Leben 11.04.2018

Gärten als Orte für Poeten und Philosophen

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Vom Zengarten über den Garten des Epikur bis zur "intimen Bekanntschaft" mit Rosen und Gurken.

Da stand es, dieses rechteckige Ding mit hellem Sand und grauen Steinen drin, darauf lag ein kleiner Rechen. „Was ist das?“, fragte ich den Manager, der in seinem Ledersessel dem Ende des Interviews entgegen zappelte. Sein Handy läutete nun zum elften Mal. „Mein Zen-Garten für den Schreibtisch. Geschenk von meinem Team“, erwiderte er ohne weitere Erklärung. Dazu hatte er keine Zeit mehr. Das war meine erste Begegnung mit einem „Garten-to-go“. Er soll den Geist durch stilles Betrachten zur Ruhe bringen. Vorausgesetzt, es läutet kein Handy.

Zen-Gärten gibt es natürlich auch in groß. „Kare-san-sui“ heißt die japanischen Gartengestaltung. Es sind „Betrachtungsgärten“. Dieser Tradition des Gärtnerns liegt Philosophisches zugrunde. Erst die Gegensätze von Yin und Yang ergeben das Ganze und dienen der vollständigen Harmonie. Dies soll sich in einem Zen-Garten zeigen, hier ist weniger mehr – nur Moos, Kies und Steine.

Fokus und Erde

Ich habe auch einen Garten, von Zen kann allerdings keine Rede sein. Bei mir ist nichts schlicht und die Zahl meiner Töpfe, in denen irgendwas wächst, das ich irgendwo in einer Gärtnerei mit den Worten „Jö, das brauch ich auch noch unbedingt“ erstanden und heimgeschleppt habe, traue ich mich hier gar nicht niederzuschreiben. Die Nachbarin, ein bekennender Fan des onduliert-kontrollierten Grüns, sagt hie und da spitz: „Bei Ihnen wächst aber schon sehr viel herum.“

Ja, tut es. Gott sei Dank.

Gärtnern ist für mich, philosophisch betrachtet, genau das: wachsen und wachsen lassen. Blumen, Büsche, Bäume. aber auch Gedanken, Ideen, Worte. Womöglich ganze Bücher oder Balladen. „Stille und Ruhe bringen die ganze Welt ins rechte Maß zurück“ , sagte Laotse. Man kann dazu allenfalls auch mal grillen und Spritzer trinken. Nicht wirklich spektakulär, aber in Zeiten, wo alles schnell getan und gedacht werden muss, nicht unwesentlich.

Garten und Bücher

Gärten waren immer schon jene Orte, die Menschen dazu inspirierten, sich hinzusetzen, innezuhalten und sich auf We sentliches zu fokussieren. Orte der Ideen und Inspiration. „Wenn du einen Garten und noch dazu eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen“, sagte etwa Cicero. Ich vermute, er hatte kein Kreuz, das ihm beim Zupfen und Jäten, beim Umtopfen und Graben, weh tat. Mir schon. Und dennoch: Für mich ist mein kleiner Garten jener Ort, an dem der permanente, von Multitasking geprägte Gedankenstrom endlich zur Ruhe kommt. Denn selbst die Schnecke, die stört, ist langsam. Der Garten ist verkehrsberuhigte Zone, in vielerlei Hinsicht. Weil beim Zupfen und Rupfen, beim „Erden“ in der Erde vieles weniger wichtig wird und Wesentliches in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit rückt. „Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kost barsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.“ Wer gärtnert, ist bei sich.

Philosophie im Grünen

Ein paar Momente zurück in der Zeit – zu Epikur. Das war jener griechische Philosoph, der sich der Lebenskunst widmete. Die hatte aus seiner Sicht viel mit Seelenruhe zu tun, zu der innere Freiheit gehörte. Auf das ein fachste heruntergebrochen ging es ihm um Glück. Und das ist aus seiner Sicht auch in der Natur zu finden. Es war folglich ein Garten vor Athen, in dem Epikur Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. seine Schule eröffnete. An diesem Rückzugsort sollte nicht nur philosophiert, sondern die Idee des Glücks in die Praxis umgesetzt werden. Für Epikur war Natur nichts, das beherrscht werden sollte, sondern ein „Me chanismus, der für den Men schen das Nötigste zu seinem Glück bereithält.“ Er sagte: „Wenn du nach der Natur lebst, wirst du niemals arm.“ Keine Ahnung, ob er sich nicht nur der Gedanken- sondern auch der Gartenarbeit hingab, aber dieser Satz ist schon sehr schön.

Und natürlich geht es bei der Idee des Gartens auch immer um die Idee des Paradieses, im Sinne des Schöpfungsgedankens. Schließlich fing alles einmal im „Garten Eden“ an. Hier wird sich der Mensch der Jahreszeiten, der naturgegebenen Kreisläufe, des Wunders und der Größe Natur bewusst. Nur logisch, dass sich Philosophen und Künstler – Maler, Schriftsteller, Poeten – dem Thema Garten intensiv gewidmet haben.

Garten als Gedicht

Es ist ein Garten, konkret Capulets Garten in Verona, in dem Shakespeares Romeo und Julia einander die Liebe schwören. Hugo von Hofmannsthal vergleicht den Garten mit einem Gedicht. Dabei ist egal, ob dieser klein oder groß ist – für den Dramatiker und Lyriker bleibt er eine „Möglichkeit der Schönheit.“ Wenig bekannt ist, dass der Maler und Schriftsteller Wilhelm Busch eine große Lie be zu Gärten verband. Die Freude am Gärtnern findet sich in seinen Briefen und Gedichten. So schrieb er etwa: „Auch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Gießkanne, besah alles, was wuchs, tagtäglich genau und bin daher mit jeder Rose, mit jedem Kohl kopf, mit jeder Gurke intim bekannt geworden. Eine etwas be schränkte Welt, so scheint's. Und doch, wenn man's recht erwägt, ist all das Zeugs, von dem jedes einzelne unendlich und unergründlich ist, nicht weniger bemerkenswerth, als Alpen und Meer, als Japan und China.“ Selbst für Schnecken hatte Wilhelm Busch ein Stück Poesie zur Hand: „Schleimig, säumig, aber stete, immer auf dem nächsten Pfad, finden sie die Gartenbeete mit dem schönsten Kopfsalat.“

Fröhliches Gärtnern!

( kurier.at ) Erstellt am 11.04.2018