Donald Trumps Sager und die Folgen

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Nach Trumps "Pussy-Eklat" stellt sich die Frage: Wie "sauber" sind Umkleidekabinen wirklich? Nicht nur: Wie "sauber" sind all jene, die vorgeben, "sauber" zu sein? Gedanken zum Thema Correctness.

Vielleicht hat ja der Begriff "Locker Room" (für Umkleidekabine) das Zeug zum Wort des Jahres. Verbunden mit der Frage: Geht es jetzt in den (Männer-)Umkleidekabinen dieser Welt wirklich so zu, wie Donald Trump nach seinem "Grab-her-by-the-Pussy"-Eklat versuchte, darzustellen? Als augenzwinkerndes Ausweichmanöver, seinem Chauvi-Geschwätz das Emblem des allgemein Üblichen zu verpassen – Motto: "Wilde Kerle sind so, wilde Kerle reden so." Nun, es ist zu befürchten, dass der Mann im Grunde damit nicht ganz unrecht hat, auch wenn die frauenverachtenden Äußerungen in besagtem Video nicht nur simpel sexistisch und beleidigend sind, sondern vor allem Ausdruck der Machttrunkenheit Trumps. Die ihm das Pouvoir verschafft, Frauen ungefragt "an die Pussy zu gehen". Da geht es um die Praxis, um konkrete sexuelle Gewalt, und nicht um verschwommen-feuchtfröhliche Fantasien.

Erwünschtheits-Aussagen

Daher nein, keine Sympathiebekundung für den Großmeister des Widerlichen, sondern der Versuch, gelebte Realität von Wunschdenken zu trennen. Oder besser: "Erwünschtheits-Denken", angelehnt an das Phänomen der "sozialen Erwünschtheit". Jene spezielle Form der Selbstdarstellung, bei der eine Person bemüht ist, sich so zu präsentieren, wie es den sozialen Erwartungen und Normen einer Gruppe entspricht. Das passiert meist im Rahmen von Untersuchungen/Befragungen, ist aber auch im richtigen Leben üblich – abhängig von der Nische, in der man sich’s gerade bequem gemacht hat. Im Wörterbuch der Soziologie wird soziale Erwünschtheit übrigens auch als Ja-Sager-Effekt bezeichnet.

Aktuell lässt sich dieses Phänomen gerade in den sozialen Medien und bunt zusammengewürfelten Freundeskreis-Smalltalk-Runden beobachten. Da entsteht tatsächlich der Eindruck, die Welt wäre Zoten- und Herrenwitz-befreit. Männer geben sich nicht nur (schein-)heilig, sondern sehr empört: "Nie, nie und niemals würden wir so denken, geschweige denn, so reden." Als würden in Umkleiden, Männersaunen sowie ähnlichen Orten neuerdings nur die besten Rezepte für Lammkeule oder angesagte Kindergruppen-Adressen getauscht, statt über Puff-Erlebnisse oder die scharfen Kurven diverser Damen aus dem Umfeld geplaudert werden. Das Thema müsste also vom Tisch sein. Ist es natürlich nicht. Ist es schon deshalb nicht, weil der Mensch in der Nährlösung des "Sex sells" schwimmt, in der noch immer alles geht. Und zwar wirklich! Alles.

Daher sollte man – beispielsweise – als Suchende in Partnerbörsen oder Chatforen auch auf wirklich alles gefasst sein. Von unmissverständlichen Ansagen und Aufforderungen bis hin zum "Dick Pic", sprich Penis-Bild. Und weiterhin akzeptieren, dass sich spärlich bekleidete Frauen mit nassen Schwämmen auf Motorhauben rekeln, um für irgendwas Werbung zu machen. Oder Lifestyle-Online-Boulevard-Portale mit Titten/Lippen/ Hintern-Bildergalerien User-Zahlen hochschrauben wollen. Man muss überdies fortgesetzt hinnehmen, dass die Ware Frau austauschbar bleibt. Dazu ein anschauliches Beispiel einer jungen Frau und Freundin, die seit einiger Zeit versucht, per Dating-App "Tinder" ihr Glück zu finden. Und die vor einigen Tagen – eine halbe Stunde vor einem Date – von dem Typen mit der Nachricht Sorry, habe gerade die Zusage für Direkt-Sex bekommen. Tut mir echt leid, aber ich bin so spitz abserviert wird.

Donald Trumps Sager und die Folgen
Tinder
Modern, ja. Aber auch eine neue, moderne Form sexuell-seelischer Gewalt. Da wird nicht einmal der Versuch unternommen, unbequeme Dinge so zu verpacken, dass sie erträglich werden. Für die Betroffene selbst fühlte sich vor allem der mangelnde Respekt wie ein Schlag ins Gesicht an.

"Die Körper sind explodiert und die Anteilnahme ist erkaltet. Nur die Erregung ist geblieben. Wir sind umgeben von Titten, Ärschen und Waschbrettbäuchen, …", schrieb die bekannte deutsche Autorin Ariadne von Schirach in ihrem Buch "Der Tanz um die Lust", 2007.

Weibliche Chauvi-Manieren

Dabei können die Frauen selbst nicht zur Gänze freigesprochen werden. Zwar wimmelt es von Hashtags im Netz, die allesamt das Zeug haben, auf breiter Basis dem Thema Sexismus einen (berechtigten) Tritt in den Hintern zu verpassen, doch der Mainstream bleibt am Ende davon unberührt. Da sind es dann interessanterweise oft Frauen, die nach Chauvi-Manier einen männlich gefärbten Blick auf andere Frauen werfen. Damen lassen sich über andere Damen aus. Über deren große Hintern, tiefe Ausschnitte, deren Beziehungsverhalten und die ordinäre Lippenstiftfarbe. Vielleicht läuft das ja wie beim Zigaretten- und Alkoholkonsum, bei dem sich Frauen ein Stück männliches Verhalten angeeignet haben, um Teil der Norm zu sein. Schirach schrieb dazu: "Zum einen geht es um die Macht, um den Wunsch, so zu sein, wie one of the guys. Und wenn man dafür einen Stripclub besuchen muss, andere Frauen als Sexobjekte diskriminiert und dreckig über Demütigungen lacht, dann ist das wohl nur ein geringer Preis fürs Dabeisein. Dieses zutiefst unschwesterliche Verhalten ist auf dem Vormarsch, es ist einfach so verdammt cool." Und ja – Männer sind ebenfalls Opfer von Sexismus –, der wesentliche Unterschied: Frauen haben durch die Machtverhältnisse weniger Möglichkeit, sich’s zu richten.

Was geht, was nicht

Geschlechter-Stereotype und damit zusammenhängende sexuelle Anmaßung sind also keine Ausrutscher irrlichternder Triebler oder hormonell überlastender Mitmenschen, sondern beharrlicher Teil des Mensch-Mensch-Spiels. Sexismus ist tief in uns verankert, damit verbundenes Verhalten so üblich wie verpönt. Längst gilt der Slogan, Gegebenheiten nicht als gegeben zu akzeptieren. Weshalb das Thema auch so schwierig zu handhaben ist. Die Grenzen des Was geht/Was geht gerade noch/Was geht gar nicht? verschwimmen. Wo beginnt die herabwürdigende Verletzung, wo endet der Witz? Muss man einen Typen des Raums verweisen, wenn ihm der Begriff "Hase" oder "Hintern" über die Lippen rutscht? Darf ein Mann eine Frau ungestraft attraktiv finden und explizit damit umgehen? Sind Männer Monster – und vice versa: Wie sehr müssen sich Männer vor Frauen fürchten, die sie eines Macho-Spruchs bezichtigen und ihn dann wie die Sau durchs Netz jagen?

Und eben weil es kompliziert ist, müssen wir uns täglich von Neuem fragen, was okay ist – und was nicht. Um darauf täglich neue, andere Antworten zu finden, abseits gängiger Sterotype. Im Bewusstsein, dass Menschen unterschiedlich sind, im Empfinden dessen, was sie verletzt und herabwürdigt.

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