© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
12/14/2021

Generationen-Dialog: Hey, Boomer, lasst uns reden

Die „Nicht-Grauen“ sind zu jung für den Ruhestand und zu alt für TikTok. Immerhin suchen sie den Austausch mit den Jüngeren.

von Uwe Mauch, Jeff Mangione

Eine Wand raufklettern geht nicht mehr (da schlagen ihre Bandscheiben Alarm), das Wandern ist noch machbar. Bei TikTok steigen sie aus, weil ihre Schmerzgrenze liegt irgendwo zwischen Twitter und Facebook. In der Arbeit können die „Boomer“ noch Akzente setzen, aber nicht mehr lange. Unterhalten sich jüngere Kollegen, fragen sie sich immer öfter, ob sie alles richtig verstanden haben (ihre Ohren sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren).

Die ihnen nun folgende Generation spricht mehrere Sprachen, ist somit auch viel kosmopolitischer als sie es je waren. „Unsere Grenze war einst das Staatsgefüge von Österreich“, erklärt dazu der Wiener Mediziner Heinz Strohmer. „Dieses Gefüge gibt es aber nicht mehr. Wir leben heute in einer globalen Welt, in der Welt von Google.“

Heinz Strohmer sprach stellvertretend für Menschen in seinem Alter, also für die „Nicht-Grauen“ – bei einem Dialog der Generationen, den der Wiener Verein nichtgrau neu ins Leben gerufen hat.

Graue Haare

Weil den „Nicht-Grauen“ – so wie auch dem klugen Arzt – schon länger graue Haare wachsen, nennen wir sie hier weniger sexy: „Die Jahrgänge 1953 bis ’68.“ Im Übrigen ist das eine Generation, die noch mitten im Leben steht, die kreativ sein will und mehr das Verbindende sucht als noch die Generation ihrer Eltern.

So ist es wohl kein Zufall, dass der Generationen-Dialog in einer behaglichen Wiener Hinterhof-Location mit dem magischen Namen Casalunga losgetreten wurde, und zwar von den beiden nichtgrauen Vereinsgründerinnen Andrea Casapicola und Brigitte Lendl sowie von der ebenso hier ehrenamtlich tätigen Consulterin Gabriele Schuster-Klackl.

„Sampo“ nennen die Drei ihre Dialogreihe. Den Begriff haben sie dem Finnischen entlehnt, gut übersetzen lässt er sich mit „Eisbrecher“.

Bunte neue Welt

„Es gibt Dinge, die existieren heute nicht mehr“, will Fabio Bisaccia den „Nicht-Grauen“ in der Casalunga mit auf den Weg geben. „Da muss man dann halt loslassen.“

Sein beruflicher Weg ist das beste Beispiel dafür, wie schnell deutlich wird: Nach seinem Abschluss eines Studiums der Molekularbiologie war Fabio Bisaccia an der MedUni Wien drei Jahre lang als Forscher tätig.

Dann wagte er etwas, was Junge vor dreißig Jahren nicht einmal als Option für sich erkennen konnten: „Ich arbeite seit mehr als einem Jahr mit großer Leidenschaft in einem Kindergarten der Wiener Kinderfreunde.“

Das hohe Ansehen als ein Mitarbeiter der Universität, das Sprungbrett zu einer wissenschaftlichen Karriere – das hat er alles zunächst weit von sich geschoben. „Weil ich mehr Sinn darin sehe, mich dafür einzusetzen, dass alle Kinder einen fairen Zugang zur Bildung bekommen.“ Die Moleküle im Labor der Uni, die können warten.

Hey, Boomer! Dem Babyboomer ringt der Mikrobiologe im Kindergarten einigen Respekt ab. Heinz Strohmer hat dafür erneut die richtigen Worte parat: „Sie erkennen Autoritäten nur an, wenn sie wirklich welche sind.“

Doch der Respekt beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, wie Raphaela Friedl betont. Auch sie hat eine herzeigbare Karriere als Absolventin der Wirtschaftsuniversität vorerst ad acta gelegt, um jetzt in einer Wiener Mittelschule die Talente von Elfjährigen zu fördern. An der Generation ihrer Eltern schätzt sie: „Die Gelassenheit, die sie nicht vorschnell entscheiden lässt. Das große Interesse an uns Jungen, auch der humorvolle Umgang miteinander, der noch analog sein darf, nicht immer digital sein muss.“

Wünschen würde sich die junge Akademikerin von den „Nicht-Grauen“, dass sie den Jüngeren, speziell den noch Jüngeren viel mehr zutrauen. Aus der Schule plaudert sie: „Da wächst eine ganz tolle neue Generation heran.“ An der Zeit wäre auch, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau endlich mehr als nur graue Theorie bleibt.

Alles wird gut

Am Ende der Diskussion, die ohne Vorwürfe geführt wird, bittet Heinz Strohmer um ein wenig mehr Geduld und auch Nachsicht: „Unsere Väter kamen noch abends von der Arbeit heim und ließen sich von unseren Müttern richtig bedienen. Ich hab’ immerhin schon gelernt, meine Kinder zu wickeln. Ich bin darauf nicht stolz, doch ich bin mir sicher: Noch eine Generation, dann gibt es endgültig diese Unterschiede nicht mehr.“

Der Verein "nichtgrau" organisiert Diskussion auf der einen Seite, Unterhaltung auf der anderen, mehr über weitere Events hier.

Die nächsten "Sampo"-Dialoge sind bereits fixiert. Hier die Themen und Termine:

1. Februar: Zuhören und Respekt in der Arbeitswelt.

9. Juni: Nachhaltigkeit: Zwischen Notwendigkeit und Spaßbremse.

11. Oktober.: Gesundheit: Was bedeutet sie für Jung und Alt?

1. Dezember: Soziale Verantwortung versus freies Agieren.

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