Leben
27.05.2017

Digital Detox: Einfach mal abschalten!

Erledigen Sie Ihre E-Mails oder erledigen Ihre E-Mails Sie? Die digitale Revolution ist Fluch und Segen zugleich. Wir können nicht mehr ohne, aber auch nicht ständig mit Handy und Computer. Warum wir es trotzdem tun und wie man technisch und glücklicher lebt, lesen Sie hier.

Der sogenannte Lebenszeitrechner ist nicht das, was er auf den ersten Blick scheint, denn: Wie viel Zeit uns auf der Welt noch bleibt, weiß niemand. Viel mehr sagt er uns, was wir in Wahrheit alle wissen: dass wir zu viel Zeit mit Dingen verbringen, die eigentlich nicht wichtig sind. Anitra Eggler, Fachfrau für Digitalika aller Art, empfiehlt mir aber, ihn vor unserem Gespräch zu befragen. Ich soll in Wocheneinheiten denken: Wie viele Stunden Sex haben Sie im echten Leben? Ich rechne im Kopf. Auf wie viele Kuss-Minuten kommen Sie? Kopfrechnen ist nicht leicht. Wie viel Zeit verbringen Sie mit Ihrem Handy? Zu viel. Wie viele Stunden sind Sie täglich online? Heute sieben und der Tag ist nicht annähernd vorbei. Eines ist schnell klar: Das Verhältnis zwischen dem einen und dem anderen stimmt nicht. Bin ich süchtig? Muss ich was dagegen tun? Höchste Zeit, mit Anitra Eggler zu reden. Die Frau, die für sich selbst den Berufsstand der Digital-Therapeutin erfunden hat, scheint im selben Boot zu sitzen. „Ich habe heute sicher 70 Prozent meiner Zeit mit electronical devices verbracht“, erzählt sie. „Aber genau das ist der entscheidende Punkt. Dafür sind die Dinger ja da. Wir haben durch den elektronischen und digitalen Segen so viele Möglichkeiten, Zeit zu sparen, Produktivität zu steigern und Kreativität zu fördern, wie noch nie. Das Thema ist nur, wie nutze ich das richtig?“

Zurück zur Normalität

Eine notwendige Frage, wenn man gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet. Seit 2011 gilt bei Volkswagen eine E-Mail-Pause. Eine halbe Stunde nach Arbeitsende wird für Mitarbeiter mit Diensthandy der Mail-Server ausgeschaltet und fährt erst eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn wieder hoch. Daimler löscht seit 2013 alle Mails, die eintreffen, während ein Mitarbeiter seine Abwesenheitsschaltung aktiviert hat. Der Absender muss sie noch einmal schreiben. Und in Frankreich gibt es seit 1. Jänner einen weltweit einmaligen Gesetzeszusatz zum Arbeitsrecht, der besagt, dass Arbeitnehmer nicht mehr rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Im Endeffekt auch ein Vorteil für Unternehmen, denn: „Keine Firma ist per se die Caritas“, stellt Anitra Eggler klar. „Aber wer nicht mehr abschalten kann, brennt aus. Firmen reagieren, wenn sie es im Jahresergebnis spüren.“

Erschöpfte Mitarbeiter, Ineffizienz durch Dauerablenkung, verlorener Arbeitsspaß durch digitale Informations- und Reizüberforderung: Eggler soll als Digitaltherapeutin dafür Bewusstsein schaffen und wird deshalb von Firmen für Vorträge gebucht. Die Frage ist nur: Warum lassen wir uns von elektronischen Geräten überhaupt so vereinnahmen?

Kopf freikriegen, E-Mails und SMS zu vergessen. Dre Grund, warum das schwerfällt, nennt sich FOMO: Fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen

Im Grunde können wir nichts dafür. „Viele Hirnforscher bezeichnen das Smartphone inzwischen als elektronisches Heroin. Handys (E-Mails und Facebook) sind die größten Dopamin-Dealer. Auf jeden Aufmerksamkeitsreiz, sei es auch nur die dümmste Spammail, die uns erreicht, reagiert das Hirn mit einer Dopaminausschüttung, die das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Das fühlt sich so gut an wie das Feierabendbierchen“, weiß Eggler. Eine Steinzeit-Konfiguration, die wir wohl so schnell nicht loswerden und die zur Abhängigkeit führt.

In China wurde 2004 das erste Zentrum für Internetsucht eröffnet. Seither schießen Bootcamps für Onlinesüchtige aus dem Boden wie Shiitake-Pilze. Drei Monate verbringen Betroffene in den Camps, abgeschirmt von der Außenwelt und elektronischen Geräten. Die Tage sind streng strukturiert, auf dem Stundenplan stehen Lesen, Sport, Therapiesitzungen und Drill-Einheiten. weil angeblich nur so eine Heilung erzielt werden kann. „Hier reden wir ja schon von Suchtverhalten“, meint Eggler. „Es gibt Menschen, die den Hang zum digitalen Alkoholiker mehr haben als andere. Die brauchen Verbote. Wenn Menschen aber bewusst geknechtet werden, mag das vielleicht auch am Kulturraum liegen.“

In Amerika beispielsweise gleichen Digital-Detox-Camps eher Pfadfinderlagern. „Camp Grounded“ im Silicon Valley, wo sich die digitale Elite von Smartphones, Laptops und Tablets erholt, setzt auf sanfte Erdung. „Die nächsten Tage gibt es nur uns und die Bäume“, steht auf einem Schild. Tatsächlich findet man im Wald rund um das Gelände Menschen, die ihre Arme um dicke Stämme legen. Andere sitzen unter freiem Himmel und tippen auf Schreibmaschinen Briefe an ihre Familien oder musizieren, malen und nehmen teils seltsam verkleidet an Gruppenspielen teil. „Wenn das Menschen etwas gibt, finde ich es super“, meint Eggler. „Lieber ein Woodstock-Revival-Camp als empathisch gestörte Individuen, die auf Tinder Menschen wegwischen.“

Wellness für den Kopf

Längst hat auch der Tourismus Digital Detox als neuen Geschäftszweig entdeckt. Weltweit bieten Hotels „Offline-Urlaub“ für Erholungssuchende an. In Österreich macht man aus der Not eine Tugend. Berghütten, auf denen es ohnehin keinen Strom und kein Handynetz gibt, werden als ideale Offline-Spots angeboten. Als eine der wenigen Luxus-Herbergen, die auf Digital Detox setzt, weist sich das Wiesergut in Saalbach Hinterglemm aus. Der Rahmen stimmt. Lebensmittel kommen aus der hoteleigenen Landwirtschaft, die sich Slow-Food verschrieben hat, im Garten laden Hängematten zum Verweilen ein, und in den Suiten mit eigener Sonnenterrasse wartet ein mit Quellwasser gefüllter Hot Tub. Rückkehr zur Natur und sich selbst, unterstützt von Meditationen und Yoga. Oom-line statt Online. Trotzdem will Hotelchef Sepp Kröll seinen Gästen den Verzicht aufs Handy nicht vorschreiben: „Wir wollen den Gästen unsere Lebens- anschauung näherbringen und bieten die Infrastruktur. Was sie draus machen, bleibt ihnen überlassen.“ Anstoß zur Selbstverantwortung bei eigenem Handeln.

Analog Erholen: Digtial-Detox-Hotel Wiesergut in Saalbach-Hinterglemm, pro Nacht für zwei inkl. Glücks-Brunch ab 320 €. www.wiesergut.com

Niavarani und das Internet

Internetsucht – und der damit verbundene Weg aus der Krise – ist aber längst nicht die einzige Herausforderung im Umgang mit digitalen Medien, wie der Alltag beweist. Kabarettist Michael Niavarani erzählte der freizeit, wie es ihm kürzlich erging. Seit Jahrzehnten Kunde des „Samuel French Bookshops“ in London, Fundort so mancher seiner Theaterstücke, musste er miterleben, wie das Geschäft im April wegen exorbitanter Mietpreise für immer seine Pforten schloss. Auch, wenn es die Buchhandlung online weiterhin gibt, geht für Niavarani eines für immer verloren: „Ich bin seit meinem 19. Lebensjahr oft dort gesessen und habe zwei Stunden mit dem Angestellten geplaudert. Irgendwann hat er im Gespräch von einem lustigen Stück erzählt, dass vor 15 Jahren in England gespielt worden ist. Dann ist er in den Keller gegangen, hat es herausgesucht, mir gegeben und wir haben es an der Josefstadt gespielt, weil es eine irrsinnig lustige Komödie war. Das passiert im Internet nicht. Da gibt es keinen Algorithmus, der zu mir sagt: Da fällt mir ein, es gibt eine lustige Komödie oder ein interessantes Buch.“

Ob „Alexa“, das sprechende „Voice Service“ von Amazon, das nicht übernehmen könnte? Zumindest will die Werbung uns das suggerieren. Der Mensch fragt: „Alexa, was steht heute in meinem Kalender?“ und die Computerstimme spult freundlich den Tagesplan ab. Michael Niavarani lacht: „Mich würden alle diese Dinge, die jetzt erfunden werden, in 400 Jahren interessieren. Über die Jahrhunderte weiß man dann, was keinen Sinn macht.“ Der Kabarettist unterstreicht seine Meinung mit einem Beispiel: „Letztens habe ich ein Medizinbuch aus dem Jahr 1536 gelesen. Darin wurde für Depressionen empfohlen, Kräuter mit Safran, Zimt, Kardamom und Branntwein anzusetzen und einen halben Liter davon zu trinken. Wenn das nicht hilft, solle man ein schwarzes Huhn bei lebendigem Leib hinten aufschneiden, sodass man es auf den Kopf setzen kann. Auf diese Art würde man aus der Depression geholt. Wie die Idee mit dem Huhn, sehe ich Amazon und die ganzen technischen Entwicklungen ...“ Trotzdem verteufelt auch Niavarani den technischen Fortschritt nicht. „Es ist ein Vorteil, dass wir schnell Nachrichten übermitteln können und fast in Echtzeit miterleben, was auf der Welt passiert. Es kommt nur immer darauf an, wie wir Dinge verwenden und was wir zulassen.“

Zuckerbergs Warnung vor dem Netz

Ausgerechnet die Schwester von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Randi, stößt ins selbe Horn und veröffentlichte 2013 das Büchlein „Dot.“, indem sie davor warnt, dass Kinder zu viel Zeit online verbringen. Auf die Idee, darüber zu schreiben, kam sie, als ihre zweijährige Tochter begann, mit technischen Geräten zu spielen. „Obwohl die Technik unser Leben einfacher macht und uns mit anderen verbindet, sind Eltern besorgt, wie sie ihre Kinder in der neuen digitalen Welt erziehen sollen“, so Randi Zuckerberg.

Ein heißes Thema auch für Expertin Anitra Eggler. Sie empfiehlt Eltern, sich mit allem zu beschäftigen, was ihre Kinder interessiert, sei es Snapchat oder WhatsApp. „Wenn man das nicht tut, muss ich sagen: Sorry, dann sind Sie Nichtschwimmer. Eltern und Lehrer haben einen Bildungsauftrag und müssen Kindern beibringen können, wie sie auf Instagram schwimmen.“ Instagram ist gerade für Mädchen das Schaufenster der Selbstdarstellung. „Da muss man sich hinsetzen und sagen: Hey Mädel, was macht deinen Wert als Mensch aus?“, sagt Eggler. „Im Internet läuft alles nur noch über Likes und Follower. Das Gespräch, das man heute führen muss, ist: Du bist als Mensch schön, wenn du glücklich bist. Ich sage den Leuten immer: Hast du schon einmal gesehen, dass ein Mensch hässlich ist, wenn er glücklich ist? Selbst der hässlichste Mensch ist schön, wenn es ihm gut geht.“

  • Offline in den Tag starten und offline den Tag beenden. Am besten, indem man sich wieder einen Wecker kauft, anstatt das Handy als Wecker zu benutzen. Am Morgen überlegen, wie man den Tag aktiv gestalten will und Prioritäten setzen. Am besten mittels einer handgeschriebenen Liste.
  • Sich nur eine Akkuladung Handy pro Tag gönnen und damit sich selbst den Zugang reglementieren. Das ist in etwa so, als würde man seinen Alkoholkonsum pro Tag auf ein Glas Wein beschränken.
  • Handy aus, leben an. Weniger fotografieren, mehr (er-)leben. Also Essen, Sonnenuntergänge oder Konzerte wahrnehmen, nicht nur abfotografieren.
  • Tisch- und Bettverbot für technische Geräte. Das Handy über Nacht im Flur oder Schrank aufladen.
  • Die meisten Menschen nutzen nur zehn Prozent der Möglichkeiten ihres Computers. Konfigurieren Sie Ihre Geräte wie Anitra Eggler ihr neues Tablet mit Zeichen-Stift: „Ich schaue mir Tutorials mit den besten Tipps an, wie ich diesen Stift nutzen kann. Zum Tablet gibt es auch eine Tastatur. Was sind die besten Kurzbefehle? Was kann das Betriebssystem, was das vorhergehende nicht konnte? All das herauszufinden kostet Zeit, die man aber nachher einspart.“
  • Alle News-Applikationen am Handy, wie E-Mail oder WhatsApp, am Bildschirm auf die letzte Seite schieben. Push-Mitteilungen auszuschalten bringt noch mehr Ruhe.
  • Bei WhatsApp-Funktionen wie die Info „zuletzt online“ und die Lesebestätigung (Häkchen in Grau oder Blau) ausschalten. Außerdem maximal an drei Gruppenchats teilnehmen.
  • E-Mail-Öffnungszeiten einrichten. Wer öfter als drei Mal pro Tag seine Mails checkt, arbeitet in einer Hotline, verwechselt sich mit einem Notarzt oder hat eine Aufmerksamkeitsstörung.
  • Unter menthal.org können sich Androidbenutzer eine App für den nachhaltigen digitalen Lebensstil herunterladen. Die App erfasst die Zeit, die man mit seinem Handy verbringt. Ähnlich funktioniert die App „Moment – Screen Time Tracker“.
  • Die App „ Focus“ achtet darauf, dass man beim Autofahren nicht mit dem Handy spielt. Die Message: „Don’t text and drive“.