Härtetest für Geigen.

© REUTERS/EDUARDO MUNOZ

Hightech-Forschung
02/09/2015

Dem Geigenklang auf der Spur

Natur- und Musikwissenschaftler untersuchen gemeinsam die Instrumente von Stradivari und Stainer.

von Susanne Mauthner-Weber

Gerhard Weber ist Anthropologe. Sein Ding sind Knochen, Schädel und Zähne. Am liebsten von Fossilien. Die vermisst er, setzt sie zusammen, biegt sie zurecht und ergänzt sie – am Computer, in 3-D. Der CT-Scanner, der nach seinen Bedürfnissen gebaut wurde, macht weit mehr möglich, als physisch am realen Objekt denkbar ist. Der virtuelle Blick legt verborgene, innere Strukturen frei, ohne sie zu zerstören. Das interessiert auch andere Forscher und so kommt es, dass neuerdings Stradivaris, Guarneris und Stainers in seine CT-Kammer in der Universität Wien wandern, um mit Methoden, die eigentlich aus der Biologie kommen, durchleuchtet zu werden.

"Morphologische Untersuchungen von Geigenkorpussen" nennt sich das Forschungsprojekt, das den Anthropologen Weber mit dem Experten für alte Musikinstrumente Rudolf Hopfner zusammengebracht hat. Letzterer ist als Direktor der Sammlung alter Musikinstrumente im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) Herr über 34 Meisterwerke der Geigenbaukunst. Wie sie dazu wurden, ist unbekannt, was die Forscher jetzt aber ändern wollen. "Im Micro-CT-Scan erkennt man zum Beispiel Leimstellen", sagt Hopfner. "Jeder Umbau, jede Reparatur der Geige wird sichtbar."

Baumwachstum

Im Laufe der Zeit haben Musikwissenschaftler die verschiedensten Theorien aufgestellt, um den besonderen Klang von Stradivaris Instrumenten zu erklären. In Untersuchungen aus dem Jahr 2005 spielen gar die besonderen klimatischen Verhältnisse in Europa zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die erste Geige: Die geringeren Durchschnittstemperaturen während der "Kleinen Eiszeit" führten zu verändertem Baumwachstum, was wiederum ganz spezielles Holz hervorbrachte. Es war besonders dicht, was sich auf die Klangqualität der Instrumente günstig ausgewirkt haben soll.

Klingt gut, erklärt den besondere Klang der Stradivaris aber auch nicht wirklich, weil das Holz der "Kleinen Eiszeit" auch anderen damaligen Geigenbauern zur Verfügung stand.

Das mit dem Klang sei überhaupt eine heikle Sache, meint Weber: sehr individuell und wissenschaftlich schwer messbar. Daher konzentriert er sich auf das, was gut messbar ist. Anthropologe Weber denkt, dass Dichte und Form wichtig sind und will die Unterschiede zwischen Stradivaris, Stainers und Guarneris quantitativ erfassen. Dazu setzt er sogenannte "landmarks", also Punkte mit entsprechender geometrischer Korrespondenz zwischen verschiedenen Geigenkorpussen (siehe Bild links in der Mitte) "Wenn wir erst einmal genug Geigen eingescannt haben, können wir vielleicht auch unbekannte Instrumente zuordnen", hofft er.

Geigen-Klone

Weil sich jede Geige mit der Zeit verändert – "300 Jahre alte Geigen sind allesamt verzogen" – werden Weber und Hopfner im Dienste der Forschung sogar zu Fälschern: Im Rahmen des Stainer-Clone-Projektes bauen die Wissenschaftler eine Geige von Jacob Stainer aus dem Jahr 1671 auf Basis von Scans nach. "Wir wollen herausfinden, wie sich das Instrument innerhalb von zwei Jahren verändert", sagt Weber und sorgt dafür, dass die Geige unter Stress gesetzt wird.

"Sie wird sechs Monate lang gespielt, dann liegen gelassen, umgebaut, mit neuen Stahlsaiten versehen, wieder gespielt ... und alles wird dokumentiert, gescannt, vermessen." Damit die Forscher irgendwann doch hinter das Geheimnis des Klanges kommen. Weber: "Denn das ist das Ziel."

Jakob Stainer, 1619 in Absam geboren, war ein Tiroler Geigenbauer. Bis um 1800 hatten seine Instrumente nördlich der Alpen einen besseren Ruf als die italienischen. Das zeigte sich auch an deren Wert: Im 18. Jh. zahlte man für Stainer-Geigen einen wesentlich höheren Preis als für „cremonesische“ Geigen (Amatis oder Stradivaris).

Antonio Giacomo Stradivari war ein 1648 geborener, in Cremona ansässiger italienischer Geigen-Baumeister. Er wird von vielen als der beste Geigenbauer der Geschichte angesehen. Seine Geigen sind die wertvollsten Saiteninstrumente am Markt, sie werden teils für viele Millionen Euro gehandelt.

Bartolomeo Giuseppe Guarneri (*1698) schrieb auf seine Geigenzettel Joseph Guarnerius und fügte ein Kreuz sowie die Buchstaben IHS an. Später wurde er Guarneri del Gesù genannt.

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