Leben
23.07.2016

Erwachsenenmalbücher: Mal dich glücklich

Zeichnen und Malen als Weg zur Tiefenentspannung? In der Tat greifen immer mehr Menschen zum Buntstift, um dem Stress des Alltags zu entfliehen. Und es klappt!

Im Untergeschoß der Buchhandlung Thalia auf der Wiener Mariahilfer Straße, dort, wo es Kalender, Stifte, Papier, Notizblöcke und Schulhefte gibt, macht sich die freizeit auf die Suche nach dem jüngsten Trend im Buchhandel: „Magische Eulen“, „Traumhafte Tierwelt“ oder „Zaubergarten“ lauten die Titel der aktuellen Bestseller, deren Namen klingen, als ginge es darum, die Realität auszusperren. Es sind Ausmalbücher für Erwachsene.

Beim Stöbern und Hineinblättern landet man in einer Welt aus Schlössern, Blumenwiesen, Mustern und Mandalas. Immer wieder begegnen einem exotische Begriffe wie Zentangle, Zendoodle oder Zencolor. Über allem schweben die Sehnsuchts-Begriffe Entspannung, Meditation, Happiness. Also nicht mehr als ein Trick der Esoterik-Branche, leichtgläubigen Menschen auf Sinnsuche das Geld aus der Tasche zu locken? Oder eine clevere neue Strategie, dem stetig steigenden Stresspegel des Alltags ein Schnippchen zu schlagen, indem man sich eine Zeit lang in die eigene Kindheit zurückversetzt?

Einmalige Verwendung der Malvorlagen für Freizeit mit dem Vermerk: "Bildrechte: Frechverlag". Jede weitere Verwendung muss ange… © Bild: Frechverlag

Ausmalbilder für Erwachsene. Im Frechverlag erschienen sind etwa "Zencolor Meditation" und "Zencolor Moments". Tangles zum Ausmalen und Loslassen

DIE ANGST VOR DEM WEISSEN PAPIER GIBT ES HIER NICHT Spricht man mit Menschen, die regelmäßig Mandalas zeichnen oder Ausmalbilder colorieren, wird jedenfalls eines klar: Sie alle haben etwas gefunden, das Ihnen Spaß macht und hilft, sich für einige entspannte Stunden aus dem Alltag auszuklinken. Die Psychologin und Kunsttherapeutin Petra Hofmayer sieht diese Entwicklung positiv: „Es gab ja einmal den Trend zu behaupten, jeder Mensch sei ein Künstler. Daraufhin haben sich viele Menschen für teures Geld Leinwände, Staffeleien und Farben gekauft, nur um bald festzustellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine weiße Fläche kreativ zu gestalten.“ Ein Frust, der bei Ausmalbüchern definitiv wegfällt. Country-Sängerin Sandra Schauer, 33, muss nicht auf Ideen warten, um einen Anfang zu finden. Sie sucht sich ihre Vorlagen im Internet, druckt diese aus und bemalt sie so, wie’s ihr gefällt. „Dafür verwende ich knallige Filzstifte.“

Malen tut gut

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Sandra Schauers Job als PR-Agentin ist fordernd, das Arbeitstempo hoch, und selbst auf der Bühne zu stehen, ist für die Country-Sängerin auch stressig. Um damit klar zu kommen malt sie Bilder aus ...

... am liebsten malt die 33-Jährige Wienerin Mandalas. „Dabei schalte ich ab und bekomme einen klaren Kopf.“ Die Vorlagen druckt sie sich aus dem Internet aus: „Am besten sind gleichförmige Muster, dabei kommt man am leichtesten runter.“ Sandra Schauer verwendet Filzstifte zum Ausmalen, weil die schön bunt und kräftig sind.

Und wenn es das Leben  einmal zu bunt treibt, greift sie zu ihrem Schimpfwörterbuch zum Ausmalen – frei nach dem Motto: Farbe rein, Ärger raus.

Auch die 32-jährige Studentin Viktoria Paar aus Wien kennt die Angst vor dem weißen Blatt Papier nicht,wenn sie zeichnet. Sie weiß, wie sie anfängt, beginnt ihre Mandalas, die sie selbst zeichnet, immer mit einem Punkt. „Manchmal weiß ich zwar mittendrin nicht, wie es weitergeht, oder mir gefällt etwas nicht“, erzählt sie. „Aber ich bleibe dran und bin oft erstaunt, dass am Schluss immer etwas Schönes dabei herauskommt.“

Malen gibt Struktur

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„Habe ich eine Mandalazeichnung fertig, überwiegt das positive Gefühl von Freude und Entspanntheit“, sagt die Studentin Viktoria Paar. Das Zeichnen sei für sie eine Methode, um sich zu fokussieren.

„Ich versuche dabei, das Mandala nicht zu planen, sondern warte, bis sich die Form von selbst ergibt.“ Zwei bis vier Stunden  können da schon vergehen.

Die Wienerin zeichnet am liebsten Mandalas in Schwarz-Weiß.  Nur das allererste war bunt,  es entstand in Indien, und zwar aus reiner Langeweile. Sie musste auf etwas warten, es lag Kreide herum und sie begann damit einfach am Boden zu zeichnen.  

REIN IN DEN MAL-FLOW

Das Beste an der Arbeit mit Ausmalbildern, Mandalas oder Zentangle ist, dass man sich sicher fühlen kann, weder über- noch unterfordert ist und mit der Zeit in einen regelrechten Mal-Flow kommt, also jenen Zustand der Selbstvergessenheit, der Energie schenkt und Gefühle wie Freiheit und Glück freisetzt. Psychologin Petra Hofmayer: „Für viele Erwachsene ist das Malen wie eine Reise in die Kindheit, eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.“ Deshalb sei das Malen mit Vorlagen auch ideal für ältere Menschen – natürlich angepasst an die jeweiligen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Dabei werden alte Erinnerungen wach, und damit schließlich auch der Geist.

Die Bücher am Markt

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Absoluter Renner sind die Bücher der britischen Illustratorin Johanna Basford (z. B. „Mein Zauberwald“,  „Mein Ozean“, Knesebeck), die Millionenauflagen erreichen.

Ausmalbilder gibt es aber auch einfach zum Ausdrucken, etwa unter www.faber-castell.de, www.coloring-life.com, www.ausmalen2000.com und www.supercoloring

Der Fundus an Büchern ist so groß. Für jeden ist etwas dabei: Ob Fantasy-Ausmalbüchern  (z.B. nach J.R.R. Tolkien oder „Game of Thrones“) oder eben Schickes wie „Das Malbuch“ der Vogue ...

Natürlich gibt es  auch Zencolor Meditation zum Tanglen  (Topp-Verlag). Eine Inspirationsquelle aus Muster und Farben.

Ebenso beliebt sind Tiermotive wie in „Fantasia“  (EMF)

MIT MALEN ZURÜCK INS LEBEN

Kreative Therapien ermöglichen unseren Stimmungen Gestalt zu geben, sie so begreifbar zu machen. Darüberhinaus führt das Malen selber, das gezielte Punkte, Striche und Farben auf ein Papier setzen, Linien und Schleifen ziehen, zu einer Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und aktiviert den präfrontalen Cortex, den Teil des Gehirns, der erheblich Einfluss darauf hat, wie wir handeln, denken und fühlen. „Das kann dabei helfen, negative Bewertungen umzudeuten, Ängste zu reduzieren, Vertrauen in den eigenen Körper zu finden und die chronische Müdigkeit – eine häufige Folge von Tumorbehandlungen –zu verbessern“, erklärt Univ.-Professor Alexander Gaiger. Er leitet die Abteilung für onkologische Rehabilitation im Lebens Med.Zentrum Bad Erlach bei Wiener Neustadt. Hier werden Menschen nach oder mit Krebserkrankungen unterstützt, Wege vom Überleben zurück ins Lebens zu finden. Das kreative Tun ist ein wesentlicher Faktor für die Therapie bei posttraumatischen Belastungen. „Krankheit führt oft dazu, dass wir den Fokus darauf legen, was nicht funktioniert. Onkologische Rehabilitation und die dabei eingesetzten kreativen Therapien ermöglichen wahrzunehmen, was geht und den Rahmen unseres Denkens von Krankheit in Richtung Gesundheit zu verschieben.

Color pencils on a white background; Ausrüstung und Geräte, Bildung, Horizontal, Malfarbe, Design, Zeichnung, Bleistift, Halten,… © Bild: Getty Images/iStockphoto/berkay/iStockphoto

Das gezielte Setzen von Punkten, Strichen und Farben aufs Papier kann die Konzentrationsfähigkeit verbessern und den präfrontalen Cortex aktivieren, den Teil des Gehirns, der erheblich Einfluss darauf hat, wie wir handeln, denken und fühlen.

MALEN STATT FERNSEHEN

„Die Arbeit mit Ausmalbildern hilft, einen rastlosen Geist zu zähmen“, sagt Psychologin Hofmayer. „Wir leben in schnellen Zeiten, da ist es fein, wenn man etwas findet, das beruhigt.“ Meditation ist solch ein Ruhepol, aber nicht für jeden Menschen die passende Methode, die er erlernen kann oder will. Selbstvergessenheit im Tun zu finden, und sei es „nur“ Bilder auszumalen, geht da schon einfacher. Sind Malbücher also das neue Yoga? Zumindest sind sie eine clevere Strategie, einem hektischen Alltag Ruhe zu schenken. Es ist die Zeit, die man sich für sich selbst nimmt. Die 63-jährige Pensionistin Anna Mayer, die lieber zeichnet als vor dem Fernseher zu sitzen, beschreibt es so: „Ich kann mich darin vertiefen, abschalten und alles hinter mir lassen.“ Auch die Kreativität wird angekurbelt. Und am Ende bleibt das gute Gefühl, ein Kunstwerk geschaffen zu haben.

Das kann jeder

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„Es geht nicht nur ums Malen, sondern darum etwas zu finden, das man gern allein für sich macht“, sagt Anna Mayer. Alles begann bei ihr mit Zentangles, dann folgten Zendoodles, derzeit malt sie vorwiegend Mandalas.  

Fernsehabende sind für sie nichts. Lieber verbringt sie ihre Zeit  mit Malen, das ist für sie ein meditativer Prozess. „Es ist ein ähnlicher Zugang wie bei Ausmalbildern für Erwachsene“, sagt die in Salzburg lebende Wienerin. Dieses Bild ist von ihr.

Seit zwei Jahren ist sie Hobbymalerin und überzeugt davon, dass es egal ist, welche Art von Malen und Zeichnen man ausführt – Hauptsache, man malt.  

„Ich kann nicht malen“ gilt hier  nicht. Wer ins Zeichnen von Mustern und Mandalas hineinfinden will, findet auf Anna Mayers Homepage www.heilzeichnen.com Tipps, Anregungen und Anleitungen

„Ich selbst male nicht, weil ich Probleme habe“, sagt sie. Sondern weil es ihr einfach gut tut.  „Ich kann mich darin vertiefen, abschalten und alles hinter mir lassen. Es ist fast schon eine Sucht.“  Das Schönste sei, dass  jeder, der Lust hat, auf diese Art zeichnen könne.

 Auslöser des Trends, der seit mehr als einem Jahr Malbücher für Erwachsene in allen Variationen in die Buchhandlungen schwemmt, ist Zentangle. Eine Art des Zeichnens, entwickelt in den USA, die Meditation (Zen) mit freiem Zeichnen (tanglen) kombiniert. Hier sind die Größe der Ausmalfläche sowie der Beginn eines jeden Musters vorgegeben. Erfinder von Zentangle sind die Kalligrafin Maria Thomas und Rick Roberts, ein ehemaliger Mönch.

 Da Zentangle eine geschützte Marke ist, hat sich daraus der Begriff Zendoodle entwickelt (Doodle =kritzeln). Wie beim Zentanglen entstehen Muster in allen möglichen Varianten.

 Mandalas sind im Hinduismus und Buddhismus geometrische Schaubilder, die der Meditation dienen. Mandalas selbst zu entwerfen oder vorgedruckte Mandalas auszumalen, hat zwar keinerlei religiöse Bedeutung, kann aber durch die geometrische Form helfen, die Verinnerlichung zu vertiefen.

 Auch die Zencolor genannten Ausmalbilder für Erwachsene haben die Kraft, Unruhe, Grübelei, Frust oder Ärger zu zähmen. Das Gute: Man bewegt sich in einem sicheren Rahmen – die Angst vor dem leeren Blatt Papier gibt es da nicht und man hat die Chance, sich im selbstvergessenen Tun zu entspannen.

www.zentangle.dezentangle-zendoodle.dewww.heilzeichnen.com