Leben
24.10.2017

Gewagter Trend: Wolfhunde als Haustiere

Das Interesse an Wolfhunden nimmt zu. Die imposanten Haustiere sind anspruchsvoll in der Haltung.

Spaziert da ein Wolf an der Leine durch Melk? Wenn Maria V. mit Hella in der Stadt ist, zieht das märchenhafte Duo rasch Aufmerksamkeit auf sich. "Die Reaktionen reichen von überrascht bis schockiert. Fremde Leute wollen meine Hündin streicheln, viele fotografieren sie", sagt die Züchterin aus Niederösterreich. Kein Wunder, hat das imposante Haustier doch verblüffende Ähnlichkeit mit dem größten Raubtier aus der Familie der Canidae. Hella ist ein Tschechoslowakischer Wolfhund.

Wolfhunde liegen im Trend. Offizielle Zahlen gibt es nicht, Insider stellen aber fest, dass das Interesse an den optisch wie charakterlich ausgefallenen Tieren steigt. "Die Menschen verbinden mit Wolfhunden Abenteuerromantik und Naturnähe. Und sie wollen in der Öffentlichkeit auffallen", sagt Wolfgang Nemitz, Präsident des Wolfhundeclub Österreich. Die anhänglichen Vierbeiner mit dem eigenen Willen machen gute Figur, ein wichtiges Entscheidungskriterium für viele Halter auf Haustiersuche. Nicht alle kommen dann mit dem ungestümen Wesen zu Recht.

Kreuzung

Wolfhunde sind keine neue Erfindung. Sie entstanden Mitte des vorigen Jahrhunderts aus der Kreuzung von Wolf mit Deutschem Schäferhund. Als Gebrauchshunde sollten sie das Beste aus beiden Arten vereinen – frisches Blut inklusive – und Soldaten beim Grenzschutz bzw. Blinde im Alltag unterstützen. Die Experimente im großen Stil scheiterten. Der Tschechoslowakische Wolfhund und der niederländische Saarloos Wolfhund von heute stammen aus Privatzuchten, die Fédération Cynologique Internationale hat die Rassen anerkannt.

Fellfärbung, Gewicht, Statur – in diesen Merkmalen sollen sich die Waldbewohner, die in Mitteleuropa ein umstrittenes Comeback erleben, und die besten Freunde seit Ur-Menschen-Gedenken möglichst gleichen. Nur die wolfähnlichsten Tiere werden weiter zur Zucht verwendet; Gesundheit und guter Charakter vorausgesetzt. Die Haustiere im Lupus-Look eignen sich allerdings nur bedingt zum Modehund. "Wolfhunde haben ein breites Spektrum an Gesten und Mimik. Da sind die Leute schnell überfordert", sagt Nemitz, der vor acht Jahren auf den speziellen Hund gekommen ist. Die "Saarloos" seien außerhalb ihres Zuhauses meist scheu, viele "Tschechen" dagegen wollten mit dem Kopf durch die Wand. "Klassische Hundeerziehung in der Hundeschule funktioniert nicht", weiß Nemitz aus eigener Erfahrung. Ausbildung benötigt Geduld und Flexibilität. "Training muss im Welpenalter beginnen", sagt die Züchterin, die das Schlaue, Ehrliche und Direkte an ihrem Rudel schätzt: "Viele Leute machen Erziehungsfehler. Das hat der Rasse einen schlechten Ruf beschert. Dabei sind die Tiere gar nicht aggressiv." So habe ihre Hella internationale Prüfungen in Unterordnung, Fährte und Schutz positiv abgelegt.

Halter müssen sich im Alltag auf den gezähmten Isegrim einstellen. Obwohl bei den beiden Rassen seit Jahrzehnten nur noch Wolfhunde miteinander verpaart werden, sind diese den wilden Verwandten genetisch näher als andere Hunde daheim. Und dieses Erbe schlägt durch: Wolfhunde sind intelligent und verfressen, scheu und freiheitsliebend, viele können Fenster und Türen öffnen, und wenn sie alleine gelassen werden, die Einrichtung zerlegen.

Anhänglich

"Wolfhunde wollen alle Zeit mit dem Herrl verbringen", sagt Nemitz. Dadurch entstehe ein inniges, intensives Verhältnis – Besitzerwechsel unzumutbar. "Man muss schon vor der Anschaffung sehr genau auf den Charakter schauen und darf nicht rein nach der Optik entscheiden."

Allzu viel Ursprünglichkeit auf dem Sofa kann Problem bereiten – gerade wenn ein Amerikanischer Wolfhund im Pelz steckt. Der Zurück-zur-Natur-Boom hat in Übersee dazu geführt, dass wieder Wölfe mit Hunden gekreuzt werden: "Die Zucht erfolgt ohne Reglement. In den Papieren werden diese Tiere als Mischlingshunde geführt. Aber man weiß gar nicht, was man bekommt," warnt der Experte. Nachsatz: "Meist sind die Hunde so scheu, dass man sie nur in einem riesigen Gehege halten und aus der Ferne beobachten kann." Da stößt die Sehnsucht nach Naturnähe an ihre Grenzen.