Leben
21.03.2014

Die letzten Wildflüsse Europas

Nicht in Österreich, sondern auf dem Balkan gibt es noch ungezähmte Flusslandschaften.

Wer einen natürlichen Wildfluss sehen will, muss nicht unbedingt nach Alaska oder Sibirien gehen. Europas Wildflüsse liegen aber auch nicht vor der Haustür. Sondern, sagt der Naturschützer Ulrich Eichelmann von der Organisation Riverwatch, auf dem Balkan.

Noch. Denn seit 2008 stehen frei schlingende Ströme wie die Vjosa in Albanien, die Tara in Montenegro, die Bregava in Bosnien im Zentrum energiepolitischer Begehrlichkeiten. "Das ist Wahnsinn und überhaupt nicht zu kontrollieren", meint Eichelmann.

Auf dem Balkan steht das Wasserschloss Europas, das darf und soll zum heutigen Weltwassertag gesagt werden. Aus Untersuchungen der Naturschutzorganisationen Riverwatch und Euronatur geht hervor, dass 80 Prozent der Flüsse am Balkan in einem sehr guten oder guten ökologischen Zustand sind, 30 Prozent sind fast unberührt. Während Umweltschützer in Österreich eine Art Rückzugsgefecht um die letzten freien Fließstrecken und Waldbäche führen.

Dennoch sind es nicht die Umweltschützer, die die Zerstörung der ursprünglichen Flusslandschaften im früheren Jugoslawien aufhalten können. Es sind wirtschaftliche und politische Überlegungen, die den Totalausbau der Wasserkraft verhindern helfen.

Zum einen ist der Preis für Strom aus Wasserkraft derzeit zu niedrig für Investitionen (siehe Kasten rechts), zum anderen ist die politische Situation in Ländern wie Bosnien für einige große Stromanbieter, wie auch den österreichischen Verbund, zu unsicher, um große Projekte zu verwirklichen. 570 größere Staudämme samt Wasserkraftwerken, jeweils mit einer Kapazität von mehr als einem Megawatt, sind in der Großregion geplant. Eichelmann spricht von einer "Goldgräberstimmung" auf dem Balkan.

Für einige Flüsse ist es schon zu spät, etwa für die Drin im Norden Albaniens, wo bereits drei große Dämme stehen. Andere Vorhaben, wie der Bau des Kalivaç-Wasserkraftwerks an der Vjosa, dem schönsten Wildfluss Europas, der das griechische Pindos-Gebirge in die Adria entwässert, wurden zwar schon 2007 begonnen – wegen Finanzierungsproblemen fließt die Vjosa aber bis heute frei. Der italienische Dammbauer Francesco Becchetti hat bereits 70 Millionen Euro in Talsperren gesteckt. "Der Vjosa-Damm wird kein Problem für die Umwelt sein", meinte er gegenüber dem Magazin Spiegel zur Verbauung der einzigartigen Flusslandschaft, "wir planen eine Forellentreppe".

Déjà-vu

"Die meisten Balkanstaaten, die Bau-Lizenzen für ihre Flüsse vergeben, wissen gar nicht, welche Schätze sie haben", sagt Eichelmann, "die machen die gleichen Fehler wie wir: Zuerst wird gebaut und dann merkt man, dass alles zerstört ist". Aber haben die Balkanstaaten nicht das Recht, ihre eigenen Fehler zu machen? Albanien etwa muss 40 Prozent seines Stroms derzeit importieren. Die Wasserkraft bietet sich als erneuerbare Energiequelle an. In Mazedonien plant das staatseigene Energieunternehmen zwei Staudämme, allerdings mitten im Marovo-Nationalpark, im Refugium des Balkan-Luchses – von dieser Unterart gibt es noch ca. 100 Tiere.

Fluss-Quiz

Das Schicksal des Luchses und etlicher anderer Lebewesen liegt in den Händen der Weltbank, die im Juli entscheiden will, ob sie das Marovo-Projekt mit 70 Millionen Euro unterstützen wird. Eichelmann: "Es gibt eine Chance dieses Naturjuwel zu retten, aber die Zeit drängt."