Leben
30.10.2018

Dieser Mann mit Hirntumor besuchte Geistheiler in aller Welt

Thomas Bruckner hatte mit Esoterik nichts am Hut – bis zur Diagnose Hirntumor.

Die Diagnose Hirntumor stellt das Leben auf den Kopf. Manche springen mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug, andere kündigen ihren Job. Thomas Bruckner, ehemaliger Profisportler und Reisejournalist aus St. Pölten, begab sich auf die Suche nach einem Wunder: Nachdem die Ärzte in seinem Kopf einen gutartigen Tumor entdeckt hatten, der nicht sofort operiert werden musste, wandte sich der 47-Jährige an Geist- und Wunderheiler von Brasilien bis nach Asien. Ein Gespräch über Scharlatane, Unerklärliches und die Schwachstellen der Schulmedizin.

KURIER: Herr Bruckner, wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Thomas Bruckner: Ganz okay, ich habe kaum Beschwerden wegen des Tumors. In den vergangenen zwei Jahren ist er kaum gewachsen, deswegen konnte ich dieses Experiment überhaupt wagen.

Journalisten sind es gewohnt, faktenorientiert zu denken. Wie war Ihre Einstellung zu Alternativmedizin, bevor Sie krank wurden?

Hätten die Ärzte gesagt, ich brauche eine Bestrahlung und muss sofort operieren, hätte ich das gemacht. Vor einigen Jahren bat mich ein Freund, ihn nach Brasilien zu João de Deus, „John of God“ zu begleiten. Das ist der bekannteste Geistheiler der Welt, er behandelt jeden Monat 12.000 Menschen. Ich wollte eine Reportage schreiben, doch dann war alles so verrückt, dass ich mir dachte, das kann ja keiner ernst nehmen.

Was ist damals passiert?

 

 

Ich habe ihm gesagt, ich glaube, Sie sind ein Scharlatan, beweisen Sie mir das Gegenteil. Dann hat er mir über die Stirn gewischt, und plötzlich war alles anders: Ich hatte keine Kraft mehr, keine Macht über meinen Körper. Es war für mich absolut nicht einzuordnen. Es blieben so viele Fragezeichen, dass ich mich mit dem Thema eigentlich nicht mehr beschäftigen wollte. Dann wurde ich selber krank und dachte mir, vielleicht finde ich jetzt mehr Antworten, jetzt habe ich ja wirklich ein Problem.

Wie lief Ihre zweite Begegnung als Kranker mit John of God ab?

Ich habe einige meditative Operationen erhalten. Da sitzt man mit vielen anderen in einem Raum und meditiert. Dann kommt John of God, spricht eine Art Gebet und plötzlich spüren alle da, wo sie ihre Schwachstelle haben, einen leichten Schmerz oder ein Kribbeln. Dieses Gefühl hält tagelang an – man fühlt sich so erschöpft, als hätte man eine richtige Operation gehabt.

Sie haben an die 70 Heiler auf vier Kontinenten kennengelernt. Gibt es einen gemeinsamen Nenner?

Im Vorfeld dachte ich, wenn jemand als Heiler auftritt, muss er was Besonderes haben, Charisma oder medizinisches Wissen. Aber das ist nicht der Fall. Wenn jemand sagt, er ist Heiler, wird es funktionieren – nicht, dass er heilt, aber dass die Leute kommen. Das ist erschütternd. Die überwiegende Mehrheit sind Geblendete – Menschen, die glauben, dass sie heilen können, und die von den Hilfesuchenden befeuert werden, weil die eine Hoffnung haben. Eine Eigendynamik entsteht, der Heiler wird immer selbstbewusster und erzielt gewisse Erfolge. Ganz wenige sind Scharlatane, die die Notsituation der Menschen ausnutzen, aus Geld- oder Egogründen. Und dann gibt es die, die tatsächlich heilende Kräfte haben. Man kann das nicht erklären, spürt es aber, wenn man hinkommt. Das sind vielleicht drei, vier Prozent.

Wer zählt zu diesen drei Prozent?

 

 

Sicher John of God, aber auch William Nonog, ein philippinischer Heiler, der an mir blutige Operationen durchgeführt hat. Er hat angeblich so eine göttliche Energie in seinen Händen, dass sie durch die Bauch- oder Schädeldecke eindringen, Energiebahnen befreien, Tumore herausnehmen können usw. Danach war ich zwei Monate so fit wie seit 20 Jahren nicht mehr. Mein Körper war wie generalsaniert, ich konnte jeden Tag Sport machen, nichts hat wehgetan, ich bin jeden Morgen um fünf Uhr voller Energie aufgewacht.

Hatten Sie keine Angst?

Doch, und wie. Er arbeitet ohne Narkose und Antiseptikum, das heißt, es müsste eigentlich reihenweise Blutvergiftungen geben – gibt es aber nicht. Das ist für unseren Verstand völlig unbegreiflich.

Dennoch haben Sie sich darauf eingelassen. Warum?

Wenn man sich nicht darauf einlässt, braucht man gar nicht hinzugehen. Das ist das Schwierige, gerade bei uns westlich sozialisierten Menschen. Wenn man, so wie ich, in einer Notsituation ist, geht man einen Schritt weiter. Wäre ich als Journalist unterwegs gewesen, hätte ich gesagt, Stopp, das ist ja lächerlich. Ich bin froh, dass ich nicht so schnell mit meinem Urteil war.

Es gab auch negative Erfahrungen.

Einer hat behauptet, dass er einen Röntgenblick hat. Er meinte etwa, mein Knie sei lädiert. Keine 10 Prozent haben gestimmt. Aber auch er hat seine Kundschaft – weil er es schafft, den Leuten Hoffnung zu geben.

Wie erklären Sie sich den enormen Zulauf, den Alternativheiler haben?

Ich glaube, dass es teilweise daran liegt, dass man sich in der Schulmedizin nicht verstanden fühlt, weil dort nur auf Rationalität geachtet wird. Man hat fünf Minuten ein Gespräch mit dem Arzt, der sagt, was zu tun ist und nicht zuhört, was man zu sagen hat. Natürlich sind nicht alle so, aber man spürt, dass man teilweise nicht ernst genommen wird. Alternativmediziner machen genau das: Sie befriedigen die emotionalen Bedürfnisse.

Viele Heiler führen auf ihren Homepages vollbrachte Wunder an. Haben Sie dafür eine Erklärung?

 

 

Oft ist es so, dass der Grund, warum jemand geheilt wurde, nicht klar ersichtlich ist. Ich habe einen Fall nachkontrolliert, wo es hieß, dass eine Frau wieder gehen konnte. Es stellte sich heraus, dass sie parallel auch Schulmedizin angewendet hat.

Wie lautet Ihr Fazit nach Ihrem Wunderheiler-Experiment?

Man sollte versuchen, mit Kopf und Herz gleichermaßen durch die Welt zu gehen. Ich vertraue auf beides, gehe alle sechs Monate zur Kontrolle und habe zwei alternative Heiler, die ich aufsuche. Die Klarheit, die man gerne hätte, bekommt man halt nur in der Wissenschaft. Aber vielleicht sollte man sich fragen, ob diese Klarheit so wichtig ist. Oder ob es reicht, wenn man sich einfach besser fühlt.

Buchtipp

Thomas Bruckner: „Wundersuche. Von Heilern, Geblendeten und Scharlatanen“ Picus Verlag, 256 Seiten, 22 €