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Reportage

Bekenntnisse eines „Garten-Zwergs“

Wenn ein Großstädter zu einem Kleingarten kommt, ungefähr so wie die Jungfrau zum Kind, sind Unwegsamkeiten unvermeidbar.

von Uwe Mauch, Jürg Christandl

01/08/2023, 06:00 PM

Der Papa wird’s schon richten. Der Refrain dieses uralten Gerhard-Bronner-Haderns kommt dem bald 57-jährigen Kleingärtnernovizen in den Sinn, während er nur wenig effizient das Laub unter den drei Obstbäumen zusammenrecht. Weil das Lied seinem Papa gefallen hat, weil es sein Papa immer gerichtet hat.

Er recht im Kleingarten, den seine Eltern seit 1988 gepachtet hatten. Und den er nun vor wenigen Tagen übernommen hat, weil sein Papa jetzt nix mehr richten kann. Und weil man so einen Garten in der Stadt heutzutage nicht hergibt, wie ihm (fast) alle mit Nachdruck geraten haben.

Ein Bio- und ein Soziotop

Aus der Vogelperspektive betrachtet: Kleingarten-Vereine sind zum einen interessante Biotope in einer Stadt. Sie sind nicht (mehr) Natur, und doch bieten sie viel Grün, für die Augen und fürs Atmen. Und mehr Himmel als in der Stadtwohnung ohne Balkon.

Die klar reglementierten, scharf abgezäunten Parzellen sind aber auch – sagen wir’s möglichst diplomatisch – spezielle Soziotope für das Zusammenleben von Menschen.

Der Kleingarten-Verein, in dem der Novize den Rechen schwingt, heißt „Gut Freund“. Sein Papa war nie mit allen „gut Freund“. Oft war es gar nicht leicht zu eruieren, mit wem er gerade einen Wickel hatte. Und er hätte gewiss auch einen markanten Spruch gehabt für die legendären Fernseh-„Alltagsgeschichten“ von Elizabeth T. Spira.

Mit den Regeln in einer Kleingarten-Gemeinschaft muss man jedenfalls klar kommen: Rasen mähen ab Samstag, 12 Uhr, ist verboten. In der Mittagszeit ist Ruhe zu bewahren. Wobei: Wer je die gestrengen Wächter in einer Laube (so sagen sie dazu im Norden Deutschlands) kennenlernen musste, die bei jedem schräg gewachsenen Grashalm mit bösem Blick und einem Katalog an Strafen drohten, wird den Wiener Kleingarten als menschenfreundlich lieben. Der Neue im „Gut Freund“ wird dort Freunde brauchen. Mit zwei linken Händen hat er ohne Papa wenig selbst in der Hand.

Es ist heute eh nicht kalt für einen Tag im Jänner. Aber es ist auch nicht heimelig. Dem neuen Großstadt-Kleingärtner tut bald die im Büro eingerostete Wirbelsäule weh. Und sind da nicht schon Schwielen an seinen Händen? Außerdem fragt er sich: Laub rechen im Jänner – hätte das sein Papa auch getan?

Über den Gartenzaun

Der Christian würde das jetzt wissen. Aber wegen jeder Kleinigkeit die gute Seele über den Gartenzaun fragen geht auch nicht. Der Nachbar hilft ihm eh ständig.

Fix ist: Den Wembley-Rasen vom Papa wird’s hier in Wien-Leopoldau nicht mehr spielen. Keine Chemie mehr, und wenn irgendwo ein Un-, pardon Beikraut sprießen will, na ja, dann wird man damit leben können. Was auch sein wird: Die weniger gepflegte Wiese wird im Hochsommer mehr kühlen als geschorener Rasen. Punkto Gartenzwerg ändert sich hingegen nichts: Er hat auch beim Kleingarten-Zwerg Hausverbot.

Himbeeren wie damals? Himbeeren, ja sicher! Und Paradeiser. Und Marillen, Zwetschken und Kriecherln von den Bäumen.

Aber was genau tun? Vor allem: Wann? – Chriiistiiian!

Literatur wurde bereits beschafft. Und dann gibt es zum Glück Expertise im Freundes-, Familien- und im Kollegenkreis (der Fotograf!). Wird das reichen? Man wird sehen. Laut Fotograf ändert niemals der Gärtner seinen Garten, immer der Garten den Gärtner. Und wenn es absolut keinen Spaß macht, darf im nächsten oder im übernächsten Jahr jemand anderer diesen Flecken Erde mit grünem Daumen pflegen.

Wiener Kleingartenvereine: Der Wiener Zeithistoriker und Kleingärtner Peter Autengruber erklärt: „Die Wiener Kleingärten sind grüne Lungen in der Großstadt mit Erholungsfunktion auch für die Allgemeinheit. In vielen Vereinen gibt es Schutzhäuser mit kulturellen Veranstaltungen. Und in den Vereinen selbst üben ehrenamtliche Mitarbeiter die Funktion einer Hausverwaltung für die Mitglieder aus.“

400 Vereine in Österreich: Im Zentralverband der Kleingärtner sind derzeit fünf Landesverbände mit 400 Vereinen und  40.200 Mitgliedern organisiert.

Leipziger Schreberverein: Daniel Gottlob Moritz Schreber war ein deutscher Orthopäde und Hochschullehrer an der Universität Leipzig. Nach seinem Tod 1864 wurde ihm zu Ehren der erste „Schreberverein“ vom Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild gegründet.

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