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Serie "Umgehen mit Medien"
10/16/2018

Cyber-Grooming: Wenn fremde Männer Kinder online belästigen

Jeder vierte Jugendliche wurde online sexuell belästigt. Was kann man dagegen tun?

„Du bist hübsch. Schickst du mir ein Foto von dir? Im Bikini?“ Von solchen Nachrichten hören die Experten der Jugendhotline „Rat auf Draht“ immer wieder. Die Zahlen sind alarmierend, zeigt ihre Umfrage: 27 Prozent der 11- bis 18-Jährigen waren bereits mit sexuellen Nachrichten konfrontiert. Meist waren es intime Komplimente und Fragen oder sie erhielten ein Nacktfoto zugeschickt, etwa von einem Penis. Rat-auf-Draht-Psychologin Elke Prochazka warnt davor, solche Vorfälle herunterzuspielen: „Wir müssen Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass Übergriffe dieser Art niemals in Ordnung sind.“

Die Umfrage zeigt, dass es an Sensibilität mangelt: Fast zehn Prozent der Befragten haben Nacktfotos von sich versendet – meist an Partner oder Freunde, vier Prozent haben sich schon in einem Videochat ausgezogen. 12 Prozent wurden mit Erotik-Aufnahmen erpresst, zeigt die Umfrage.

Noch bedrohlicher ist ein Phänomen, dem Experten den Namen „Cyber-Grooming“ gegeben haben: 14 Prozent der befragten Jugendlichen haben erlebt, dass fremde Erwachsene sich online ihr Vertrauen erschlichen haben.

Was Eltern oft nicht wissen: Bei vielen Spielen wie Clash Royale, oder Fortnite kommen die Kinder online in Kontakt mit Fremden, bei Facebook sowieso. Bei Jugendschützern umstritten war die Videoplattform musical.ly: Dort hatten anonyme User Mädchen aufgefordert, leicht bekleidet Videos zu posten. Kürzlich wurde die Plattform von TikTok übernommen, wo der Algorithmus erotisches Material aussortieren soll.

Gefahr droht sogar durch direkte Text-Nachrichten, warnte die Polizei in Bayern: Immer wieder würden Kinder per WhatsApp kontaktiert und sollten Nacktfotos verschicken.

Deswegen betont Barbara Buchegger von Safer Internet, wie wichtig die Privatsphäreeinstellungen sind: „Gehen Sie mit Ihrem Kind durch, wer welche Informationen online sehen kann und dass Adresse und Telefonnummer gar nicht erkennbar sein sollten.“

Lügner entdecken

Verbote und Filterprogramme bieten wenig Schutz, wenn die Kinder größer werden, warnt sie besorgte Eltern: „Kinder lernen online neue Freunde kennen und wollen die auch im echten Leben treffen. Wenn Sie es verbieten, macht Ihr Kind das vielleicht hinter Ihrem Rücken. Oder Sie blockieren es nicht und gehen mit.“ Sie selbst begleitete ihre Tochter zu mehreren Kennenlern-Treffen an öffentlichen Plätzen, „es waren nette Mädchen, oft mit ihren Müttern“.

Neben der Privatsphäre gilt es im Internet auch, falsche Identitäten zu entlarven. Bei Fremden im Online-Freundeskreis geht es nicht nur um sexuelle Belästigung, sondern auch um den Diebstahl persönlicher Daten oder das Auskundschaften von Urlaubszeiten für Einbrüche.

Es gibt einen Trick, um Erwachsene zu enttarnen, die sich hinter einem Kinderfoto verstecken, verrät Buchegger: „Man kann den anderen bitten, ein lustiges Foto zum Beispiel mit einer Gurke am Kopf aufzunehmen. Bei einem Erwachsenen mit einem gestohlenen Bild geht das nicht so leicht. Der erfindet entweder Ausreden oder er ist abgeschreckt.“

Sogar der YouTuber Julian Bam sorgt sich um die Sicherheit seiner Fans. In seinem Video „Catfish“ warnt er sie vor Männern mit falscher Identität und gibt ihnen per Rap-Musik die Anleitung zum Erkennen von Fake-Profilen: den Namen im Internet recherchieren, das Profil analysieren, Fotos einfordern, direkt darauf ansprechen. 2,5 Millionen Mal wurde das eindrückliche Video angesehen – vielleicht öfter, als Eltern mit ihren Kindern über das Thema gesprochen haben.