Arnold Mettnitzner ist heute Psychotherapeut. Der Zölibat sollte keine Pflicht, sondern eine Wahlmöglichkeit sein, sagt er

© Kurier/Franz Gruber

Interview
11/03/2019

Ex-Pfarrer: "Ein Seitensprung als Sprung ins Leben“

Arnold Mettnitzer lebte als Pfarrer eine verbotene Beziehung. Ein Gespräch über das Kreuz mit der Liebe.

von Ida Metzger

Schon im zarten Alter von drei Jahren erzählte er Geistlichen („den Klerikalen“, wie er sagt), dass er Priester  wird. So geschah es dann auch. Mit 30 waren sie plötzlich da. Die ersten Zweifel. 2002 gab der Kärntner Arnold Mettnitzer das Priesteramt aus Liebe zu einer Frau auf.

Wie denkt der 67-Jährige heute über den Zölibat? Glaubt er, dass die soeben beendete Amazonien-Synode, mit dem Beschluss, dass verheiratete Männer in der Region die Priesterweihe empfangen können, eine Zeitenwende in der Kirche einleitet? Das KURIER-Interview mit dem Ex-Priester.

KURIER: Herr Mettnitzer, kann das Amazonas-Gebiet beim Zölibat – überspitzt  formuliert –  zu einer Trendregion werden?

Arnold Mettnitzer: Wir wissen es nicht. Wer hätte sich im Sommer 1989 gedacht, dass die Berliner Mauer fallen wird? In der Kirche könnte es durchaus anders sein: dass man sich beim Zölibat nun einen Schritt nach vorne wagt, aber die Konservativen mit einem heftigen Gegenwind reagieren und dieser Prozess stecken bleibt. Wir sind gut beraten, auf das Dokument, das der Papst nun auf Grund der Beratungen schreiben wird, zu warten.  Hier wird er eine Linie vorgeben.  Meine Freunde im Vatikan sagen mir, dass dieser Papst zehn Prozent Feinde, 20 Prozent Freunde im System hat. Aber diese beiden Gruppierungen sind nicht das Problem, sondern die restlichen 70 Prozent, die seelenruhig versuchen, diesen Papst auszusitzen,  bis ein neuer kommt.

Ihre ersten Zweifel sind  mit rund 30 Jahren gekommen. Warum plötzlich?

Weil ich eine Erfahrung mit einer Frau gemacht habe, von der ich vor dieser Erfahrung geglaubt habe, dass ich  diesbezüglich nie auch nur den leisesten Funken einer Begierde spüre.

Wie viele inneren Konflikte haben Sie mit sich ausgetragen, bis Sie den finalen Schritt – den Austritt aus dem Kirchendienst – wagten?

Viele. Das waren sicher neun Jahre, bis ich mir selber eingestanden habe, dass es hier eine Sehnsucht nach Lebendigkeit gibt, der ich  mich nicht ein Leben lang verschließen darf. Dann hatte ich mit Bischof Egon Kapellari als Vorgesetztem Glück. Er hat mir auf den Kopf zugesagt: „Was immer du tun willst, tue es. Ich helfe dir dabei, soweit ich es in meiner Funktion als Bischof kann.“

Kann man sich diese inneren Konflikte wie bei einem Seitensprung vorstellen?

Ja, selbstverständlich. Aber die Pointe  ist in diesem Fall, dass ein Seitensprung zum Sprung ins Leben wird. Zuerst bricht aber eine Welt zusammen.

Fühlten Sie sich als Sünder?

Ja, sehr lange. Im Stillen habe ich gehofft, dass dieser Anfall oder dieser Bazillus der Verliebtheit verschwinden würde. Je mehr ich das gehofft habe, desto mehr ist gleichzeitig diese innere Dringlichkeit, in einem Freiraum zu leben, wo ich durchatmen und mich ungeniert fallen lassen kann, gewachsen. Diesen Zustand habe ich vorher nicht gekannt. Jetzt sind wir im 27. Jahr unserer lange geheim gehaltenen Liebe.

Wie lange war diese verbotene Liebe geheim?

Ich habe meine Frau an einem 1. November, in der Pfarre, wo ich der neue Pfarrer war,  nach der Gräberbesprengung kennengelernt. Allein von diesem Datum war ich fasziniert. Am Tag, an dem ich an den Gräbern meiner Vorfahren stehe, die Frau zu treffen, die mir vom Grab weg eine Lebendigkeit zufächelt und die dann meine Lebensgefährtin wird  –  diese Faszination hat mich nie losgelassen.  Summa summarum haben wir unsere Liebe  sieben Jahre lang geheim gehalten, obwohl es alle schon wussten. Bei unserem ersten gemeinsamen Urlaub sind wir um 4.30 Uhr aufgebrochen, damit uns niemand sieht. Im Kanaltal machen wir bei einer Raststätte halt, um einen Cappuccino zu trinken. Als wir in die Raststätte kommen, sitzt da eine Familie aus meiner Pfarre und sagt: „Guten Morgen, Herr Pfarrer, sind Sie auch schon unterwegs?“ Trotzdem habe ich so getan, als wüsste es nur diese Familie und der Rest der Pfarre nicht (lacht).

Es war also Liebe auf den ersten Blick am Friedhof?

Ja. Ich behaupte, durch die Begegnung mit meiner Frau habe ich, wie vom Blitz getroffen, eine Ahnung bekommen habe, wie ich besser Mensch sein könnte.

Wie fühlt man sich, wenn man das Kollar ablegt?

Der letzte Schritt war ein ganz beherzter, der auch weh tat. Er nahm aber nichts, was mich mit meiner Frau verband, sondern machte mir nur bewusst, aus welchem Reichtum ich 25 Jahre meines Lebens schöpfen durfte. Es ist einfach ein so  unglaublich schöner Beruf: Pfarrer zu sein – das ist nach wie vor das Schönste, das Beste, was ich meinem Leben gespürt habe, was man für Menschen tun kann.

Sie  schwärmen noch, wenn Sie über den Seelsorger-Beruf reden. Was hat Ihnen Ihre Frau gegeben, was die Kirche nicht bieten konnte?

Vor unserer standesamtlichen Trauung  sind  wir auf eine Beschreibung von Liebe gestoßen, die uns beiden die Schuppen von den Augen hat fallen lassen:  Liebe als die uneigennützige Kunst, Raum zu schaffen, damit der andere sein kann, der er ist. Das habe ich so in der Kirche nicht erlebt. In der Kirche  habe ich immer das Gefühl gehabt, es wird mir die Wahrheit vorgesetzt.  Man darf einem Menschen nicht zutrauen, dass er das, wozu er unverwechselbar auf der Welt ist, aus sich heraus selbst finden kann. Das war der diametrale Unterschied.  In der Liebe meiner Frau zu mir habe ich eine neue Qualität gespürt.

Welche?

Eine Qualität, die   eine offene Weite schafft, die nichts Einengendes bietet. Damals habe ich oft gesagt: „Ich weiß nicht, wie es weiter geht.“ Meine Frau  wusste es auch nicht, aber sie glaubte an uns. Dieser Glaube hat uns unglaublich getragen und hat mich sehr beschämt. Denn wenn es eng geworden ist, habe  ich mich hinter der Funktion und der Verantwortung  versteckt. Aber meine Frau hat gespürt, dass  hinter diesem eigenartigen Verhalten noch ein anderer Arnold steckt.

Ist der Zölibat unbedingt notwendig, um ein guter Seelsorger zu sein?

Das Problem liegt nicht in einer bestimmten Lebensform, sondern darin, zu welcher Form eine Gemeinschaft glaubt,  mich zwingen zu sollen. Selbst Sigmund Freud hat gesagt: „Triebverzicht schafft Kulturgewinn.“ Er hat aber nicht gesagt: um Kultur zu gewinnen, musst du ein Leben lang auf Triebe verzichten. Das wäre absurd. Diesbezüglich hat die Kirche  als Institution ein gehöriges Menschenrechtsproblem. Deswegen hat der Vatikan  auch die Menschenrechtskonvention nicht unterschrieben, weil   die Gleichberechtigung und die freie Berufswahl dem entgegenstehen. Es gibt viele Künstler und Ärzte, die ein Leben lang ehelos geblieben sind, weil sie von ihrem inneren Ruf aufgesaugt wurden. Aber es gab  auch viele wunderbare Seelsorger, wie den Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti, der als Protestant verheiratet war. Wenn man bei ihm zu Hause war, dann hat man gemerkt: das, was er predigte, lebte durch die Atmosphäre, die seine Frau im Haushalt verströmt hat.

Würde die Aufhebung des Zölibats die Kirche wieder attraktiver machen?

Das kann sein, muss aber nicht sein. Je mehr wir Vermutungen anstellen, umso mehr machen wir uns anfällig zu irren. Ich würde aber sagen: Stellt den Zölibat zur Wahl frei.

 

Arnold Mettnitzer

Der Kärntner war von 1979  bis 2001 Seelsorger in der Diözese Gurk-Klagenfurt. 2002 legte er das Kollar ab; davor lebte er etliche Jahre in einer geheimen Beziehung. Heute ist er erfolgreicher Psychotherapeut und Autor.

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