- und Theaterschauspielerin Pauline Knof spielt Margret Wittmer, die Frau, die wie ein Fels sämtliche Katastrophen unbeschadet übersteht. Mit der sprach sie über ihre Sicht der Dinge.

freizeit: Margret Wittmer wirkt auf den ersten Blick sehr geerdet, beinahe bieder. Wie sie praktisch unberührt diese schrecklichen Ereignisse überstanden hat, verleiht ihr aber auch etwas Geheimnisvolles. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
Pauline Knof:Ja, sie war stark. Eine Anpackerin. Zum ersten Weihnachtsfest auf der Insel, da war sie im neunten Monat schwanger und die Familie lebte in einer Höhle, machte sie Schweinebraten und Leberwürste. Das muss man sich mal vorstellen, auf einer einsamen Insel am Äquator! Es gibt Literatur, einen Dokumentarfilm, Reiseberichte – und Margret selbst hat ein Buch darüber geschrieben: „Postlagernd Floreana“. Im Sommer war ich auf Galapagos – leider war gerade Nebensaison und es ging keine Fähre nach Floreana. Ich habe geflucht ...

Sonst hätten Sie sich mit Ihrer „Tochter“ Floreana Wittmer unterhalten können, die das Hotel auf der Insel führt.
Das wäre interessant gewesen. Obwohl sich die Familie seit 30 Jahren nicht zu den Geschehnissen äußert. Die Wittmers gelten als Gründerväter der heutigen Siedlung auf Floreana. Rolf, dem Sohn von Margret, wurde sogar eine Büste am Hafen gewidmet! Aber es war interessant zu sehen, wie wenig paradiesisch diese Inseln tatsächlich sind. Die Landschaft ist kaum lieblich, es gibt undurchdringliche Dornendickichte, Kakteen, Lavageröll. Eine eher menschenfeindliche Natur, wunderschön und abweisend zugleich. Da muss man eine robuste Mentalität und Physis haben, um zu überleben. Die Wittmers haben es geschafft, alle davor sind gescheitert.

Apropos Paradies: Wie konnten die Dinge so aus dem Ruder laufen? Ist es die Schuld der „Schlange“ Eloise?
Es ist schon faszinierend zu sehen, dass sieben Erwachsene es nicht miteinander aushalten, obwohl sie auch noch aus dem gleichen Sprach- und Kulturkreis kommen. Für mich ist das Paradies kein Ort, sondern ein Geisteszustand. Man kann es nicht finden – denn selbst wenn man am schönsten Strand der Welt steht, ist der eigene Charakter schon dabei. Auf Floreana war die Ausgangslage besonders ungünstig. Die Menschen, die dort aufeinander trafen, waren wohl schon in der „normalen“ Gesellschaft nicht kompatibel. Kompromissbereitschaft schien nicht ihre große Stärke zu sein. Und dann trafen hier Philosophen auf Macher und auf hochstapelnde Kapitalisten – sehr, sehr schlechte Mischung ...

War es also ein reiner Clash der Ideologien oder spielten auch emotionale Spannungen mit?
Vier Männer und drei Frauen allein auf einer Insel ... Die Kräfte und Allianzen verschieben sich ständig und der Überlebenskampf bringt wahrscheinlich nicht das Beste aus den Menschen heraus.

Und Sie – also Margret Wittmer?
Ich glaube, dass die Wittmers am Ende überlebten, weil kein Blatt Papier zwischen sie passte. Sie hatten den Willen, es gab eine klare Arbeitsteilung, gegenseitige Unterstützung und eine idente Lebensauffassung: Harte Arbeit wird belohnt und basta. Zum Abschluss: Wer war’s? Wir wissen es nicht. Aber das ist auch das Spannende. Jeder kann seine eigenen Schlüsse ziehen ...

„Der Herr der Fliegen“ trifft auf Dschungelcamp, mit einer ordentlichen Portion „50 Shades of Grey“. Aber im Ernst, nicht putzig weichgespült wie aktuell im Kino. Die Affäre auf der einsamen Insel des Galapagos Archipels zog weite Kreise. Sogar US-Präsident Franklin D. Roosevelt ließ es sich nicht nehmen, auf Floreana vorbeizuschauen und mit der überlebenden Familie Wittmer über die Ereignisse zu sprechen. Georges Simenon hat einen Roman darüber geschrieben, Cate Blanchett, Conny Nielsen und Diane Kruger sprechen in der US-Doku „Satan came to Eden“ die Frauenrollen.

Und jetzt gibt es das TheaterstückGalapagos“ von Felix Mitterer. Zu sehen ab 16. März im Theater in der Josefstadt.