CliniClowns im AKH Kinderspital

© KURIER/Gerhard Deutsch

Seit 25 Jahren
07/02/2016

CliniClowns: Ärzte ohne Grenzen

Seit 25 Jahren bringen sie Farbe und Momente der Freude in den Alltag schwerkranker Kinder: die CliniClowns. Einen Tag lang begleitete die "freizeit" zwei dieser ganz besonderen Ärzte auf ihrer Visite im AKH.

von Andreas Bovelino

Ein paar Seifenblasen schweben durch die offene Tür. Vorboten einer kurzen Zeit der Freude, zart schillernd und leicht wie die Luft. Vorbei an Nirosta-Beistelltischen und Besuchersesseln, Obstschalen und Infusionsständern. Sie zerplatzen nicht, wenn sie auf dem rostbraunem Linoleumboden oder dem Stahlrahmen des Bettes landen, das ist ein zu lautes Wort. Sie lösen sich einfach auf, wie durch einen Zaubertrick.

Ein zehnjähriges Mädchen bemerkt die flüchtigen Besucher als erstes. Sie liegt mit ihrem semmelbraunen Stoffhund im Bett, die Mutter, der man ihre Müdigkeit ansieht, sitzt an einem kleinen Tisch und schneidet einen Pfirsich in Spalten, während das strahlende Blau des Sommers unbeirrt durchs Fenster lacht. Das Mädchen runzelt misstrauisch die Brauen. Als sich eine Seifenblase für den Bruchteil einer Sekunde frech auf ihre Bettdecke setzt, huscht doch ein Lächeln über ihr Gesicht.

Jetzt kurbelt Frau Dr. Ledig, die geduldig im Gang die Wirkung ihrer Seifenblasen abgewartet hat, an einer mikrokleinen Mozart-Spieluhr und auf Zehenspitzen tänzelt ihr Kollege Dr. Hänsel wie ein verzauberter Monostatos ins Krankenzimmer. Die Augen des Mädchens werden groß. Der "Arzt" rückt seine grün-weiß gestreiften Shorts zurecht und tastet den kleinen, struppigen Körper vor ihm gefühlvoll ab. "Na, der ist ja ganz munter", sagt er und sieht ihm in die langen Schlappohren. "Ein stubenreiner Hund. Und neugierig ist der, gell?" – "Jaaa", sagt das Mädchen vorsichtig.

"Farbtupfen im Schwarzweiß-Film"

Wenig später wird die Zehnjährige ihren Stoffhund gut zugedeckt zurücklassen und gemeinsam mit Dr. Hänsel und Frau Dr. Ledig Visite an den anderen Betten in ihrem Zimmer machen. Sie wird Luftballonfiguren, die ihre beiden Arztkollegen basteln, an die anderen Kinder verteilen und die Kanüle, die in ihrer Vene steckt und dick mit medizinischem Klebeband an ihrem schmalen Arm befestigt ist, vergessen. Vielleicht nur für fünf Minuten. Aber an den Spaß, den sie hatte, wird sie sich noch lange erinnern.

Dr. Hänsel heißt eigentlich Hannes Bickel und ist Schauspieler. Seine Kollegin Dr. Lotte Ledig arbeitet unter ihrem bürgerlichen Namen Geraldine Kilyus als Pädagogin. Seit knapp 20 Jahren sind die beiden CliniClowns und versuchen, "Farbtupfen in den Schwarzweiß-Film des Alltags von Kranken zu bringen und die grässlichen Geräte um sie herum, die ihnen Angst machen, in etwas anderes, Fantastisches zu verwandeln", wie Dr. Hänsel es formuliert. Ihre Patienten hier im AKH sind in erster Linie Kinder mit langwierigen Leiden. Krebs, Nierenversagen, Tumore und chronische Krankenheiten, die sie oft jahrelang ans Krankenbett fesseln. Das sie im Schlimmstfall nicht mehr verlassen.

"Unheilbar oder lebensbedrohlich" krank

800 Kinder fallen allein in Wien und Umgebung in die Kategorie "unheilbar oder lebensbedrohlich" krank. Für sie wird gut gesorgt, natürlich. Mediziner und Eltern opfern sich für sie auf – und doch kann der Clown, was besorgte Erwachsene nicht können: Er setzt Regeln außer Kraft, negiert Grenzen – er nimmt Kinder genauso ernst wie Erwachsene. Oder eben nicht. Er gibt ihnen das Gefühl wenigstens für eine kurze Zeit größer, stärker, klüger zu sein als ihr Gegenüber. "Schön, dass Sie kommen konnten", sagt Dr. Hänsel im nächsten Zimmer zu vier begeisterten Achtjährigen. "Ich hoffe, Sie sind mit dem Service zufrieden. Ist ja all inclusive …" Dr. Hänsel blickt streng in die Runde. "Das heißt …" – "Jaaa, hier kriegt man alles, Essen und so", rufen die Kinder. "Ach, Sie verstehen das Englisch? Haben Sie den Whirlpool auch schon benutzt?" Oder, im Zimmer eines 16-Jährigen, erbost an seine Kollegin: "Haben Sie dem jetzt ein Busserl g'schickt?" Frau Dr. Ledig schaut verlegen, der junge Mann strahlt wie bei einem ersten Date.

"Man muss schon sensibel vorgehen, auch wenn's nicht so ausschaut", erklärt Verena Vondrak-Zorell, die künstlerische Leiterin der CliniClowns. "Und Zwangsbeglückung wäre das Schlechteste, was man versuchen kann." Aber die angehenden Ärzte werden gut geschult. Ein Jahr lang dauert die Grundausbildung, bevor sie langsam in ihre zukünftige Tätigkeit hineinschnuppern dürfen.

Die ihnen oft sehr viel abverlangt. Über Wochen und Monate, manchmal Jahre entsteht eine tiefe Beziehung zwischen Clown und Kind. Bis eines der Betten von einer Woche auf die andere plötzlich leer ist. "Therapie? Untersuchung? Eine Komplikation? Man fragt eine der Schwestern – und so erfährt man dann die traurige Nachricht", erzählt Dr. Hänsel. Oft ist es allerdings auch so, dass Kinder, die tatsächlich gerade im Sterben liegen, noch einmal "ihre" Clowns sehen wollen. Auch gegen die Bedenken der Eltern. "Als würden sie sagen wollen: Ich bin noch da", sagt Vondrak-Zorell. "Kinder wollen nicht vergessen werden. Wir versuchen ihnen das Gefühl zu geben, dass sie dazugehören. Ein Teil von uns sind. Bis zuletzt."

Wie geht man damit um? Wie lässt sich das ertragen? "Na ja, die Schwestern, Ärzte und Pfleger sind dem noch viel öfter ausgesetzt als wir. Und wir haben ja auch die leichten, schönen Augenblicke, an die wir uns erinnern können", sagt Dr. Hänsel leise.

Glücksmomente für ein Leben

Und echte Glücksmomente, die ein ganzes Leben halten. Erst vor kurzem besuchte ihn eine junge Frau während seiner "Visite" im AKH und begrüßte ihn vor Freude strahlend. Er erkannte sie nicht auf Anhieb. Denn als Dr. Hänsel sie zum letzen Mal sah, war sie ein zehnjähriges Mädchen, das schwer krank auf seine Nierentransplantation wartete ...

"Aber es gibt natürlich Erlebnisse, da kommt man an seine Grenzen, fragt sich, warum es sowas geben darf", erzählt Verena Vondrak-Zorell, die als "Ärztin" Dr. Tupfen Topfen heißt. Einmal ist sie zur Beerdigung eines Kindes gegangen. Normalerweise tun CliniClowns das nicht, sie sind auch nur Menschen, und das Maß an Leid, das man ganz nah an sich heranlassen kann, ist begrenzt. Aber sie hat das fünfjährige Mädchen viele Monate für das Wiener Kinderhospiz zuhause betreut. Nach einer verzweifelt ersehnten Transplantation, als es endlich Hoffnung gab, ist es überraschend gestorben. Die Lieblingspuppe des Mädchens hatte Dr. Tupfen Topfen beim Begräbnis dabei, als letztes Geschenk. Sie war natürlich nicht verkleidet, nur die rote Nase hatte sie mit, das hat sich die Mutter so gewünscht. Und die Seifenblasen.

Neben dem Grab setzte Verena Vondrak die Nase auf, und ließ die Seifenblasen über Erde, Wiese und Kieswege schweben. Zart schillernd und leicht wie Luft. Jede einzelne eine Erinnerung an kurze Momente der Freude und des Glücks.

www.cliniclowns.at

Vor 25 Jahren wurden die CliniClowns in Wien gegründet. Die Vorbilder kamen aus den USA, wo der Zusammenhang zwischen „Lachen“ und „Therapie-Erfolg“ schon bekannt war. Patch Adams und vor allem Michael Christensen inspirierten Gründungsmitglied Roman Szeliga, gemeinsam mit Schauspielerin Kathy Tanner, erster CliniClown Österreichs – und Europas.

„Am Anfang gab’s von einigen Medizinern auch Skepsis“, erinnert er sich, „aber wahrscheinlich haben sie sich gedacht: Wenn ein Arzt das macht, wird’s schon okay sein.“ Das Besondere an Dr. Jux, wie Szeliga als Clown hieß: Er ist tatsächlich studierter Arzt. „Leider ist das noch immer die Ausnahme. Ich würde mir schon wünschen, dass mehr Kollegen diese Chance ergreifen, Kranken auf ganz andere Weise zu helfen als wir das normalerweise tun.“ Was den Spaßmacher im Arztkittel so wirkungsvoll macht? „Der Clown darf alles. Er setzt sich über Grenzen hinweg – das gefällt Kindern, aber auch erwachsenen Kranken oder pflegebedürftigen Alten, deren Tage ja in einem wesentlich stärkeren Ausmaß von Regeln und Vorschriften geprägt sind. Die sind wichtig – aber der Zusammenhang zwischen Humor und Gesundheit sollte nicht unterschätzt werden.“
Seit zehn Jahren hat sich Roman Szeliga ganz auf diesen Zusammenhang spezialisiert, hält Vorträge und Seminare zum Thema, eben ist sein Buch „Frustschutzmittel“ erschienen. „Als Arzt und Clown konnte ich einzelnen Menschen helfen. Jetzt versuche ich, die Erkenntnisse mit möglichst vielen zu teilen. Die CliniClowns haben auch mein Leben verändert. Dafür bin ich dankbar.“
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