Star-Autor Daniel Goleman ist überzeugt, dass Multitasking ein Mythos ist und nur volle Konzentration auf eine Aufgabe hilft

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Multitasking
04/12/2014

Homo digitalis am Rand des Kollapses

Die Initiative gegen Dienstmails nach Dienstschluss erhält durch ein neues Buch Aufwind.

von Susanne Mauthner-Weber

Die Information verbraucht die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Deshalb schafft Reichtum an Information Armut an Aufmerksamkeit. Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon, 1977

Daniel Goleman ist ein bisschen besorgt. Nicht von ungefähr steht als Widmung in seinem neuen Buch: "Dem Wohlergehen der kommenden Generationen gewidmet." Im Interview sagt der Psychologe, dass wir gerade "ein Experiment mit einer ganzen Generation durchführen, dessen Ergebnis wir erst in zehn, zwanzig Jahren kennen werden".

Was er meint? Handys klingeln; neue eMails poppen auf; SMS, Tweets, Freundschaftsanfragen wollen geöffnet werden – und das im Sekundentakt. Auf allen Kanälen stürzen neue Informationen und Reize auf uns ein. Und dann kommt es – dieses Gefühl, nur noch zwischen den Dingen hin und her zu springen, nichts hundertprozentig zu machen und maximal überfordert zu sein. "Ich denke, wir werden speziell bei Kindern einen Anstieg von Aufmerksamkeitsstörungen erleben. Und ich wäre sehr froh, hätte ich unrecht."

Aufmerksamkeit ade

Dabei begann alles, weil Goleman ein Saulus war: "In den USA schreiben die Leute SMS, während sie Autofahren. Und ich auch. Aber nur einmal, denn mir wurde klar, wie gefährlich das ist." Goleman, der Psychologe, diagnostizierte ein Aufmerksamkeitsproblem bei sich selbst und begann mit der Arbeit an seinem neuen Buch, das jetzt auf Deutsch erhältlich ist. "Konzentriert Euch! Eine Anleitung zum modernen Leben" könnte auch bei uns die ohnedies bereits voll entbrannte Diskussion über berufliche Überforderung, Alltagsstress und ständige Erreichbarkeit anheizen.

Denn Daniel Goleman ist nicht irgendjemand: Mitte der 1990er-Jahre hat der Ex-Harvard-Professor sein Konzept der Emotionalen Intelligenz (EQ) vorgestellt und damit aufgeräumt, dass es einzig auf das logische Denken ankommt, das mit dem IQ gemessen wird. Jetzt diagnostiziert er, dass webbasierte Formate – ob der multimedialen Masse der Ablenkung – jede Vertiefung in ein Thema unmöglich machen und bei uns nur noch zusammenhanglose Halbwahrheiten hängen bleiben. "Denken setzt einen nachhaltig konzentrierten Geist voraus. Je stärker wir abgelenkt sind, desto seichter werden unsere Gedanken. Und je kürzer unsere Überlegungen sind, desto trivialer werden sie sein."

Die gute Nachricht: "Das Gehirn ist plastisch und je mehr man es trainiert, desto stärker wird es. Um einen komplexen Text, etwa eine Novelle, erfassen zu können, müssen Sie Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit erregen. Je mehr Sie lesen, desto mehr ist Ihr Hirn darauf eingestellt. Wenn Sie nur Tweets lesen, fehlen Ihnen die Mind-Muskeln. Sie sind unfähig, sich auf mehr zu konzentrieren", sagt Goleman – und meditiert. "Ich verbringe täglich eine Stunde mit einem Aufmerksamkeitstraining. Ich mag die Effekte, die ich dann sofort beim Schreiben bemerke – ich bin viel produktiver. Ich denke, das würde jedem guttun."

Multitasking als Fiktion

Vor allem jenen, die sich für Multitasker halten, denn diese vielgerühmte Fähigkeit entlarvt Goleman als Mythos. "Multitasking ist eine Fiktion. Sie richten Ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache, dann schalten Sie zur nächsten um, zur nächsten und nächsten ... das geschieht nie gleichzeitig", sagt er und weiter: "Immer wenn Sie umschalten, brauchen Sie eine Zeit lang, um sich wieder auf etwas zu fokussieren". Wer vieles gleichzeitig abzuarbeiten versucht, dem gelingt nichts richtig.

Um den Homo digitalis am Rande des Kollapses zu kurieren, gäbe es nur ein Rezept: Ab ins Hirn-Fitness-Studio. "Die Überlebensstrategie besteht darin, dass wir lernen, uns zu fokussieren und unsere Aufmerksamkeit zu schulen." Die Versenkung in die Innenwelt sei weltweit Trend. Atem- und Selbsterfahrungsübungen können die Hirn-Schaltkreise neu vernetzen, und "Mindfulness-based Stress Reduction" (bei uns als Aufmerksamkeitstraining bekannt) wurde eigens für den westlichen Geist entwickelt.

Goleman legt übrigens Entscheidungsträgern seine Überlegungen besonders ans Herz und schreibt: "Wie wollen Sie ein Unternehmen managen, wenn Sie nicht mal die Aktivität Ihres Denkens steuern können?"

Im mentalen Fitness-Studio: Wie Sie Konzentration üben

Sind Ihre Gedanken beim Lesen dieses Textes auch abgeschweift? Zwischen 20 und 40 Prozent der Zeit sind durchaus üblich. Je häufiger, desto schlechter ist die Verständnisfähigkeit.

Betrachten wir einmal, welche kognitive Leistung unsere neuerdings ganz normale Informationsflut erfordert – die wachsende Zahl von Nachrichtenkanälen, eMails, Telefonanrufen, Tweets, Blogs, Chats, Gedanken. Daniel Goleman: „Dieses neuronale Summen verursacht angesichts der Anforderung, Leistung zu erbringen, zusätzliche Anspannung. Denn die Konzentration auf eine Sache zu richten, erfordert es, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und vieles auszublenden. Die Folge: kognitive Erschöpfung, Leistungsabfall, Reizbarkeit.“

Nur Natur

Dagegen hilft das gleiche Mittel wie gegen körperliche Erschöpfung: ausruhen. Die ruhigste Umgebung, sagt Stephen Kaplan von der University of Michigan, finden wir in der Natur. Er hat die „Theorie der Aufmerksamkeitswiederherstellung“ formuliert: Selbst ein Spaziergang durch die Stadt fordert unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen uns zwischen anderen Menschen den Weg bahnen, Autos ausweichen, das Hupen und den Straßenlärm ausblenden. Ein Spaziergang im Wald oder durch einen Park stellt dagegen viel weniger Ansprüche an die Aufmerksamkeit, und wir können uns regenerieren.

Gedankendisziplin

Danach ist dann ein guter Moment, ins mentale Fitnessstudio zu gehen: Die geistige Entsprechung zum wiederholten Heben von Hanteln ist das Fokussieren. Wenn man bemerkt, dass der Geist abschweift, fängt man den Gedanken ein und führt ihn wieder auf den zielgerichteten Weg zurück. Das geht leicht, wenn man die Konzentration nur auf ein Ding richtet, etwa die eigene Atmung. Tut man das eine Zeit lang, so gehen die Gedanken zwangsläufig auf Wanderschaft.
Deshalb lautet die allgemeine Anleitung: Wenn Ihre Gedanken abschweifen – und wenn Sie das bemerken –, holen Sie sie wieder zum Gegenstand der Konzentration zurück und halten Sie dort die Aufmerksamkeit aufrecht. Und wenn die Gedanken wiederum abschweifen, tun Sie nochmals das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

Daniel Goleman

Jahrgang 1946, gehört zu den weltweit führenden Psychologen und Verhaltensforschern. Der gebürtige Kalifornier lehrte an der Harvard-Universität, war Herausgeber der Zeitschrift „Psychology Today“ und schreibt für die „New York Times“. Bekannt wurde er durch sein 1995 erschienenes Buch „EQ. Emotionale Intelligenz“, das zum Millionenbestseller wurde. 2006 folgte „Soziale Intelligenz“ und jetzt „Konzentriert euch! Eine Anleitung zum modernen Leben“ (Piper, 20,60€).

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