Marktgeschichten, Folge 83: Kurzes Glück
Es gibt Aromen, die eine Geschichte erzählen. Wie die schwarze Ribisel. Bis heute findet sie ihren Weg in elegante Madeleines — und verzaubert immer wieder.
Marktgeschichten, Folge 83: Nicole Ott schreibt an dieser Stelle einmal im Monat von inspirierenden Gesprächen rund um saisonale Produkte und kreiert exklusiv für die freizeit ein Rezept damit.
Ich spaziere an diesem sommerlichen Samstagmorgen über den Bauernmarkt. Auch wenn die Tage unglaublicherweise schon wieder kürzer werden, wird die Sonne heute doch fünfzehn Stunden scheinen und uns an die Donau locken. Welcher Ort wäre besser geeignet als dieser bunte Markt, um mich zu kulinarischen Picknickideen zu inspirieren?
Ich grüße die Standlerinnen, die meisten sind mir über die Jahre sehr vertraut geworden. Die kleinen Paradeiser, die in den Holzsteigen liegen, haben um diese Jahreszeit schon genug Sonnenlicht gesehen, um herrlich süß zu werden. Basilikum in Töpfen gibt es auch, mir schwebt ein Pastasalat mit Basilikumpesto, Tomaten und Mozzarella vor.
Da erspähe ich bei meinen Lieblingsbäuerinnen ein paar Schachterln schwarze Ribiseln. „So ein Glück“, rufe ich der Standlerin zu, „schwarze Ribiseln haben nur kurz Saison!“ „Das stimmt!“, lacht sie zurück, „nimm lieber alle mit, bevor sie dir wer wegschnappt!“ Gesagt, getan — zu Hause packe ich meine Beute aus und betrachte liebevoll meinen Beerenfund.
Jugenderinnerungen
„Hab ich dir eigentlich schon mal von meinem ersten Parisbesuch erzählt, wo ich mit zarten sechzehn Jahren meinen ersten Kir Royale getrunken habe?“, frage ich den Liebsten, nostalgisch in Jugenderinnerungen schwelgend. Der Liebste mimt gekonnt den Unwissenden – diese Geschichte kennt er wahrscheinlich schon auswendig. „Kir Royale?“, fragt er. „Ist das nicht der französische Drink?“ „Genau“, antworte ich, „mit Crème de Cassis und Champagner – weil in Frankreich alles ein wenig eleganter ist“.
Tipp
Schwarze Ribiseln zuerst in einer Lage einfrieren, dann erst in Säckchen füllen — so kleben sie nicht zusammen und lassen sich portionsweise entnehmen.
Während ich die Beeren von ihren Rispen reble, denke ich an diesen Urlaub mit meiner Schulklasse, bei dem ich viele erste Male erlebte. Zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs sein, zum ersten Mal eine Weltstadt sehen, zum ersten Mal Kandinsky in einer Ausstellung bewundern. Meine Liebe zu Frankreich wurde in dieser Zeit geweckt und zieht mich, so oft es geht, in dieses wunderschöne Land.
Die schwarze Beere hat großes vor
Zurück zu den Ribiseln, die schwarz und prall in einer Schüssel vor mir liegen. Die Hälfte wird eingefroren, damit wir uns an grauen Wintertagen ein bisschen Sommerlaune holen können. Einen Teil verrühre ich bei kleiner Hitze mit ein wenig Zucker und Zitronensaft, auf dass die Beeren Saft lassen und mit frischem Joghurt verrührt eine gesunde Nachspeise ergeben.
Der Rest? Wird zu Madeleines – die Ribisel hat Großes vor. Eine Stunde später radeln wir der Donau entgegen, die Madeleines noch ofenwarm im Rucksack. Am Donauufer angekommen, beiße ich in eines hinein– und bin für einen Moment wieder sechzehn, in Paris, mit einem Kir Royale in der Hand.
Marcel Proust hatte recht: Ein Küchlein kann eine ganze Welt in sich tragen.
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