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Leben Gesellschaft
12/08/2021

Wird Frauen Gewalt angetan, leiden auch die Kinder

Die "Möwe" macht auf das Problem aufmerksam und stellt ihre neue Aufklärungs- und Spendenkampagne vor.

Gewalt an Frauen bedeutet sehr oft auch Gewalt an Kindern. Fast 30 Femizide sind 2021 in Österreich bereits zu verzeichnen und hinterlassen viele offene Fragen über die Gründe, warum Frauen in Österreich nicht besser geschützt werden können. Die Kinderschutz-Expertin Hedwig Wölfl von der Kinderschutzorganisation "Die Möwe" weist darauf hin, dass zu wenig über das Schicksal der überlebenden Kinder solcher Gewalttaten gesprochen wird. Kinder sind nicht nur Überlebende und buchstäblich Zurückgelassene dieser Tötungsdelikte sondern noch viel öfter Zeugen häuslicher Gewalt - und zwar in mindestens 50 Prozent der Fälle. Sie brauchen rasche und feinfühlige Unterstützung in darauf spezialisierten Einrichtungen wie den Kinderschutzzentren, und sie brauchen vor allem Menschen, die ihre Bedürfnisse gut im Blick haben, mit ihnen aufarbeiten, was sie erleben mussten, damit die Spirale der Gewalt unterbrochen wird. Jetzt stellt die "Möwe" ihren neue Kinderschutz Aufklärungs- und Spendenkampagne vor.

Auch das Miterleben ist Gewalt an Kindern

Ende 2020 hat die "Möwe" eine repräsentative Studie zum Thema "Einstellung und Bewusstsein zu Gewalt in der Kindheit in Österreich" durchführen lassen. Die Ergebnisse zu Gewalt in der Familie sind zum Teil erschreckend: Zumindest 15% der Österreicherinnen und Österreicher haben als Kind immer wieder Gewalthandlungen zwischen den Eltern miterleben müssen. Streitereien zwischen den Erwachsenen gab es in der Hälfte aller Familien – wobei das, je nachdem ob konstruktiv oder zerstörerisch gestritten wurde, auch etwas Normales sein kann. 61% beurteilen es als Gewalt, wenn ein kleines Kind im Zuge des Scheidungskonflikts zwischen den Eltern hin- und hergeschoben wird. Das Miterleben-Müssen handgreiflicher Streitereien wird von 70% ebenfalls als Gewalt am Kind gewertet.

Mehr Geld für Prävention

Zusätzlich braucht es mehr Mittel für präventive Maßnahmen in den Familien. „Die Anliegen des Kinderschutzes dürfen bei den Forderungen im Gewaltschutzbereich nicht untergehen,“ lautet Wölfls Appell. Für die Installation von Frühwarnsystemen, für Gewaltprävention in Schulen und Kindergärten und für niederschwellige, aufsuchende Familienbegleitung durch die Ausrollung der Frühen Hilfen braucht es dringend mehr Mittel. Dazu kommt, dass es seit Beginn der Pandemie Kindern und vor allem Jugendlichen psychisch immer schlechter geht. Die Zahlen des Anstiegs von Depressionen, Angst- und Essstörungen sind alarmierend. Auch das Risiko, Gewalt selbst zu erleben oder miterleben zu müssen, steigt in den Lockdowns an, auch wenn die Kinder sich erst danach, wenn wieder außerfamiliäre Anlaufstellen und externe Hilfe besser erreichbar sind, bei Kinderschutz Einrichtungen melden. „Kinderschutz darf nicht marginalisiert werden und braucht genauso wie der Opferschutz für Erwachsene ausreichende und nachhaltige Finanzierung.“, so Wölfl. Aufgrund der extrem kleinteiligen, daher mühsamen und verwaltungsaufwendigen Patchwork-Struktur von Förderungen und Abrechnungen mit vielen verschiedenen zuständigen Ressorts und Behörden, gehen zu viele Kinderschutzressourcen in die administrative Arbeit statt direkt zu den Kindern.

Rasche Hilfe

Körperliche Spuren sind nach Gewalt nicht immer nachweisbar. Seelische Spuren machen sich jedoch oft bemerkbar, wenn bei Kindern Verhaltensänderungen oder andere Beschwerden wie „Bauchschmerzen“, Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten. „Diese Symptome veranlassen Mütter dazu, mit ihren Kindern zu den Ärzten zu gehen, um sich Hilfe für ihre Kinder zu holen, die sie für sich nicht holen können oder aber aus Scham nicht wollen“, weiß die Gynäkologin Sigrid Schmidl-Amman, Vorstandsmitglied der "Möwe", aus ihrer Praxis.

Hier müssen Mediziner genau beobachten und auch die Mütter miteinbeziehen, um Gewalt in der Familie erkennen zu können. Hausärzte, Kinderärzte und Frauenärzte seien aufgerufen, bei nicht erklärbaren Beschwerden der Kinder auch auf Zeichen von Gewalt im Verhalten der Kinder und der Mütter zu achten, lautet der Rat der Fachärztin. Dafür braucht es wesentlich mehr professionell geschulte Ärztinnen und Ärzten mit guter Vernetzung im gesamten Kinderschutzbereich. Grundlage dafür könnte die Verankerung von Kinderschutzwissen auch in der ärztlichen Berufsausbildung sein. Aktuell kommen nur 5 % der Gefährdungsmeldungen aus dem Gesundheitsbereich, auch wenn die Kinder ab der Geburt im Rahmen der verpflichtenden Eltern-Kind-Pass Untersuchungen (ehem. Mutter-Kind-Pass) ärztlich betreut werden. Die Expertinnen plädieren daher dafür, dass auch psychosoziale Risiken inklusive Gewaltbetroffenheit im neuen Eltern-Kind-Pass berücksichtigt werden.

Den Prozess begleiten

Betroffene Kinder haben das Recht auf Prozessbegleitung, um ihre Opferrechte und Schmerzensgeldansprüche zu wahren. „Seit Beginn dieses Jahres können viele Kinderschutzzentren nun endlich auch Prozessbegleitung für Kinder, die Zeugen häuslicher Gewalt wurden, anbieten. Das ist eine wichtige und lang geforderte gesetzliche Neuerung und ein bedeutender Schritt in eine lückenlose Versorgung von Betroffenen, deren Alltag von Angriffen, Übergriffen, Streit, Angst, Brutalität, Anspannung und Hilflosigkeit geprägt ist“, sagt Johanna Zimmerl, Leiterin des "Möwe" Kinderschutzzenrums Wien und Prozessbegleiterin für Kinder. Im Wiener Kinderschutzzentrum der "Möwe" werden laufend und zunehmend Minderjährige begleitet, die Gewalttaten miterleben mussten. Die minderjährigen Zeugen machen ca. 10% der Prozessbegleitungsfälle Kinderschutzeinrichtung in Wien aus. Die Psychologin nennt Beispiele aus der Praxis:

Ein 16-Jähriger, der eigens einen Kampfsportkurs besucht, um die Mutter vor dem Vater zu schützen, eine 5-Jährige, die während der Attacken der Eltern aufeinander tagelang im Zimmer eingesperrt ist, ein 7-Jähriger, der das Blut der Mutter vom Boden aufwischt, eine 13-Jährige, deren Mutter in ihren Armen stirbt – all diese Kinder erleben und überleben Schreckliches, mitunter kaum Vorstellbares.

 „Gar nicht so selten offenbart sich dann im Zuge dessen, dass die Kinder durch die Prozessbegleitung eine eigene Anlaufstelle für sich bekommen, auch ein direkter Opferstatus der Kinder – d.h. die Kinder beginnen auch von direkt an ihnen verübter Gewalt zu berichten“, erzählt Zimmerl aus der Praxis. Im Zuge der Prozessbegleitung leisten die "Möwe"-Mitarbeiterinnen neben der Begleitung zu Polizei und Gericht auch wesentliche Stabilisierungsarbeit für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und können aufgrund des breiten Angebotsspektrums wie Diagnostik, Einzel- und Gruppenangeboten auch weiterführend umfassend unterstützen.

Fingeralphabet

„Wir wollen mit unserer neuen Aufklärungskampagne von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche in den Blick rücken und klarstellen, dass diese Erfahrungen Spuren hinterlassen. Es sind manchmal flüchtige, meist sehr tiefe, zu oft lebenslange Spuren, die Gewalt immer in der Psyche und auch an den Körpern hinterlässt. Es braucht Mut aller, dorthin zu schauen!“, sagt Wölfl.

Neben der versorgenden Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die Gewalt und Missbrauch erleben müssen, ist es seit mehr als 30 Jahren auch Aufgabe der "Möwe", zu informieren und  Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Entwickelt wurden die neuen Sujets von der Agentur Heimat Wien. Wunsch des Expertenteams war es, einerseits auf Abbildungen von Kindern und Jugendlichen zu verzichten und andererseits eine Bildsprache zu wählen, mit der online eine jüngere Zielgruppe angesprochen werden soll. Daraus entstand ein Konzept, das eine der wichtigsten präventiven Botschaften des Kinderschutzes als Ausgangspunkt nimmt: Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen. Kinder und Jugendliche, die ihre eigenen Körpergrenzen wahrnehmen könne, und in der Lage sind, zu artikulieren, wenn sie übergriffig oder grenzverletzend berührt werden, sind besser geschützt.

In dem „Fingeralphabet“ der Kampagne berühren sich Hände und bilden dabei Buchstaben bzw. Wortpaare, die die negativen Auswirkungen von Gewalt und Missbrauch ihrer positiven Auflösung durch erfolgreiche Therapie und Aufarbeitung gegenüberstellen. Gewalt und Missbrauch hinterlassen Spuren, die Opfer kämpfen mit Gefühlen der Wut, des Misstrauens und der Wertlosigkeit. Indem sie von Kinderschutzorganisationen wie der möwe die professionelle Hilfe bekommen, die sie brauchen, sind sie in der Lage, wieder Mut zu fassen, zu vertrauen und durch die Erkenntnis, keinerlei Mitschuld am Erlebten zu tragen, sich wieder wertvoll und akzeptiert zu fühlen.

Übergriffig

So wie Begegnungen zwischen Menschen positiv oder negativ, interessiert oder übergriffig, intim oder grenzverletzend erlebt werden können, zeigt die Kampagne mit Fingerbuchstaben die Bandbreite der unterschiedlichen Qualitäten von Beziehung und Berührung. Die mit Fingern gebildeten Buchstaben können irritieren und – so wie das Thema selbst – Gefühle der Wut oder Abwehr auslösen. Aber sie zwingen uns, näher hinzusehen, um sie richtig zu erfassen. Das Benennen dieser Spuren, die meist nicht von außen sichtbar sind, soll die Kampagne aufrütteln und deutlich machen, dass Gewalt und Missbrauch an Kindern ein genaues Hinschauen und Hinhören erfordern.

„Ich appelliere auch an die Zivilcourage, an die Bereitschaft der Gesellschaft, diese Kinder, die verschieden Formen von Gewalt erleben müssen, nicht allein zu lassen“, so Wölfl und: „Wir alle müssen aufmerksam sein, wenn wir Gewalt beobachten, wenn es in der Nachbarwohnung in beunruhigender Weise laut oder leise wird, wenn wir Kinder allein im Stiegenhaus vorfinden, weil sie sich nicht in die Wohnung trauen, wenn Mütter verstört und verweint sind, wenn uns jemand bittet die Polizei zu rufen, wenn Schreie hörbar werden … Nulltoleranz gegen Gewalt verlangt von uns allen den Mut, dass wir Hinschauen, Hinhören und Handeln.“ Auch die Politik muss laut der Experten endlich hinsehen: Um Kinder und Jugendliche in Belastungssituationen zu unterstützen und zu begleiten, braucht es ausreichend Ressourcen. Gewaltschutz muss immer auch Kinderschutz heißen! "Vielleicht sollten wir mit dem Aufruf "Colour the World" einen eigenen Slogan für den gewaltfreien Umgang mit Kindern kreieren und in diese gerade recht grau anmutenden Welt hinausrufen!" sagt Wölfl.

Zur Kampagne: www.die-moewe.at/spuren

 

 

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