Fifty Shades: "Mummy Porn" wird Kult

passion in my soul
Foto: stock_colors/Getty Images/iStockphoto .

Fünf Bücher, drei Filme, ein Erfolg: Die "Shades of Grey"“-Saga hat Sadomaso nachhaltig salonfähig gemacht. Was bedeutet das in Zeiten des #MeToo-Aktivismus?

Casanova  war gestern, der Star der Stunde heißt Christian Grey. An der Seite seiner Gespielin Anastasia Steele schaffte es der beziehungsgestörte Egomane zu einem echten Serienhelden. So nebenbei  machte er die "Fifty Shades of Grey"-Saga für ihre Autorin auch zur Goldgrube.

50 Shades of Grey - Befreite Lust Foto: Universal Pictures Der "Mummy Porn" der zweifachen Mutter Erica Mitchell alias E. L. James verkaufte sich in Buchform bisher mehr als 125 Millionen Mal. Und begründete trotz  miserabler Kritiken einen richtigen Kult. "Fifty Shades of Grey"-Weine in "White Silk" und  in "Red Satin",  "Fifty Shades"-Klassiksoundtracks  in den Charts sowie ausverkaufte Peitschen in Pornogeschäften, alles schon da gewesen. Als der Erotikbestseller vor drei Jahren erstmals ins Kino kam, knackte er am Box Office mühelos die 500-Millionen-Dollar-Marke.

Rechtzeitig vor dem Valentinstag am 14. Februar kommt nun mit "Fifty Shades of Grey – Befreite Lust" die Trilogie  zum Höhepunkt. Wobei sich die  Erwartungshaltung in der einschlägigen Szene  in Grenzen hält.  Gernot Kern von der NoLimits-Bar in Meidling war schon von der schauspielerischen Leistung in den ersten beiden Teilen "erschüttert". Diesmal gibt er sicher w.o. Eines aber findet er – auch wegen des anhaltenden Aufschreis  der  #MeToo-Bewegung – "total spannend": Dass Fragen über dezidierte Macht und Gewalt in Beziehungen nicht mehr auf die Sadomaso-Szene beschränkt, sondern im Mainstream angekommen sind. Themen wie Disziplin, Dominanz, Unterwerfung, Sadismus und Masochismus schafften dank dem filmreifen Sexvertrag des Millionärs Christian Grey mit der unbedarften Anastasia  Steele den Sprung aus der Schmuddelzone.

Mit einem Déjà-vu-Effekt: Aus der  Sicht des SM-Club-Betreibers Kern - der in seinem Club in der Wurmbstraße 36 auch Workshops und Kurse in einer "No Limits University" anbietet -,  diskutieren wir "heute jene Fragen durch, die sich die BDSM-Community von Anfang an hat stellen müssen, um überhaupt gesellschaftliche Akzeptanz erfahren zu können“. Das jedoch mit einem gewaltigen Unterschied: „Was ,Fifty Shades of Grey’ zeigt, bildet nicht die Realität von Menschen ab, die sich für Dinge wie Fetisch oder Bondage interessieren.“ Denn: "Mit den Gefühlen anderer so zu spielen wie der Psychopath  Christian Grey ist ein absolutes No-Go."

This image released by Universal Pictures shows Ja… Foto: AP/Doane Gregory Eine Kritik, die die deutsche Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke bereits nach Teil 2 der Erotikreihe geäußert hat: Wer keinerlei Berührung mit dem Thema hat, könnte denken, der Film gebe einen realistischen Einblick in diese Szene. Dabei sei  das, "was Christian und Anastasia haben, eine Mischung  aus psychischen Störungen, Grenzverletzungen und emotionalen Bindungsproblemen". Benecke legt ein Schäuferl nach: "Christian Grey ist ein gefährlicher, traumatisierter, bindungsgestörter Egomane, der Frauen als Spielzeug behandelt und  sie emotional und finanziell abhängig machen will."

Emanzipation ade?

Klingt ganz nach Filmmogul  Harvey Weinstein, oder? Wie auch immer, das Rollenbild, das hier propagiert wird,  ist nicht mehr ganz neu: Der Mann schafft an, das Weibchen fügt sich – und hofft bei allem Gram doch noch auf ein Happy End. Geht’s noch? Auffällig ist jedenfalls, dass  dieser Stoff gerade  bei Frauen auf  großes Echo stieß. Das muss zwar nicht unbedingt auf eine Bankrotterklärung der  Emanzipation hinauslaufen. Aber dieser Fakt wirft  ein düsteres Licht auf eine sonst eher verborgene Lebenswelt. "Die Erfahrung aus meiner Praxis zeigt, dass Unterwerfungsfantasien bei vielen Frauen präsent sind", erklärt auch die  Paar- und Sexualtherapeutin Nicole Kienzl aus Mödling.

Nicole Kienzl<br />
Paar- und Sexualtherapeutin, Mödlin… Foto: Nicole Kienzl

Nur in der Fantasie...

Warum das so ist? Kienzl kehrt vor der eigenen Tür: "Frauen sind viel narzisstischer als sie zugeben. Begehrt und umworben zu werden, ist  eine ganz zentrale Fantasie von Frauen." Und von dort zur Vergewaltigungsfantasie sei es nicht mehr allzu weit. "Natürlich wünscht sich keine Frau tatsächlich eine Vergewaltigung, sondern nur in der Fantasie", präzisiert die Psychologin. "Denn dort kann die Frau den Sex selbst bestimmen, ist ihr eigener Regisseur."

Apropos Regie. Dass das echte Leben alles andere als ein bonbonfarbenes Disney-Märchen ist, wusste man zwar auch schon lange vor dem Bekanntwerden der brutalen Attitüden  von Männern wie Film-Mogul Harvey Weinstein. Jetzt aber erst wird klar, was die "Fifty Shades of Grey"-Saga  den realen Machtverhältnissen in Hollywood voraus hat: In der BDSM-Szene bestimmt im Prinzip der oder die Passive, was getan oder angetan wird.

This image released by Universal Pictures shows Ki… Foto: AP/Doane Gregory Die Traumwelt von Los Angeles hingegen basiert vorwiegend auf folgendem Klischee: Dass der, ach, so fürchterlich aktive Mann Tag und Nacht anschafft und ihm dabei ja  keiner dreinredet. Vor allem Frauen nicht.

Die Woge der Begierde

Alles begann mit dem Gerücht, dass der Erotikfilm „Fifty Shades of Grey“ in Finnland und Australien einige Kinobesucherinnen so sehr erregt hatte, dass sie sich gleich im Saal zum Orgasmus vibrierten. Plausibler ist, dass die Szenerie aus Luxus (Christian Grey ist superreich,Sexgott und  Hubschrauber- pilot in einem)  und Leidenschaft (jeder zweite  Filmkader schreit: „Gib’s mir, Baby!“) einfach auf einen Nerv trifft. In Teil 1 schließt  Sadist Christian Grey einen Sexvertrag mit der Jungfrau Anastasia ab. Sie aber macht Schluss, als er sie zu fest rannimmt. In Teil 2 genügt ein Dinner mit  Oralsex als Dessert, dass sie ihn  zurückhaben will. In Teil 3 (Kinostart: 8. Februar) wird geheiratet, aber auch eine  Ex (Kim Basinger, Bild) taucht auf.

Jede Art von Sex ist o.k.

Paar- und Sextherapeutin Nicole Kienzl zu "Fifty Shades": "Die Erfahrung aus meiner Praxis zeigt, dass Unterwerfungsfantasien bei vielen Frauen präsent sind. Es gibt eine interessante Theorie zu Vergewaltigungsfantasien. Sie hat mit der Fantasie von der eigenen Unwiderstehlichkeit zu tun: „Der will mich, weil ich so attraktiv bin.“

Frauen wollen begehrt werden

Frauen  wollen eigentlich begehrt werden. Deshalb denken sie sich Fantasien aus, wo sie im Mittelpunkt stehen.

In diesem Zusammenhang ist es ganz wichtig zu sagen, dass JEDE Art von Sexualität in Ordnung ist, solange es einvernehmlich passiert und niemand zu Schaden kommt!

Enttabuisierung ist ein wichtiger Punkt in unserer nur scheinbar aufgeklärten Gesellschaft. In meiner Fantasie kann ich Wünsche und Bedürfnisse ausleben, die ich  in der Realität niemals umsetzen möchte. Durch "Shades of Grey" erkennt vielleicht die eine oder andere Frau, dass derartige Fantasien völlig in Ordnung sind (auch das Ausleben dieser Fantasien) und kann mehr zu diesen Wünschen stehen.

Insgesamt geht es bei einem erfüllenden Sexualleben um eine selbstbestimmte Sexualität. Das bedeutet, das eigene Begehren wahrzunehmen, es sich zuzugestehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Das ist der erste wichtige Schritt. Es meine/n Partner/in wissen zu lassen, der zweite  Schritt.

Auch findet im BDSM (kommt von "Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism") keine unkontrollierte Gewaltanwendung statt, sondern Sicherheit steht stets vor dem Lustgewinn, was jedoch für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen ist.

Ich merke immer wieder, dass sich vor allem Frauen mit teils sehr moralischen Werten – wie hat Sexualität auszusehen – in ihrer eigenen Sexualität hemmen und einschränken. Sadomasochistische Spiele, so wie sie in "Shades of Grey" dargestellt sind, können auf viele Frauen eine sehr erotische Wirkung haben. Ich sehe das nicht als einen Appell,sondern als eine Möglichkeit, seinen sexuellen Handlungsspielraum  zu erweitern.    
www.sexual-therapie.at

(Kurier Freizeit am Samstag) Erstellt am
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