Der Weltklimarat erklärt vergangene Nacht, dass die Auswirkungen des Klimawandels bereits sichtbar werden, an Land und in den Weltmeeren.

© APA/EPA/CHRISTOPHER JUE

Erderwärmung
03/28/2014

Folgen des Klimawandels

Der Weltklimabericht macht klar: Wir sind nicht vorbereitet auf die Auswirkungen der Erderwärmung. Welche Möglichkeiten uns noch bleiben

von Martin Burger

Es ist die höchste Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre seit 800.000 Jahren, die vergangenen 30 Jahre waren die wärmsten seit 14.000 Jahren, und gerade haben die Österreicher den zweitwärmsten März seit Beginn der Temperatur-Messungen im Jahr 1767 erlebt. Dass diese und andere Langzeit-Rekorde Folgen für die Natur haben werden, ist klar.

Welche, darüber beriet der UNO-Weltklimarat in Japan bis Sonntag tief in die Nacht. Die Erderwärmung wird drastische Auswirkungen haben, wenn der Mensch sie nicht stärker bremst als bisher. Steigende Temperaturen erhöhten die Wahrscheinlichkeit „schwerer, tief greifender und irreparabler Folgen“, heißt es in dem am Montag im japanischen Yokohama verabschiedeten Bericht des IPCC.

Zwar gibt es dem Report zufolge für den Menschen noch Möglichkeiten, sich auf die Risiken infolge des globalen Klimawandels einzustellen. Eine Anpassung funktioniere aber nur, wenn die Erderwärmung deutlich gebremst werde. Sonst werde es schwierig, warnte Chris Field, Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Zwei des Weltklimarats. „Selbst ernsthafte, fortgesetzte Investitionen in die Anpassung werden ihre Grenzen haben.“

Die ökonomischen Folgen des Klimawandels werden davon abhängen wie hoch der mittlere Temperaturanstieg tatsächlich ausfällt: Bleibt er im Rahmen – sprich unter 2 – dann gibt es sogar Profiteure in der Landwirtschaft, steigen die Temperaturen im Mittel höher, kehren sich diese Effekte ins Negative.

Ein ungebremster CO2-Ausstoß könnte jedenfalls Schäden in Billionenhöhe sowie Kosten in ähnlicher Höhe verursachen, um die Folgen einzudämmen, warnen die UNO-Experten. Unter dem Klimawandel werden demnach besonders arme Bevölkerungsschichten in südlichen Ländern der Erde leiden, heißt es unter Verweis auf Wasserknappheit, Überflutungen und Armut. Der Klimawandel beeinflusse auch die Ernährungssicherheit, wobei die Menschen in ländlichen Gebieten besonders betroffen seien. Ein Temperaturanstieg von zwei Grad über die vorindustriellen Werte werde 0,2 bis zwei Prozent der Weltwirtschaftsleistung vernichten, heißt es in dem Bericht. Ein Anstieg um mehr als vier Grad könnte desaströse Folgen haben. Nach Überzeugung der Experten wird sich im 21. Jahrhundert vor allem für Europa und Asien das Überflutungsrisiko beachtlich erhöhen. Dürren würden gerade in trockenen, bevölkerungsreichen Regionen die Wasserknappheit verstärken. Das wiederum führt - bei steigender Bevölkerungszahl - zu geringeren Erträgen beim Weizen-, Mais- und Reisanbau. Extreme Wetterphänomene wie Überschwemmungen an Küsten, Dürren und Hitzewellen werden dem Bericht zufolge die Migration von Menschen verstärken. Dies könne zusammen mit Wasser- und Nahrungsmittelknappheit „indirekt das Risiko für Gewaltkonflikte“ erhöhen.


Franz Essl von der Abteilung Biologische Vielfalt und Naturschutz am Umweltbundesamt geht hingegen von einem gemittelten Temperaturanstieg von 2,5 Grad bis zum Jahr 2100 aus, „das ist das, was man sicher annehmen muss“. Damit wird es für Arten wie das „Karlszepter“, ein Läusekraut, das nur noch im Endlacher Moor im Paltental (Obersteiermark) wächst, definitiv zu warm. Ein anderes Eiszeitrelikt, der Moorsteinbrech, ist aus Mitteleuropa bereits in den 1990er-Jahren verschwunden. Der Schuldige ist auch hier: der von Menschen verursachte Klimawandel. Essl: „Diese Pflanzen leben in großen Schutzgebieten, in die nicht eingegriffen wird. Zuvor haben sie an diesen Standorten 10.000 Jahre überdauert.“

Der Klimawandel steht zwar erst am Anfang, daher sind die Auswirkungen noch nicht so gravierend, aber die Geschwindigkeit, mit der er voranschreitet, ist bemerkenswert. Temperaturbedingungen wie sie zwischen 1989 geherrscht haben, finde man heute 270 km weiter nördlich. Sogar Vögel, die mobilste Tiergruppe überhaupt, hinken hinterher, die schnellsten Arten konnten ihre Vorkommen nur 90 km nach Norden verschieben.
Langsamere Tiere, zum Beispiel Schmetterlinge, haben keine Chance: Der Kalifornische Scheckenfalter, wird vom Klimawandel dezimiert, vor allem seine südlichen Terretorien sind durch die steigenden Temperaturen bedroht. Dabei sind gerade die südlichen Vorkommen die genetisch vielfältigen. Hier überdauerten viele Arten die letzte Eiszeit. Wenn diese Gebiete nun unbewohnbar werden, leidet die genetische Vielfalt.
Bei Birdlife registriert Norbert Teufelbauer feine Veränderungen bei den Kurzstreckenziehern unter den Zugvögeln. Zogen bisher die meisten Ringeltauben und Hausrotschwänze im Winter in den Mittelmeerraum, bleiben nun auffällig viele in Österreich. Umgekehrt können sich typische Wintergäste, wie Enten, den weiten Weg vom Baltikum zu uns sparen. Es ist warm genug im Norden.

Noch ist es aus Sicht der Experten nicht zu spät zum Umsteuern: Durch rasche und umfassende Maßnahmen zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes könnten die Gefahren wesentlich verringert werden. Viele Maßnahmen seien einfach und billig, etwa der Kampf gegen Wasserverschwendung und der Schutz der Küsten. Zudem sollten Menschen davon abgehalten werden, sich in Gegenden niederzulassen, die von extremen Wetterphänomen heimgesucht werden können.

Im ersten, im September veröffentlichten Teil des Klimaberichts ging es um die Ursachen und wissenschaftlichen Grundlagen. Der zentrale Befund lautete, dass die Verantwortung des Menschen für die Erderwärmung klarer als je zuvor festgestellt werden konnte. In Teil 2 geht es um die Konsequenzen. In Teil 3, der Mitte April in Berlin veröffentlicht werden soll, sollen mögliche Lösungen aufgezeigt werden.

Was im Klimabericht steht

Der Klimawandel lässt die Bäume immer früher blühen. Ihre Farbe wird blasser, sie haben nicht mehr die Energie“, beklagt Toemon Sano. Seit Generationen wacht seine Familie in Kyoto über die Kirschblüten. „Wenn der Klimawandel so weiter geht, ist das Überleben der Kirschbäume in einigen Regionen in Gefahr“. Was der alte japanische Gärtner beklagt, passt zu dem, worüber Hunderte Forschern und Vertreter von Regierungen aus aller Welt zur selben Zeit nur einen Steinwurf entfernt bei der Tagung des Weltklimarates IPCC debattieren. Denn im zweiten Teil ihres Klimaberichts, dessen Kurzfassung die Delegierten heute Nacht präsentierten (die Ergebnisse waren zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt), geht es um Folgen des Klimawandels. Häufigere Hochwasser, Dürreperioden, schmelzende Gletscher und wärmer und saurer werdende Ozeane drohen zu schweren sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Verwerfungen zu führen.


Erstmals wertete der Weltklimabericht die Folgen des Klimawandels für einzelne Regionen aus. Trotzdem betonten Experten bereits im Vorfeld, dass keine überraschenden Neuigkeiten zu erwarten seien. Die Grundaussagen des 2007 veröffentlichten Vorgängerreports gelten weiter. Der Europateil des neuen Berichts ist 93 Seiten stark. Dort werden unter anderem wohl folgende Klimafolgen für Mitteleuropa diskutiert werden:
Mehr Starkregen, aber auch mehr Hitzestress im Sommer. Gleichzeitig werden die Winter regenreicher. Die Frostperioden verschieben sich von Dezember weiter Richtung Januar/Februar. Dazu werden wir mehr Null-Grad-Zyklen haben, bei denen die Tage frostfrei sind, nachts aber Frost herrscht. Verbunden mit Niederschlägen, ist das ein erhöhter Stress für Materialien, etwa Asphaltdecken – das Ergebnis sind Schlaglöcher.
Kurz vor Veröffentlichung des neuen Berichts wurde dem Weltklimarat nicht zum ersten mal Panikmache vorgeworfen. Richard Tol von der Universität Sussex, koordinierender Leitautor des Kapitels über die wirtschaftlichen Auswirkungen, seinen Namen von dem Bericht zurückgezogen. In der Endfassung des Berichts seien Aussagen umgedreht worden. Tol vertritt die Position, dass die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels eher gering sind. Außerdem sei es billiger, eine Strategie der Anpassung an den Klimawandel zu wählen, statt ihn durch drastische -Reduktion verhindern zu wollen.
Tol ist der Meinung, dass die wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel eher klein seien. Bei einem geringen Temperaturanstieg seien die Auswirkungen unterm Strich sogar positiv. Erst bei einer Erderwärmung von mehr als 2 überwögen negative Effekte. Der Schaden eines Jahrhunderts Klimawandel entspräche aber nur etwa der Größenordnung von einem Jahr Wachstum der Weltwirtschaft, sagt Tol. „Verglichen etwa mit der Wirtschaftskrise in Südeuropa ist der Schaden durch den Klimawandel ein kleines Problem.“

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