Lokalaugenschein bei Selfmade-Schneiderin Nicole Raker in Wien-Leopoldstadt.

© Kurier/Jeff Mangione

Leben
01/29/2019

Wo Hundemäntel nach Maß gefertigt werden

Die Wahlwienerin Nicole Raker greift zu Schere und Faden. Denn nicht alle Tiere sind von Natur aus vor Kälte geschützt.

von Hedwig Derka

Katica ist das perfekte Model: vorbildliche Figur, gepflegter Auftritt, kooperativ, fotogen. So präsentiert die Windhund-Dame denn auch den maßgefertigten Wintermantel der Marke „sorglos“. Ihre Besitzerin, Nicole Raker, hat dafür zu Schere, Stecknadeln und Faden gegriffen und das wärmende Designer-Stück in Handarbeit hergestellt.

„Es gibt nichts Unvernünftigeres, als einem Hund den Mantel vorzuenthalten“, sagt die Hamburgerin, die am Rand des Wiener Praters Wurzeln geschlagen hat. Sie kleidet Vierbeiner seit mehreren Jahren ein. Ihr Schnittmuster ist inzwischen so ausgereift, dass es sich auf jede Hundestatur übertragen lässt – auf federleichte Chihuahuas mit großem Kopf über Französische Bulldoggen, die zu Wirbelsäulenproblemen neigen, bis zu Deutsch Kurzhaar, die viel Beinfreiheit brauchen.

Die richtige Passform ist auch aus veterinärmedizinischer Sicht das Um-und-Auf eines sinnvollen Schutzes vor Kälte und Nässe. „Es geht nicht darum, Haustiere zu vermenschlichen oder zu verweichlichen, aber nicht alle Hunde haben ein ausreichend dichtes Winterfell“, sagt KURIER-Tiercoach Katharina Reitl: „Hunde halten sich heute vor allem in geheizten Räumen auf, das Haarkleid passt sich daher weniger an die Außentemperaturen an als früher“, führt die Tierärztin aus der Ordination Tiergarten Schönbrunn aus. Bestimmte Rassen wurden zudem auf spärliche Unterwolle gezüchtet. Nicht zuletzt sind manche Hunde anfälliger für Infektionen, Hals- oder Blasenentzündungen. Gerade Welpen mit nacktem Bauch, Patienten und Senioren reagieren empfindlich.

„Windhunde brauchen einen Mantel. Katica hat in die Modelle, die es zu kaufen gab, schwer hineingepasst. Sie ist zwischen zwei Größen. Außerdem mag ich dezente Sachen, mir hat wenig gefallen“, erinnert sich Raker an ihr erstes Do-it-yourself-Abenteuer: „Kaum war der Mantel fertig, kamen Anfragen.“ Mittlerweile kauft die Kleinunternehmerin Stoffe in Ballen – eleganten Tweed gibt es in der aktuellen Kollektion in sechs Varianten – und lädt Stammkunden wie Einsteiger gerne zur individuellen Betreuung in die #CreativeLeopoldstadt im zweiten Bezirk. Raker liebt die Arbeit an der Nähmaschine genau so wie die Beziehung zu Käufer und künftigem Träger.

„Mit der Anprobe ist es fast geschafft“, sagt die Selfmade-Schneiderin. Rückenlänge, Hals-, Brust- und Taillenumfang des Haustieres lassen sich daheim stressfreier abnehmen. Auch die Stoffwahl kann via eMail ausgehandelt werden (sorglos-dogs.blogspot.com). Der Feinschliff freilich gelingt am Besten am lebenden Modell: Wie eng darf der Kragen sein? Wo gehören Löcher für Leine und Brustgeschirr hin? Wird die Laufmuskulatur warm gehalten? Und lässt sich das Geschäft dennoch ohne Missgeschick erledigen? Wie ist das Hinterteil abgedeckt, die Rute trotzdem frei für die Kommunikation? Raker hat alles routiniert im Griff. Schließlich hat die Landschaftsarchitektin mittlerweile komplett auf Hund umgesattelt.

Beim Kauf von Stangenware gelten dieselben Kriterien. Ob vom Designer, aus der Boutique oder bei der Fachmarktkette – der Hund muss vorher in den Mantel schlüpfen. „Es gibt unterschiedlichste Winterbekleidung. Wichtig ist, dass sie gut sitzt und gut handzuhaben ist“, fasst Zoodoc Reitl zusammen. Die „sorglos“-Mäntel haben eine Tweed- oder Wolldecke, sind mit Dacron-Watte versteppt und innen mit Fleece gefüttert. Der lange Halsteil aus Wollkrepp lässt sich über die Ohren ziehen oder als Kragen umschlagen. Bauchgurte und Klettverschlüsse fixieren den Stoff. Rakes Handarbeit kostet ab 75 Euro: „Für heuer bin ich ausgebucht.“ Katica lässt das kalt. Die Hündin besitzt bereits mehrere „sorglos“-Unikate.

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