Leben 09.01.2013

Wenn das Fell stumpf wird

Das chronische Leid ist gut behandelbar – mit Insulinspritzen und konsequenter Diät. Hunde erkranken eher daran als Katzen

Wenn müde Vierbeiner plötzlich mehr trinken als sonst, und das Wasser auch öfter wieder los werden wollen, wenn sie viel fressen, dabei aber abnehmen, ihr Fell stumpf wird und sich die Augen trüben, ist ein Besuch beim Tierarzt unumgänglich. Die Symptome deuten auf Diabetes mellitus hin. Der Insulinmangel muss rasch geklärt werden, er kann die Gesundheit von Vierbeinern nachhaltig schädigen.
Zuckerkrankheit ist eine chronische Krankheit, die sehr gut behandelbar ist“, beruhigt KURIER-Tiercoach Dagmar Schratter, Direktorin des Schönbrunner Zoos. Thomas Voracek aus der Tierärztlichen Ordination Tiergarten Schönbrunn erklärt, welche Untersuchungen für eine sichere Diagnose notwendig sind, und wie Patienten richtig behandelt werden.

Gene

Diabetes betrifft überwiegend Hunde. Eine Autoimmunerkrankung zerstört die Zellen ihrer Bauchspeicheldrüse. Meist ist die Ursache erblich bedingt. Katzen leiden im Vergleich seltener an der Stoffwechselkrankheit. Bei ihnen verursacht in erster Linie eine Insulinresistenz im Gewebe die hohen Blutzuckerwerte. Die Gene spielen auch bei ihnen eine größere Rolle als Übergewicht, falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Bei Jungtieren kommt Diabetes äußerst selten vor, betroffen sind vor allem Haustiere ab fünf Jahre. „Die Untersuchung von Blut und Harn sowie ein Ultraschall des Bauchraums sind notwendig, um andere Krankheiten ausschließen zu können“, sagt der Experte aus dem KURIER-Tiercoach-Team.
Steht fest, dass der Vierbeiner an Diabetes leidet, erstellt der Tierarzt einen Behandlungsplan: „Die richtige Einstellung funktioniert in der Regel innerhalb von zwei Tagen. Bei vorherigen Entgleisungen ist jedoch oft eine stationäre Aufnahme notwendig“, sagt der Zoodoc. Der Blutzuckerspiegel wird in dieser Phase vier Mal am Tag gemessen, die richtige Insulin-Dosis für zwei Therapien pro Tag bestimmt. „Die Tiere lassen sich die Injektion gefallen, 95 Prozent spüren sie nicht. Im Genick ist ganz viel Haut“, sagt Voracek. Die Mengen des für die Veterinärmedizin entwickelten Hormons sind gering, die spitzen Nadeln oft im Doppelpack erhältlich – eine zum Aufziehen, eine zum Verabreichen. Relativ neu am Markt ist ein Pen zur Gabe des Antidiabetikums.
Der Ausgleich des Insulinmangels ist nur ein Teil der Behandlung. „Ebenso wichtig ist die konstante Zufuhr von Broteinheiten“, sagt der Zoodoc. Vierbeiner müssen einen strengen Ernährungsplan einhalten. Tierfutterhersteller bieten dafür ausgewogene Mischungen an, die hochwertige Inhaltsstoffe enthalten, den Blutzuckerspiegel aber nicht erhöhen. „Wird die Diät nicht durchgezogen, führt das langfristig zu gefährlichen Gefäßschäden“, warnt Voracek.


Hypo

Gerät der Blutzuckerspiegel einmal außer Kontrolle, können Haustiere in eine Unterzuckerung abgleiten. Der „Hypo“ beginnt mit einem Zittern, das Tier ist geistig weggetreten, mache Vierbeiner können nicht mehr gehen. Dann ist rasches Handeln gefordert. Traubenzucker oder sonst verbotene Süßigkeiten helfen, der Veterinärmediziner verabreicht eine Glukoseinfusion. „Regelmäßige Kontrollen beim Tierarzt müssen sein“, sagt der Zoodoc. Anfangs sind Termine im Drei-Wochen-Rhythmus sinnvoll, später drei Untersuchungen pro Jahr. Routine-Checks zeigen den Allgemeinzustand des Haustiers, Gewohnheiten des Vierbeiners können besprochen und offene Fragen geklärt werden. Bezieht der Besitzer das Insulin beim Tierarzt, kann dieser auch den Verbrauch kontrollieren. Der Experte aus dem KURIER-Tiercoach-Team weiß aus der Praxis: „Kein Besitzer braucht Angst zu haben, wenn sein Haustier an Diabetes erkrankt. Wir hatten eine 85-jährige Dame, die in der Therapie ihres Vierbeiners eine unglaubliche Präzision zustande gebracht hat. Das Tier hat bald wieder gut ausgeschaut.“

Fakten

Bei Diabetes mellitus handelt es sich um eine Störung im Insulinstoff- wechsel der Bauchspeicheldrüse. Es kommt es zu einer Überzuckerung des Hauptregelungshormons des Zuckerstoffwechsels.
Hund erkranken mit einer Wahr- scheinlichkeit von 1:100 an Diabetes, bei Katzen ist es 1 von 500.
In der Antike wurde der „Honigsüße Durchfluss“ durch eine Geschmacks- probe des Urins abgeklärt: Harn von Diabetikern schmeckt bei erhöhtem Blutzuckerspiegel süßlich.

( Kurier ) Erstellt am 09.01.2013