Leben
30.05.2017

Von der Arbeitslose in die Radwerkstatt

Neue Radmechaniker braucht das Land. Über eine noch junge Initiative, die Arbeitsplätze schaffen will.

Die Wertschätzung beruht hier offensichtlich auf Gegenseitigkeit: Reinhold Aigner, der nach der HTL für Maschinenbau und einer Lehre als bautechnischer Zeichner lange in Architekturbüros gearbeitet hat, ehe er gut ein Jahr arbeitslos war, ist froh, dass er von seinen erfahrenen Kollegen in der Werkstatt täglich etwas Neues lernen kann.

Die beiden Mechaniker der Firma Bikestore in Langenzersdorf sind wiederum froh, dass da einer ist, der mitanpacken möchte und dem das täglich mehr gelingt.

Gutes Rad ist teuer ...

Der 34-jährige Wiener ist einer der Ersten, die im Jahr 200 nach Erfindung der Draisine eine offensichtliche Lücke schließen. Die Ausgangslage ist unverändert: Jahr für Jahr werden mehr und vor allem technisch aufwendigere und teurere Fahrräder verkauft. Die Händler und Verkehrsexperten jubeln. Doch gleichzeitig gibt es immer weniger Spezialisten, die ein Fahrrad fachgemäß servicieren und reparieren können.

Die einst hoch angesehene Fahrradmechaniker-Lehre wurde in den 1990er-Jahren aufgrund fehlender Nachfrage nicht mehr ausgeschrieben und wird seither nicht mehr angeboten. "Daher ist es derzeit unheimlich schwer, gute Radmechaniker zu finden", erklärt dazu Stefan Halmer, ein leitender Mitarbeiter in der expandierenden Firma Bikestore. "Die Radstation ist daher ein Segen für uns."

Die Radstation wurde im Vorjahr am Wiener Hauptbahnhof eingerichtet. Hier kann man Fahrräder parken oder reparieren lassen, neue Räder kaufen oder Leihräder ausborgen. Doch nur wenige wissen: Die Radstation wird als sozialökonomischer Betrieb geführt. "Bei uns sollen Menschen, die mehr als ein Jahr ohne Arbeit waren, auf den Wiedereinstieg in einen Beruf vorbereitet werden", erklärt Mario Moser, der Geschäftsführer der Trägerorganisation Trendwerk. "Auch der Herr Aigner konnte bei uns wichtige Erfahrungen sammeln", ergänzt Lena Pieber, die das vom Arbeitsmarktservice geförderte Projekt am Bahnhof leitet.

Der Angesprochene hat in der Tat erfolgreich umgesattelt. Er erzählt, dass er immer schon gerne in einer Radwerkstatt arbeiten wollte, aber nicht wusste, wie er den Umstieg vom Architekturbüro in die Werkstatt schaffen kann. Das Angebot der Radstation kam für ihn genau zur richtigen Zeit: "Ich fahre gerne Rad, und ich habe auch schon immer gerne geschraubt. Doch eine Schaltung war vor kurzem noch ein Mysterium für mich."

Auf einem guten Weg

Auch wenn in der Innung über die Qualität der Ausbildung in der Radstation geunkt wird, ganz so schlecht kann sie nicht sein. Projektleiterin Lena Pieber berichtet, dass in diesen Tagen weitere Teilnehmer vom Hauptbahnhof auf den ersten Arbeitsmarkt wechseln werden.

Für ein Jahr werden sie von Trendwerk an ihre neuen Arbeitgeber überlassen, einen (geringen) Teil des Gehalts bezahlt in den ersten drei Monaten das AMS. Ziel ist es, dass der neue Mitarbeiter nach der Überlassung fix übernommen wird.
"Ich werde mit jedem Tag etwas schneller", freut sich Reinhold Aigner. Mit jedem reparierten Rad steigt auch sein Selbstvertrauen. Dass er seine erfahrenen Kollegen jederzeit um Rat fragen kann, gibt ihm zusätzlich Sicherheit. "Er ist auf einem guten Weg", erklärt Stefan Halmer. "Erfahrene Monteure schaffen an einem Tag zwölf Räder, er ist bereits bei sieben, acht. Aber wir wollen ihn nicht drängen. Wichtiger ist, dass die Qualität passt. Für Mario Moser von Trendwerk wesentlich für den Erfolg: "Speziell am Anfang braucht es auch Nachsicht von den Arbeitgebern."