Ein Garten nah am Wein, voll mit mediterranem Flair

© Karin Bergmann

Leben
04/28/2019

Ein Garten für die Seele

Am Hoch-Grassnitzberg bezaubert ein „Garten im Wein“ mit südländischem Flair und Ausblicken in die südsteirische Hügellandschaft.

"Wir müssen unseren Garten bestellen“, heißt es bei Voltaire. Der berühmte Schlusssatz aus „Candide“ ist längst zum geflügelten Wort geworden: Geh’ hinaus und sorg’ für dein Glück!

Seit bald drei Jahrzehnten bestellt Renate Polz ihren Garten und nicht nur ihr hat er in diesen Jahren schon ein ziemliches Stück weitergeholfen im Leben.

Es ist kein Geheimnis, dass die Natur im Stande ist, das psychische und physische Wohlbefinden der Menschen zu steigern. Der Aufenthalt in der Natur hat messbare Effekte auf Herzrate und Wohlbefinden und die Gartentherapie stellt heutzutage eine ganzheitliche Ergänzung oder Alternative zu herkömmlichen therapeutischen Strategien dar.

Was Renate Polz hier am Hoch-Grassnitzberg in der Südsteiermark geschaffen hat, ist streng genommen kein Therapiegarten. Und doch hat dieser Garten, der mitten in die beeindruckende Hügellandschaft blickt, so etwas wie eine therapeutische Wirkung. Er hat Renate Polz geholfen, den Tod ihres Sohnes Walter zu verarbeiten, der mit einem Jahr an plötzlichem Kindstod starb. „Kein Trost hat die Wucht dieses Verlustschmerzes eindämmen können. Was mir aber am Ende geholfen hat, war die Natur: draußen zu sein, frei zu atmen und etwas zu schaffen.“

So fing Renate Polz an, im Weingarten Blumen, Kräuter und seltene Nutzpflanzen anzusiedeln. Heute ist sie Mutter von drei erwachsenen Kindern. Der Garten ist von Jahr zu Jahr gewachsen und mit ihm die Zuversicht und Lebenskraft der Gärtnerin. Eine Energie, die sie auch Besuchern ihres Gartens bieten möchte.

Inspiriert von französischen Gärten in der Provence, ist dieser mediterrane Garten, der sich auf vier Ebenen an den Hang schmiegt, langsam, Stück für Stück, gediehen.

Mitte der Neunziger kauften Renate Polz und ihr Mann, der Weinbauer Walter Polz, einen Weingarten, dazu ein halbverfallenes Bauernhaus und begannen, zu renovieren und zu bepflanzen. Der Grassnitzberg ist das Terroir, das Gebiet, auf dem ihr berühmter Sauvignon gedeiht, die Grundlage des Geschäfts. Und hier gestaltete die Familie auch ihre grüne Oase. Direkt in den Weinberg hinein gebaut, besticht der insgesamt zwei Hektar große Garten nicht zuletzt durch jahreszeitliche Bepflanzung. „Reich waren wir nicht“, nimmt Renate Polz die unausgesprochene Frage nach den Kosten vorweg. „Wir haben alles, was wir hatten, hier hineingesteckt. Wir sind nicht gereist und es gab eine Zeit, da hatte ich nur ein paar Schuhe.“ Man kann sich gut vorstellen, dass in diesem Prachtgarten mit Blick nach Slowenien so manche Malediven-Reise steckt.

Bestimmt schöner als die Malediven sind die acht alten Olivenbäume, die hier wachsen, von denen der älteste über 400 Jahre alt ist.   Und erst diese Allee aus Zypressen und Olivenbäumen, hinter der der  üppige  Obst- und Gemüsegarten gedeiht. Der Lavendel, der hier überall wächst, unterstreicht das mediterrane Flair.
 Außerdem wachsen hier historische Rosen, die Renate Polz rund um das 350 Jahre alte Bauernhaus gepflanzt hat: Für sie hat sie die berühmtesten Gärten Europas bereist und jede Menge Fachliteratur studiert. Provence- oder Kohlrosen, Damaszenerrosen, Kletterrosen, Englische Rosen, Essigrosen. Das Herz der Gärtnerin schlägt ganz besonders für diese alten, urwüchsigen Sorten, die wesentlich pflegeleichter und intensiv duftender sind als ihre modernen Schwestern. Die Rosenblüte im Juni gehört für die Gartengäste daher zu den optischen und olfaktorischen Highlights.

Und dann sind da natürlich die Bienenstöcke. Darauf angesprochen, sprudelt die Begeisterung nur so aus ihr  heraus: „Es ist uns viel zu wenig bewusst, was Insekten und Vögel für einen Garten bedeuten!“
In diesem Garten ist man sich der Bedeutung der Insekten sehr wohl bewusst: Bienenwiesen, Wegränder, Naturzäune und mörtellose Mauern sind hier  Schlupflöcher und ideales Zuhause für die Tiere.
Bewusstsein für das, was um uns herum geschieht: Achtsamkeit ist hier mehr als ein Modewort. In diesem Garten geht es um mehr als um das schöne Äußere, „es geht um das Bewusstsein, Dinge zu sehen, die man sonst gar nicht mehr wahrnimmt“. Denn Gärtner wissen: jeder Handgriff ist nicht nur ein Eingriff, sondern auch ein Übergriff. Jede Maßnahme  kann neben Pflege auch Störung und Zerstörung bewirken. Kaum säubert man einen verunkrauteten Buschen, laufen die Insekten in alle Richtungen davon. Überall lebt jemand und der liebevollen Pflegerin dieses Gartens würde es nie einfallen, eines dieser Lebewesen absichtlich zu stören.  

So wachsen zwischen den Beeten unvermutet Kräuter wie Kamille, Petersilie oder Liebstöckel. „Ich spritze die Pflanzen nicht.“ Das gilt auch für den Gemüsegarten und  die Kräuterbeete.
Renate Polz ist als Winzerstochter in einem Garten aufgewachsen. Schon bei der Großmutter hat sie ihr handwerkliches Rüstzeug erworben. „In meinem Garten stecken Jahrzehnte an Erfahrung, Wissensaufbau und Leidenschaft. Für mich ist es sehr wichtig, in meinen Führungen Wissen zu vermitteln und Emotionen zu erzeugen.“
Es ist immer wieder erstaunlich für sie, „wie viel selbst aus wenig Erde herauskommt. Der Garten strahlt nicht nur  Schönheit aus, er ist auch Mikrokosmos.  Darin stecken  Erinnerungen, Erlebnisse, Sehnsüchte, Hoffnung. Ein Garten ist letztendlich wie das Leben selbst.“

Denn der Wandlungsprozess von Keimen, Wachsen, Blühen, Reifen und Vergehen ist ein Sinnbild für die menschliche Natur. Und so einem Garten sind Ansehen und Status herzlich wurscht, und zwar auch jener vielen  Gäste, die schon durch den Garten  spaziert sind.
Dass Mensch und Natur tatsächlich miteinander kommunizieren, ist  bereits mehrfach untersucht. Allein schon der Duft der Erde und das Einatmen der von den Pflanzen abgesonderten ätherischen Öle kann unser Immunsystem stärken und der Aufenthalt in der Natur kann helfen, Stresshormone abzubauen, Angstzustände zu mindern und unsere Vitalität zu steigern.

Der Baum ist darüber hinaus auch ein Kraftsymbol und so pflanzten Renate Polz und ihr Mann für jedes ihrer Kinder einen Symbol-Baum. Ihr Zweitgeborener Lukas bekam eine Sommerlinde. Um die Zeit der Matura herum sei  er recht nervös geworden, schildert die Mutter, und sie habe ihm geraten, „seinen Baum“ als Kraftort aufzusuchen. „Er empfand diesen Satz als ein wenig peinlich. Jede Mutter weiß, dass Söhne allzu viele Worte nicht gut ertragen können. Doch spät abends sah ich, wie Lukas sich hinausschlich zu seiner Linde.“ Die Matura hat Lukas  dann geschafft, welche Rolle der Baum dabei spielte, ist nicht bekannt.

Tipp: Wer den Garten von Renate Polz besuchen möchte, kann eine Führung buchen: www.polz-garten.at
Derzeit blühen Tulpen, Clematis montana, tiefblauer Beinwell und Strauchpfingstrosen.

Buchtipp: Renate Polz, Claudia Reshöft: Mit dem Garten die Seele Stärken. Krisen bewältigen, Resilienz aufbauen und zur inneren Ruhe finden. Verlag Trias, 25,70 Euro