Seeadler-Zweikampf: ein Schauspiel, das man an Donau, March und Thaya beobachten kann
Lokalaugenschein
02/06/2014

Der Adler ist zurück

Bei einer Zählung im Jänner kamen Vogelschützer auf 100 Exemplare

von Martin Burger

Schneeregen bei –4C in der Bernhardsthaler Ebene. Dünnes Eis hat sich in den Traktorspuren der Feldwege gebildet. Wenn man draufsteigt, macht das ein Geräusch wie zerbrochenes Glas. Keinen Hund würde ein treusorgender Halter bei diesem Wetter vor die Tür jagen. Karin Donnerbaum hat ihren Mischling deshalb bei Freunden im Warmen gelassen und ist allein auf die Pirsch gegangen. Sie ist dem Seeadler und seinem Verwandten, dem Kaiseradler, auf der Spur.

Die Adler-Anwältin des WWF (links) schultert ihr Fernrohr-Stativ und ärgert sich. Es ist später Vormittag. Sie ist spät dran, die Adler halten Siesta und keines der Tiere mit einer Flügelspannweite von 2,5 Metern lässt sich blicken. Nur ein Rotmilan, gut erkennbar am tief gegabelten Schwanz, und ein Turmfalke, durch seinen Rüttelflug ebenfalls leicht zu bestimmen, lassen sich blicken.

Eigentlich verblüffend, denn Vogelschützer können dieser Tage einen großen Erfolg verbuchen: Entlang von Donau, March und Thaya wurden bei einer von den Donau-Nationalparks, WWF und Birdlife im Jänner durchgeführten Zählung 100 Adler nachgewiesen. Dieser Erfolg hat mehrere Ursachen: Ein ganzjähriges Jagdverbot, die Verbannung des Insektizids DDT (1992), sowie die EU-Förderung zur Stilllegung landwirtschaftlicher Flächen haben die Rückkehr des Wappentieres gefördert. Außerdem sind die Brachen von Bernhardsthal und Rabensburg besonders reich an Niederwild.

Nomen est omen

Kein Wunder, dass sich die Ornithologie im Namen des Ortes spiegelt: 1255 erstmals als „de Rabensburch“ urkundlich erwähnt, bedeutet der Name „Burg, die von Raben umkreist wird“. Aber nicht nur deswegen fühlen sich „Ornis“, wie sich Vogelbeobachter selbst nennen, hier wohl. Das nur scheinbar eintönige Gebiet zieht die großen Greifer wie magisch an. Einst gab es in Österreich sieben verschiedene Adler-Arten. Die Rückkehrer sind der Kaiseradler, der 200 Jahre lang als ausgestorben galt, und der Seeadler, der 1960 verschwand.

Seit 2001 jagt der Seeadler nun wieder in Niederösterreich und zwar nicht nur als Wintergast, er brütet auch wieder. Im Zwickel zwischen March und Thaya, dem tschechischen Urwald „Soutok“, finden die Greifvögel jahrhundertealte, mächtige Stieleichen, auf denen sie ihre bis zu einer Tonne schweren Horste errichten.

Der Seeadler jagt im Winter Enten und anderes Wassergeflügel sowie Fische, und Hasen. Die Vorliebe für Hasen teilt der See- mit dem Kaiseradler. Der lässt sich aber auch andere Säuger und vor allem Fasan und Tauben munden. Was beiden zum Verhängnis wird: Sie fressen im Winter (vergiftetes) Aas. „Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren 24 tote Adler, die entweder abgeschossen oder vergiftet wurden, zu beklagen. In den March-Thaya-Auen waren es elf Tiere“, sagt Karin Donnerbaum.

Nicht immer werden die Täter geschnappt wie 2008. Da wurden in Bernhardsthal zwei Adler abgeschossen. Der Fall landete vor Gericht, weil der Schütze von einem Jogger beobachtet wurde, der Anzeige erstattete. Mithilfe von Blutproben aus dem Kofferraum wurde der Mann überführt und nach dem Landesjagdgesetz verurteilt. Der Täter fasste eine Geldstrafe von 5200 Euro aus.

Bei 20 Seeadler- und zehn Kaiseradler-Brutpaaren in Österreich ist der Verlust von ein bis zwei Vögeln im Jahr „extrem tragisch“, sagt Donnerbaum. Die Tiere brauchen drei Jahre, ehe sie brüten, und legen dann ein oder zwei Eier. Um sie zu vertreiben, braucht es nicht einmal Gewalt: Die majestätischen Flieger sind Sensibelchen. Dem Menschen weichen sie aus, bei Störungen verteidigen sie weder ihren Horst noch ihre Jungen. Daher verraten Vogelschützer die Horstbäume ihrer Schützlinge niemals. Sie sind dem Adler verpflichtet.

Alt- und Jungadler

16 Seeadler-Paare brüten in Österreich, manche Schätzungen gehen gar von 20 aus. 88 Jungadler sind seit 2001 flügge geworden. Eine Studie der Universität für Bodenkultur in Wien ergab, dass in Österreich Platz für etwas mehr als doppelt so viele Brutpaare vorhanden ist. Exakt sind es 42 Gebiete mit einer Fläche von je 100 . Vom weltweit gefährdeten Kaiseradler gibt es zehn Brutpaare.

Der Nationalvogel Seeadler hat gewichtige Konkurrenz

Der Adler ziert seit Jahrhunderten Staats-, Länder- oder Familienwappen. Oft mit (Mauer-)Krone auf dem Haupt und symbolischen Gerätschaften in den Fängen. Der österreichische Wappenvogel trägt seit 1945 gesprengte Ketten. Aber welcher ist es denn nun, der Steinadler, der Seeadler oder der Kaiseradler?

Der WWF ist für die Seeadler-Version. Bernhard Kohler sagt wieso: „Im Wesentlichen sind es die gelben unbefiederten Beine und sein einfärbig gelber Schnabel. Der erwachsene Steinadler hat hingegen bis zu den Fängen behaarte Beine und einen grauen Schnabel mit schwarzer Spitze.“

Die federlosen Füße haben eine wichtige Funktion bei der Jagd auf Wassertiere. Sie helfen dem Greif, schwere Beute, etwa einen Karpfen oder eine Ente, schnell aus dem Wasser herauszuheben.

Oder doch Steinadler?

Es gibt aber auch Argumente, die für den Steinadler als Wappenvogel sprechen. Bei einem Gebirgsland sei der Gedanke naheliegend, dass der Steinadler als Bewohner hoch gelegener Gebiete der Nationalvogel sein müsse. Zwingend sei das aber keineswegs, sagt Kohler. Bezieht man den Kaiseradler, einen Steppenvogel mit Verbreitungsschwerpunkt Ungarn ein, wird es richtig kompliziert.

So oder so bleibt der Seeadler der beste Kandidat, denn der Greifvogel mit dem gelben Schnabel war früher in den Tiefland-Auwäldern weit verbreitet und den Menschen im bevölkerungsreichen Osten weit vertrauter als die in den Gebirgen kreisenden Steinadler.

Seeadler sind selten, weil in den 1950er- und 1960er-Jahren ihr Lebensraum durch Pestizid-Einsatz vergiftet wurde. Das Gift gelangte in die Körper der Tiere, die Eierschalen wurden immer dünner.

Das Hauptproblem für die Tiere ist jedoch der Verlust an Lebensraum. Sie brauchen Auwälder, ruhige fischreiche Gewässer und die dazugehörigen Überschwemmungsgebiete – einen Lebensraum, der seit dem 19. Jahrhundert zu 80 Prozent verschwunden ist.Birdwatcher:Das Storchenhaus in Marchegg ist ab 21.3. geöffnet, zwei Mal täglich werden Führungen zur Storchenkolonie angeboten. Informationen über Exkursionsziele erhalten Sie auf www.wwf.at/march, www.auring.at oder unter 0681 / 816 44 656

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