Leben
06.05.2017

Motocross-Weltmeister Kinigadner: "Es war Pech"

Doppel-Motocross-Weltmeister Heinz Kinigadner, 57, und sein Sohn Hannes, 33, glauben nicht an Schicksal, aber daran, dass Querschnittlähmung heilbar ist. Einen Tag vor dem „Wings for Life World Run“ sprechen Vater und Sohn offen über den einzigen schlechten Tag in 13 Jahren Rollstuhl, die Tücken einer schweren Behinderung und das Happy End, das bald kommen soll.

Strahlender Sonnenschein im Zillertal, auch wenn die Luft noch kühl vom unerwarteten Wintereinbruch im Frühling ist. Der Magnolienbaum im Garten der Kinigadners ist verblüht, dafür blühen Motocross-Doppelweltmeister Heinz Kinigadner und sein Sohn Hannes auf. Morgen, Sonntag, um 13 Uhr starten die beiden gemeinsam beim „Wings for Life World Run“ in Wien, bei dem für Menschen gelaufen wird, die selbst nicht laufen können. Als Hannes Kinigadner 2003 als 19-Jähriger bei einem Motocross-Benefizrennen verunglückt und querschnittgelähmt ist, findet sein Vater in Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz einen Unterstützer und gründet mit ihm die Stiftung „Wings for Life“. Ihr Ziel: Querschnittlähmung heilbar zu machen. Darüber wollen wir reden – und über vieles mehr.

Hannes, rund um den „Wings for Life World Run“ bist du als prominenter Betroffener gefragt. Ist es belastend, wenn man sich durch Interviews noch mehr auf sein Handicap fokussieren muss?

Hannes Kinigadner: Ich bin sowieso jeden Tag querschnittgelähmt. Ob ich ein Interview drüber gebe oder nicht, ist eigentlich egal.

Heinz Kinigadner: Er wird ja damit konfrontiert, sobald er in der Früh aufsteht und weiß, dass er Hilfe braucht.

Eine „C5“-Querschnittlähmung wie deine, bedeutet, dass du ab dem 5. Halswirbel gelähmt bist. Die Arme kannst du aber bewegen, oder?
Hannes: Die Arme ja, die Finger nicht.

Heinz: Man kann auch mit einem „C4“, was noch schlimmer ist, die Arme leicht bewegen ...

Hannes: Und ein bisschen die Schultern. Ich habe einen Freund, der ist „C4“ und hat sehr viel trainiert. Er schafft es, seine Hand auf den Tisch zu legen.

Heinz: Er braucht aber trotzdem lange dafür. Der Hannes zum Beispiel hat keinen Trizeps und kann zwar das Handgelenk aufheben, aber keine Finger bewegen. Thomas Geierspichler (Anm.: österreichischer Paralympics-Sieger 2004 und 2008) hat „C6“. Das ist zwei Zentimeter tiefer. Er kann zwei, drei Finger bewegen. Bei einer Querschnittverletzung zählt jeder Zentimeter. Ein „C3“ ist fast unbeweglich, Christopher Reeve war „C2“ und kam von der Beatmungsmaschine nicht weg.

Fällt dir das Sitzen schwer?

Hannes: Nein, das Sitzen stört mich eigentlich nicht.

Heinz: Wohl, das stört dich schon. Du hockst ja schon 13 Jahre – und das sind 13 Jahre zuviel.

Sie sagen das mit einem Schmunzeln, Heinz. Wie wichtig ist Humor im Umgang mit einer schweren Behinderung?

Heinz: Ganz wichtig, aber ab und zu gehen uns die Witze aus.

An schlechten Tagen?

Heinz: Einen richtig schlechten Tag hat der Hannes in 13 Jahren nie gehabt, nur ein einziges Mal. Das war ein paar Tage nach dem Unfall, als sie ihn zum ersten Mal aus dem Bett geholt haben. Da ist er niedergebrochen. Sonst war er immer motiviert.

Hannes: Bis dahin hab’ ich eigentlich nicht realisiert gehabt, was passiert ist. Als sie mich dann in den Stuhl gesetzt und gesagt haben, wie gut das ausschaut, hab’ ich mir gedacht: Was wollen die jetzt? Ich bin vorher nur gelegen und habe durch die Medikamente kaum was mitgekriegt. Als ich im Stuhl gesessen bin, habe ich das zum ersten Mal realisiert. Das war ein ziemlicher Schlag.

Wenn man das hört, geniert man sich für sich selbst. Vorhin habe ich mich über die lästige 100er-Beschränkung auf der Autobahn geärgert. Lächerlich oder?

Hannes: Das im Rollstuhl ist etwas anderes. Was du beschreibst, sind Alltagsprobleme, die man hat. Die kenne ich auch. Mich regt der 100er auf der Autobahn genauso auf. Mich verwundert nur, wenn es Leuten gutgeht und sie trotzdem mit dem Leben hadern.

Hast du dir den Film „Ziemlich beste Freunde“ angesehen, in dem es um einen Tetraplegiker (Anm.: Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind) geht? Und hilft das bei der Verarbeitung des eigenen Schicksals?

Hannes: Helfen tut mir das nicht, nein. Sowas ist eher Unterhaltung.

Heinz: Angeschaut haben wir es uns. Es ist schon interessant, weil bei „Ziemlich beste Freunde“ viele Sachen gestimmt haben. Bei anderen Szenen habe ich mir gedacht, so leicht, geht es dann auch nicht. Aber im Großen und Ganzen war der Film realitätsnahe.

Hannes: Auch dieses Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ (Anm.: eine Pflegerin verliebt sich in einen Tetraplegiker) war interessant. Obwohl die Autorin nicht im Rollstuhl sitzt, sind viele Probleme realistisch beschrieben. Dies sind allerdings Romane, die für Unterhaltung sorgen.

Aber zumindest ist die Gesellschaft für die Thematik sensibilisiert worden.

Heinz: Als der Hannes den Unfall gehabt hat, ist mein Bruder Hansi schon zehn Jahre im Rollstuhl gesessen (Anm.: ebenfalls nach einem Motocross-Unfall). Trotzdem waren wir alle schockiert. Dass jemand die Hände nicht bewegen kann, haben wir uns einfach nicht vorstellen können. Man sieht es auch gar nicht so. Sie verkürzen dir die Sehnen, damit du trotzdem ein Glas irgendwie halten kannst, wenn es die richtige Form hat. Und man lernt in der Reha damit umzugehen. In der Reha sieht man aber auch einige Schicksale, die noch eine Ecke beschissener dran sind. Es gibt da Abstufungen und Hannes hat auch viel Glück gehabt, weil er zum Beispiel keine Schmerzpotenziale hat.

Was meinen Sie damit?

Heinz: Zum Beispiel Spastiken oder Phantomschmerzen, die du nicht behandeln kannst. Dann musst du dich mit Morphium niederpulvern. Aber der Hannes hat eine supergute Konstitution, auch von den Muskeln her. Das kommt noch vom Training von früher, obwohl er seit 13 Jahren nichts mehr tun kann. Aber auch seine Haut. Mein Bruder ist blond und hat geraucht. Der hat von seinen inzwischen 33 Jahren im Rollstuhl sicher vier Jahre im Krankenhaus verbracht, nur um offene Stellen zuzumachen. Wenn du sitzt, merkst du nicht dass du Druckstellen kriegst und dann ist drinnen das Gewebe kaputt. Das heißt vier bis fünf Monate Krankenhaus, wenn du Glück hast.

Das sind Dinge, an die man als Nichtbetroffener nicht denkt.

Heinz: Wir haben Freunde, die ‚dumme‘ Sachen gemacht haben. Die sind beide gelähmt und wollten einfach wieder Rallyes fahren, haben aber Druckstellen bekommen. Der eine ist in Kalifornien zweieinhalb Jahre im Krankenhaus gelegen, bis alles wieder zugewachsen ist, der andere in Spanien. Christopher Reeve ist an so einer Druckstelle gestorben. Und der war praktisch von den besten Ärzten der Welt umgeben. Druckstellen sind das Schlimmste. Hannes hat das Gott sei Dank gar nicht.

Fühlst du dich manchmal eingesperrt, Hannes?

Hannes: Ja schon, eine kleine Stufe reicht bereits, dass ich nicht weiterkomme, manchmal auch ein kleiner Kieselstein. Dann fühle ich mich gefangen.

Heinz: Aber so richtig ein Problem hast du nie gehabt. Hansi, mein Bruder, ist Gott sei Dank über all das hinweg, aber er hat eine Zeit gehabt, in der er wirklich viel getrunken hat. Dann ist alles doppelt schlimm. Nicht, dass er irgendwo erfroren wäre, aber es gab heftige Situationen.

Ihr Bruder war 28 als er in den Rollstuhl kam, Hannes 19. Wann verkraftet man so ein Schicksal am besten?

Heinz: Es ist schlimm, wenn es einen jung erwischt. Aber im Reha-Zentrum haben sie gemeint, dass die Jungen so ein Schicksal viel leichter verkraften. Wenn da ein 60-Jähriger kommt, würde der sich am liebsten aufhängen. Die können sich mit dem nicht mehr abfinden.

Umgekehrt wäre es logischer.

Eigentlich komplett verkehrt. Wenn dir das mit 70 passiert, müsstest du dir denken: „Ich habe schon gelebt und lasse mir jetzt noch ein bissl die Sonne auf den Bauch scheinen.“ Aber als 19-Jähriger willst du noch Gas geben, hast anderes im Kopf. Trotzdem stecken die Älteren so ein Schicksal nur ganz schwer weg.

Sie beide haben immer gesagt, dass Hannes einmal wieder gehen wird. Mittlerweile sind 13 Jahre vergangen. Glauben Sie noch daran?

Heinz: Zu hundert Prozent.

Hannes: Da sind wir überzeugt davon.

Wie ist der Stand der Forschung derzeit?

Heinz: Neben verschiedensten Ansätzen beschäftigen sich Mathematiker und Elektroniker seit drei, vier Jahren ganz stark mit dem Thema. Es gibt verschiedenste Projekte, aber alle haben dieselbe Basis. Es gibt fingernagelgroße Chips, die das komplette Nervensystem unterhalb der Läsion boosten. Da kommen dann Gedanken von oben wieder an und Betroffene können den Fuß bewegen. Es ist nicht so, dass man aufsteht und geht, alles ist mit viel Therapie verbunden. Aber der schöne Nebeneffekt dieser Elektrostimulations-Sachen ist, dass das Gefühl zurückkommt, Blasen- und Darmkontrolle besser werden und die Sexualität wieder funktioniert.

Wann probierst du die Therapie aus?

Hannes: Naja, so schnell möchte ich das nicht ausprobieren. Das gehört schon ausgeforscht. Aber wir haben uns nicht gedacht, dass jetzt zum Beispiel mit Strom so viele Erfolge zu erzielen sind.

Heinz: Das ist wie beim Handy. Vor einigen Jahren waren das große Kästen und man konnte damit nur telefonieren. Heute sind kleine Handys richtige Computer.

Man traut sich das einen Querschnittgelähmten nicht zu fragen, aber könntest du Vater werden?

Hannes: Im Moment habe ich keine Freundin, aber es ist nicht ausgeschlossen. Gerade in unserer Nachbarschaft haben wir ein Paar, die beide im Rollstuhl sitzen. Die haben jetzt, glaube ich, schon das zweite Kind bekommen.

Wenn ich dich jetzt noch nach deinem größten Wunsch frage, liegt der wahrscheinlich ohnehin auf der Hand.

Heinz: Sag jetzt Hannes, wovon du wirklich träumst.

Hannes: Vom Motorradfahren, klar! Ich möchte noch viele Sachen machen und bin überzeugt davon, dass ich irgendwann aus dem Stuhl herauskomme.

Hast du noch Tipps, wie man mit Menschen, die eine Behinderung haben, umgeht? Eigentlich muss man sagen Handicap.

Hannes: Bei mir darfst du auch Behinderung sagen. Ich habe ja eine.

Heinz: Ich sag allaweil, er ist querschnittverletzt. Aber wenn du dich im ersten Moment mit jemandem im Rollstuhl schwertust, tust dich halt schwer. Das tut sich jeder.

Hannes: Viele wissen zum Beispiel nicht, wie sie mir die Hand geben sollen, weil ich sie nicht aufmachen kann.

Heinz: Dann gibst du halt die Faust.

Hannes: Aber darum geht es mir ja auch nicht, wie mir jemand die Hand gibt.

Glaubst du, dein Unfall war Schicksal?

Hannes: Ich glaube, es war einfach Pech. In einem Flugzeug hat uns einer einmal gefragt, ob ich die Ursache für den Unfall schon aufgelöst habe. Das interessiert mich überhaupt nicht.

Heinz: Wir haben uns eher gedacht: „Sag uns, wie es weitergeht.“ Was vorher passiert ist und warum, ist nicht wichtig. Wir schauen auf das, was kommt.

Heinz Kinigadner, 57, wird 1960 in Tirol geboren und ist gelernter Bäcker und Konditor. Später widmet er sich seiner Leidenschaft und wird 1984 und 1985 in der 250 cm³-Klasse Motocross-Weltmeister. Kinigadners Leben ist geprägt von Schicksalsschlägen. Seine Bäckerei geht in Konkurs, seine Mutter und seine Oma sterben bei einem Autounfall, bei dem Kinigadners Vater am Steuer sitzt. Bruder Hansi sitzt seit einem Motocross-Unfall 1984 im Rollstuhl, Heinz Kinigadners Sohn Hannes seit 2003. Seither widmet er sich der von ihm und Dietrich Mateschitz gegründeten Stiftung "Wings for Life". Deren Ziel: Querschnittlähmung heilbar zu machen.

Hannes Kinigadner, 33, wird 1983 in Tirol geboren und bekommt als Dreijähriger sein erstes Motorrad geschenkt. Mit 14 bestreitet er sein erstes Rennen und nimmt mit 18 an seinem ersten Staatsmeisterschaftslauf teil. Durch einen Motocross-Unfall 2003 bei einem Benefiz-Rennen in Oberösterreich wird die Karriere Kinigadners jäh beendet. Er erleidet eine schwere Rückenmarksverletzung und ist seither vom 5. Brustwirbel abwärts gelähmt. Ab 21. Mai nimmt er in einem eigens für ihn konstruierten Spezialbuggy an der Griechenland-Rallye teil. Außerdem verantwortet er das Design der "Kini Red Bull Linie".

Infos zum „Wings For Life World Run“ und Spendenkonto unter: www.wingsforlife.com

Servus TV überträgt ab 13 Uhr Live. Weltweit finden synchron 25 Rennen in 24 Ländern statt. 100% der Startgelder fließen in die Rückenmarksforschung, um eines Tages Querschnittslähmung heilen zu können.