Dietmar Schmee spürt jetzt wieder sein linkes Bein beim Gehen

© Kurier/Gerhard Deutsch

Leben
06/03/2019

Beinprothese: Endlich kein Phantomschmerz mehr

Sensationell: Dietmar Schmee trägt die weltweit erste Beinprothese, die jeden Schritt sofort ans Gehirn meldet

Der ehemalige Zehnkämpfer steht endlich wieder mit beiden Beinen im Leben. „Nach dreißig Jahren und mehr als dreißig Operationen“, wie Dietmar Schmee betont. Er war 25, als er mit seinem Motorrad verunglückte. Nach dem Unfall quälten ihn drei Jahrzehnte lang permanente Schmerzen – und dazu die Nebenwirkungen der hoch dosierten Schmerzmittel.

Doch der Horror des heute 55-jährigen Oberösterreichers ist zu Ende: Seit Jahresbeginn trägt Schmee ein österreichisches Patent an seiner Prothese. „Dieses System hat mein Leben endlich wieder zum Guten gewendet.“

Das System nennt sich „Add-on Suralis“. Es kostet 10.000 Euro – somit ein Zehntel der heutigen High-End-Produkte. Und es hat den unschätzbaren Vorteil, dass es an jeder Prothese angebracht werden kann. Außerdem wirkt es sofort: Wenn Dietmar Schmee den ersten Schritt macht, nehmen sofort vier an der Sohle seiner Fußprothese sitzende Sensoren die Bewegung wahr und leiten diesen Impuls an einen kleinen Vibrationsmotor knapp unterhalb des Schaftes weiter. Dieser beginnt zart zu rütteln und signalisiert damit den Nerven in der Hüfte und damit dem Gehirn, dass der Fuß jetzt aktiv ist.

Der nächste Schritt

„Damit bekommen wir endlich den Phantomschmerz in den Griff“, erklärt einer der weltweit führenden Prothesenforscher bei der Präsentation am Montag in Wien. Hubert Egger hat sich schon im Jahr 2007 mit der gedankengesteuerten Armprothese des Steirers Christian Kandelbauer einen Namen gemacht. Jetzt hat er mit Fachärzten aus Innsbruck und Brixen sowie mit Programmierern des österreichischen Start-up-Unternehmens Saphenus den nächsten Schritt vollzogen.

Dietmar Schmee, heute wieder eine absolut stattliche Erscheinung, ist einer von 30.000 Patienten, die in Österreich mit einer Prothese leben (siehe links unten). Der ehemalige Leistungssportler, Unternehmer und Fitnesstrainer erinnert sich, wie die Schmerzen über all die Jahre an seine Substanz gingen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich körperlich und auch psychisch so eingehen würde.“

Am Ende hat er sich fast zur Gänze aus seinem Fitnesscenter in Grieskirchen zurückgezogen. Und in besonders dunklen Stunden habe er sich auch gefragt, ob er so weiterleben möchte.

„Ich bin daher dem Professor Egger und all den Menschen, die gemeinsam mit ihm meinen Neuanfang möglich gemacht haben, unendlich dankbar“, erklärt der Prothesenträger. Seit er seinen linken Fuß beim Gehen wieder spüren kann, hat er auch wieder viel mehr Selbstbewusstsein: „Ich habe wieder zu arbeiten begonnen, und ich trainiere auch wieder mit der Leidenschaft von früher.“

Seine Fortschritte beobachtet auch Toni Innauer mit Genugtuung. Der ehemalige Skispringer und langjährige Trainer unterstützt das Team aus Ärzten, Technikern und Programmierern mit seinem Namen, finanziell und mit seiner Erfahrung: „Mir ist es dabei wichtig, dass diese neue Errungenschaft nicht nur für wenige vermögende Menschen leistbar wird.“

Innauers Anspruch hat auch der bei der Präsentation anwesende Oberarzt Gerfried Peternell aufmerksam registriert. Peternell leitet in der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) einen Arbeitskreis, der alle neuen technischen Angebote auf dem Gebiet der Prothetik genau beobachtet. Er sagt anerkennend: „Das ist das erste marktreife Produkt, das ein sensorisches Feedback der Prothese erlaubt.“

Dietmar Schmee stimmt ihm voll zu: „Für mich geht es jetzt wieder bergauf.“

Weltweit einzigartig: Patent aus Österreich

Zwei Millionen Betroffene: In Österreich tragen rund 30.000 Menschen eine Prothese, in Europa rund zwei Millionen. Es gibt mehr Bein- als Armprothesen. Ärzte gehen davon aus, dass jede/r Vierte unter schwerem Phantomschmerz leidet – dieser ist auf Dauer nicht therapierbar.

Start-up und Spitzenforschung: Die erste fühlende Beinprothese wurde vom  Medizintechniker Hubert Egger (lehrt und forscht an der FH Oberösterreich in Linz) mit Ärzten aus Innsbruck und Brixen sowie Programmierern des Start-up-Unternehmens Saphenus in den vergangenen vier Jahren entwickelt. „Dafür haben wir“, betont Unternehmensgründer Rainer Schultheis, „auch einige Förderungen bekommen“. Für alle, die am neuen Patent interessiert sind, wurden drei medizinische Kompetenzzentren (in Innsbruck, Brixen und eines im Süden von Deutschland) eingerichtet. Alle Informationen sind abrufbar unter: https://www.saphenus-med.com/