Leben
06.10.2017

Europäische Lesbenkonferenz: Die (un)sichtbare Lesbe

Mehr als 400 Frauen treffen sich zur ersten Europäischen Lesbenkonferenz in Wien.

Elton John, Klaus Wowereit oder Alfons Haider sind nur ein paar schwule Männer aus Politik und Showgeschäft, die der breiten Bevölkerung ein Begriff sind. Bei lesbischen Frauen müssen die meisten Menschen länger nachdenken, bis ihnen prominente Namen einfallen. Am nächsten liegt derzeit wohl die bekennende Homosexuelle Ulrike Lunacek, grüne Spitzenkandidatin für die bevorstehende Nationalratswahl und davor langjährige EU-Parlamentarierin. Ein Indiz dafür, dass lesbische Frauen weniger sichtbar sind als Schwule, denen es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist, in allen gesellschaftlichen Bereichen wahrgenommen zu werden.

Lesbenkonferenz

Mehr Bewusstsein für diese Situation soll eine erstmals veranstaltete Europäische Lesbenkonferenz bringen, die heute in Wien startet und bis Sonntag dauert. Denn die mangelnde Sichtbarkeit von Lesben hat weitreichende Folgen: "Wenn du unsichtbar bist, existierst du nicht und hast auch keine Rechte", erklärt Mariella Müller, Referentin für LGBTI (steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell)-Angelegenheiten im grünen Parlamentsklub. Müller ist Gründerin und Obfrau der Europäischen Lesbenkonferenz und hat diese gemeinsam mit einem internationalen Freiwilligenteam von Frauen, unter anderem aus Italien, Mazedonien und der Schweiz, organisiert. Zur Konferenz in der Brotfabrik werden über 400 Lesben aus über 40 Ländern erwartet, die Tickets dafür sind bereits ausverkauft.

Für Müller kommt das große Interesse unerwartet, es zeigt aber, "dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist". Die Ortswahl sei auf Wien gefallen, weil sich die Stadt im Herzen Europas befindet und somit einfach für alle zu erreichen sei. Ziel der Konferenz ist es unter anderem, die lesbische Gemeinschaft zu stärken, aber auch ganz grundsätzlich zu klären, wer eigentlich für wen spricht.

Denn oftmals würden andere Menschen im Namen von Lesben argumentieren. Letztlich soll eine Bewegung entstehen, die für sich selbst spricht. Als großen Missstand in unserer Gesellschaft sieht Müller beispielsweise, dass Lesben noch immer nicht überall einen gleichberechtigten Zugang zur Ehe haben, auch die Ausweitung des Diskriminierungsschutzes außerhalb der Arbeitswelt im Gleichbehandlungsgesetz ist ihr ein zentrales Anliegen. Denn laut Müller komme es häufig vor, dass Lesben, aber auch Schwule oder Transpersonen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Nicht selten in alltäglichen Situationen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Doppelzimmer in einem Hotel zu mieten. Müller berichtet, dass Lesben generell häufig mit einer Mehrfachdiskriminierung konfrontiert sind, einerseits als Frauen und zusätzlich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

Spätes Outing

Die Angst vor Diskriminierung, wie beispielsweise Nachteile im Beruf, führe dazu, dass sich viele nicht outen. Oder im Vergleich zu schwulen Männern erst in einem späteren Lebensalter, wie die in Berlin lebende Journalistin und Fundraiserin Stephanie Kuhnen weiß. "Das Coming-out ist immanent wichtig und ermöglicht den Zugang zu Netzwerken", sagt Kuhnen. Auch sie sieht einen enormen Nachholbedarf in der Sichtbarkeit von Frauen generell und von lesbischen Frauen im Speziellen.

Ende September ist ihr Buch "Lesben Raus!" im Querverlag erschienen. In diesem finden sich 20 Texte, in denen Experten auf dem Gebiet aus unterschiedlichen Perspektiven die Situation von Lesben reflektieren. Sowohl Müller als auch Kuhnen sind sich einig, dass die unzureichende Sichtbarkeit von Lesben vor allem auf ein strukturelles Problem zurückzuführen sei. Denn auch, wenn schwule Männer ebenfalls diskriminiert werden, würden sie letztlich von den patriarchalen Strukturen profitieren, weil "schwule Männer auch Männer sind", so Müller. Lesbische und weibliche Sexualität würde hingegen vielfach gar nicht ernstgenommen. Dabei geht es ihr keinesfalls darum, eine "Sonderbehandlung" zu bekommen, sondern "mitbedacht" zu werden.

Buchtipp:"Lesben Raus!" von Stephanie Kuhnen, Querverlag, 296 Seiten, 16,90 €

Die Tickets für die Konferenz sind ausverkauft. Die Hauptvorträge werden am Freitag, 6. Oktober, ab 9.30 Uhr auf Okto live im TV oder Webstream übertragen.
www.okto.tv

Das komplette Programm gibt es unter: europeanlesbianconference.org

Auch ohne Ticket kann man beim lesbischen Marsch mitgehen. Dieser startet am Samstag, 7. Oktober, um 18 Uhr am Wiener Schwedenplatz.