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Leben
11/30/2019

Für genügend Geld hilft Guinness Buch beim Rekord

Die Idee für das Guinnessbuch wird 65. Beratung und schnellere Bearbeitung kosten.

von Christina Michlits

Der längste Fingernagel der Welt ist 197,8 Zentimeter lang, ein Engländer kann mit seinen Haaren einen 8,5 Tonnen schweren Bus ziehen, und ein Chinese sammelte 30.000 Zigarettenschachteln. Alle diese Weltrekorde sind im Guinnessbuch der Rekorde vermerkt.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten die jährlichen Ausgaben mit den mal mehr, mal weniger eindrucksvollen Phänomenen ihre Blütezeit. Vor allem Kinder waren fasziniert von den kuriosesten Bestmarken.

Bierbrauer kam auf Idee

Doch dann kam das Internet und wurde zum Magneten für Rekord-Verrücktheiten. Die haptischen Sammel-Werke gehörten bald zum alten Eisen. Und ganz so jung ist es ja tatsächlich nicht mehr. Vor genau 65 Jahren wurde die Firma gegründet.

Der Geschäftsführer des irischen Bierriesen Guinness hatte die Idee dazu, als er mit Freunden endlos diskutierte, welches denn das schnellste Federwild sei. Ein Nachschlagewerk mit Rekorden und Bestmarken aus verschiedenen Sparten war die Antwort und eine große Erfolgsgeschichte geboren.

Bis zu 500.000 Euro für Beratung

Heute arbeiten 50 Mitarbeiter für die Marke, die 2008 vom kanadischen Rieseninvestor Jim Pattison Group gekauft wurde. Längst ist aus dem Buchvertrieb auch ein Beratungsunternehmen entstanden, das seinen Umsatz nicht mehr ausschließlich mit Büchern lukriert. Ein Großteil der Einnahmen kommt heute von sogenannten „Consulting Services“, wie der Nachrichtendienst Bloomberg 2013 erstmals berichtete. Also von Beratungstätigkeiten für Firmen, die einen Weltrekord aufstellen wollen. Das Guinnessbuch nimmt Geld für die schnellere Bearbeitung von Einreichungen. Wer sich einen hauseigenen Richter vor Ort leistet, wird daher bevorzugt behandelt.

Bis zu einer halben Million Euro soll von Großfirmen oder auch Staaten bezahlt werden, um möglichst medienwirksam den größten Fruchtsalat der Welt zuzubereiten oder das längste Whiskey-Domino aufzustellen. So weit, so lukrativ.

John Oliver zieht Guinness durch den Kakao

Über die etwas schiefe Optik in Sachen Seriosität gab es keine große Aufregung. Vor Kurzem hat nun jedoch der bekannte US-Talkmaster John Oliver detailreich und publicityträchtig geschildert, welches Naheverhältnis das Unternehmen zu totalitären Regimen pflegt. Schon seit Jahren gibt es vielfältige Kooperationen.

Diktator liebt Rekorde

Der Polit-Comedian zeigte in seiner TV-Show „Last Week Tonight“ auf, wie extrem versessen etwa der turkmenische Diktator Gurbanguly Berdimuhamedov darauf ist, Guinness-Rekorde aufzustellen.

Turkmenistan hat unter anderem den größten Statuen-Pferdekopf, die meisten Springbrunnen auf einem öffentlichen Platz oder das größte Fahrrad-Sicherheitstraining der Welt veranstaltet. Aber auch Saudi-Arabien investiert laut Olivers Recherchen fleißig in Rekord-Beratungen, und die Polizei in Dubai kann gar mit elf Guinness-Bestmarken aufwarten.

Oliver erhielt Absage

Schließlich wollte auch der Talkmaster mit einer riesigen Marmortorte einen Weltrekord aufstellen und das Guinnessbuch dafür „buchen“. Allerdings weigerten sich diese, einen Richter zu stellen – die TV-Show sei zu wenig kinderfreundlich, so die offizielle Begründung. Die Antwort von John Oliver: „Wahrscheinlich liegt es daran, weil wir keine brutale Diktatur sind.“

Neue Bestmarken und österreichische Rekorde

Im September wurde das Guinnessbuch der Rekorde für das Jahr 2020 veröffentlicht. Darin zu finden sind der größte bemannte Heißluftballon, der höchste Baum, der reichste Mensch, die größte Pizza oder die höchste Statue. Siebzig Prozent der Rekorde im Buch sind jedes Jahr neu.

Heuer mit dabei: Ein Schwein, das die meisten Tricks in einer Minute hinlegt. Aus Iowa kommt mit 3,5 Metern der größte Tischtennisschläger. Eine Jugendliche hat mit 1,7 Metern die längsten Haare im Teenager-
alter, und das kleinste Pferd der Welt kommt derzeit aus Polen mit gerade einmal 56,7 Zentimetern Schulterhöhe.

Österreichs Beste

Auch Österreich hat in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Guinness-Rekord für sich verbucht. Erst 2019 wurde vom Maître Chocolatier Helmut Wenschitz in Allhaming der größte Schokobrunnen der Welt mit 12 Metern Höhe aufgestellt. Die Wienerin Elena  Sterlini hat 2018 zwei Stunden und eine Minute lang durchgehend getwerkt – also in der Hocke mit dem Hintern gewackelt – und damit den Weltrekord geholt. In Tulln wurde 2016 die längste Mauer aus Dominosteinen aufgebaut. Sie bestand aus 42.173 Teilen und hatte eine Länge von 40,14 Metern.

Weitere Rekorde: 2014 hat man die größte Lederhose der Welt mit 9 Metern Länge und 4,5 Meter Breite produziert. Auch mit dem größten Kaiserschmarrn wurde ein österreichisches Klischee bedient. 309 Kilogramm des Dessertklassikers sind 2018 in Neustift im Stubaital gekocht worden.

Sportlicher wird es mit Walter Geckle aus Unzmarkt, der 2010 die größte Distanz im Nordic Walking mit 175 Kilometern in 24 Stunden hingelegt hat – bislang ist er ungeschlagen. Legendär ist auch der Weltrekord von Luise Sommer. Sie konnte sich 2003 die meisten Namen und Gesichter merken (151 Namen in 15 Minuten, bei 15 Minuten Wiedergabezeit). Die bekannte Gedächtnistrainerin  und Autorin wurde 2016 im Alter von 62 Jahren zudem Senior World Memory Champion.

Ein heimischer Negativ-Rekord stammt aus dem Jahr 2005: Damals hatte Österreich die meisten Raucher in einem Land, mit 36,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Einer von drei Österreichern hat 2005 mehr als eine Zigarette täglich geraucht.