Leben
04.09.2018

Grüß Gott, Frau Direktorin der Diakonie

Führungswechsel: Maria Katharina Moser leitet ab sofort eine der größten Hilfsorganisationen des Landes.

Der erste Tag im neuen Amt – und schon hat sie eine erste heikle Frage zu beantworten. Was sie denn anders machen will als ihr Vorgänger? Eine berechtigte Frage, denn Michael Chalupka war in seinen sechs Amtsperioden bzw. 24 Jahren als Direktor der Diakonie zu einem moralischen Gewissen des Landes gereift.

Maria Katharina Moser lächelt freundlich im Büro der Diakonie Österreich, das sich im Albert-Schweitzer-Haus befindet. Sie kennt die Journalistenseite gut, war ja in der Religionsabteilung des ORF selbst eine. Und so erklärt die 44-jährige Oberösterreicherin wohl überlegt: „Wir erhalten unseren Auftrag aus dem Evangelium, und der ändert sicht nicht.“ Der Auftrag lautet: „Dort zu sein, wo die Nöte und Bedürfnisse der Menschen sind.“ Die ändern sich sehr wohl.

In der ersten Sitzung, die sie leitet, spricht die evangelische Pfarrerin mit ihrem neuen Team über die Veränderungen: „In Österreich leben 130.000 Menschen mit Demenz. Diese Zahl wird sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Für sie und für ihre Angehörigen müssen wir mehr und bessere Angebote schaffen.“

Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld für die Diakonie in den nächsten Jahren: „Die bessere Inklusion von Menschen mit Behinderung. Sie ist ein guter Gradmesser dafür, wie ernst es uns mit der Menschenwürde und mit der gesellschaftlichen Teilhabe wirklich ist.“ Für die promovierte Sozialethikerin gilt dabei die Prämisse: „Gott hat in jeden Menschen eine schöpferische Kraft gelegt.“

Diese Kraft stecke auch in jungen Menschen, die nicht das Glück hatten, in ähnlich behüteten Verhältnissen wie die älteste von vier Geschwistern eines Eferdinger Ehepaars aufzuwachsen. „Das ist eine Pflicht für uns alle. Die Hilfe sozial benachteiligter Kinder dürfen wir nicht privatisieren und ihren Familien überlassen. Je früher wir helfen, umso wirksamer ist es.“

Maria Katharina Moser war zuletzt dort, wo nicht wenige Benachteiligte leben. Bis Juni hat sie mit viel Herzblut die evangelische Pfarre in Wien-Simmering geleitet. Der Abschied, erzählt sie, sei ihr nicht leicht gefallen: „Ich wollte es der Gemeinde im Gottesdienst sagen, anschließend bin ich sofort ins Kammerl weinen gegangen.“

Auffallend ist, dass die neue Direktorin von sich aus nicht das Lieblingsthema der aktuellen Bundesregierung anspricht. Auf Nachfrage erläutert sie: „Natürlich werden wir als Diakonie weiterhin den Flüchtlingen helfen.“ Man möge aber bitte die Kirche im Dorf lassen: „Wir reden von weniger als 10.000 Menschen, die 2018 bei uns um Asyl ansuchen. Die Erfüllung dieses Menschenrechts wird sich eines der reichsten Länder der Welt leisten können. Nur zum Vergleich: Das Thema Pflege betrifft 1,5 Millionen Menschen direkt oder indirekt.“

Im Team der Diakonie Österreich arbeiten auffallend viele Frauen. Dass sie jetzt eine Chefin haben, sehen alle Befragten positiv. Moser selbst möchte zu einem „geschlechtergerechten Blick“ auf Diakonie-Themen beitragen. Ja, es sei ein Signal, dass eine Frau hier die Leitung übernommen hat. Ebenso wichtig sei es aber, all die Frauen in helfenden Berufen wertzuschätzen. Auch hier klare Worte: „Den Spitzenmanager, der den Job einer Pflegekraft erledigt und nebenbei seine Familie betreut, den schau’ ich mir an.“

Im Schlamm der Welt

Am Ende ihres ersten Arbeitstages in der Diakonie bringt sie dann noch ihre geliebte Skulptur an. Ein Eferdinger Bildhauer hat sie nach einer Flutkatastrophe aus dem Schlamm ihres Heimatortes geformt und ein Kreuz darauf gesetzt. Ihre Eltern haben ihr das Kunstwerk anlässlich ihrer Ordination zur Pfarrerin geschenkt. Für die neue Diakonie-Direktorin trägt es eine wichtige Botschaft in sich: „Wir scheuen uns nicht, in der Nachfolge Jesu im Schlamm dieser Welt zu waten. Wo die Nöte unserer Zeit sind, dort ist Kirche.“

Zur Person

Maria Katharina Moser (44) ist im oö. Eferding aufgewachsen und hat am Stiftsgymnasium Wilhering 1992 maturiert. Die Älteste von vier Geschwistern studierte dann katholische sowie evangelische Theologie in Wien und interkulturelle Frauenforschung in Manila. Ab 2007 arbeitete sie als ORF-Journalistin. 2012 übernahm sie für ein halbes Jahr eine Gastproffessur am Lehrstuhl für Sozialethik und Praktische Theologie in Saarbrücken.  Dann konvertierte sie zum evangelischen Glauben. Von September 2016 bis Juni 2018 war sie Pfarrerin in der Gemeinde Wien-Simmering. Nun ist sie Direktorin der Diakonie.