Claudia Rapp will im Wittgenstein-Projekt kulturelle und soziale Mobilität erforschen.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Wittgenstein-Preis 2015
06/08/2015

Byzantinistin Claudia Rapp bekommt Austro-Nobelpreis

Sie ist erst die fünfte Frau, die in den vergangenen 20 Jahren die renommierte Auszeichnung erhalten hat.

Claudia Rapp ging schon mal durch die Medien und das, obwohl ihr Forschungsgebiet die Byzantik ist – etwas, mit dem die Masse in der Regel weniger anfangen kann. Doch, wenn sie die jungen Wilden im alten Byzanz erforscht oder auf mittelalterlichem Pergament geheime Text wiederentdeckt, findet das auch Otto-Normalbürger spannend.

Jetzt hat Rapp, seit 2011 Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien, den Wittgenstein-Preis 2015 zuerkannt bekommen. Damit folgt sie Josef Penninger nach, der den Preis 2014 erhielt. Der wichtigste Wissenschaftsförderpreis des Landes, gerne auch als Austro-Nobelpreis tituliert, wird seit 1996 jährlich vergeben und ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert. Die Mittel sind streng gewidmet und müssen – aufgeteilt auf die nächsten fünf Jahre – in die Forschung fließen.

Schlaraffenland

An der University of California in Los Angeles war Claudia Rapp die einzige aus dem Fach Spätantike und Byzantinistik. Seit sie 2011 an die Uni Wien wechselte, führt sie an "einem Tag mehr fachspezifische Gespräche als in den USA in drei Monaten", sagte sie einmal und fühlt sich nun im “Schlaraffenland der Byzantinistik". Mit dem Wittgenstein-Preis 2015 fließt für sie dort auch Milch und Honig.

Die 53-jährige Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien versteht ihr Fach “eingebettet in die Mittelalterforschung insgesamt, nicht nur in Bezug auf das westliche Europa, sondern auch in Bezug auf die östlichen Nachbarländer und die Kulturkontakte bis hin nach Asien". Genau das werde auch die große Linie für das Projekt sein, das sie mit dem mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis umsetzen möchte: Es widmet sich dem Thema “Mobilität, Mikrostrukturen und persönliche Handlungsspielräume".

"Es geht um Mobilität in verschiedener Hinsicht: Einmal kulturelle Mobilität, also Kulturkontakte und Kulturaustausche - Byzanz eingebunden nicht nur in das europäische Mittelalter, sondern auch mit seinen Auswirkungen bis hin nach Asien unter Einbeziehung des Nahen Ostens", erklärt Rapp. "Dann geht es um Mobilität im Sinne von sozialer Durchlässigkeit innerhalb der byzantinischen Gesellschaft selbst, also die Möglichkeit, sich persönliche Handlungsspielräume zu erarbeiten und sein Leben selbst zu gestalten und zu verbessern."

Rapp, geboren am 20. Juni 1961 in Gießen (Deutschland), studierte Griechisch, Geschichte und Byzantinistik an der Freien Universität Berlin und absolvierte ihr Doktoratsstudium an der Oxford University. Sie dissertierte über das Leben von St. Epiphanios von Salamis, einem im 4. Jahrhundert auf Zypern tätigen Bischof. Anschließend ging die Wissenschafterin in die USA, zunächst an die Cornell University und 1994 an die University of California, wo sie 17 Jahre lang - unterbrochen von zahlreichen Gastaufenthalten und -professuren in aller Welt - forschte und lehrte und die Karriereleiter bis zum “Full Professor„ hinaufstieg.

Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Sozial- und Religionsgeschichte. So beschäftigte sich Rapp in ihrem 2005 erschienenen Buch “Heilige Bischöfe in der Spätantike" mit der Natur der christlichen Führungselite in einer Zeit des Übergangs oder mit Konstantinopel als mittelalterlicher, von zahlreichen Fremden bevölkerter kosmopolitischer Stadt.

Nach Österreich

2011 folgte sie einem Ruf als Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bestellte sie 2012 zur Leiterin der Abteilung Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung, wählte sie zunächst zum korrespondierenden und 2014 zum wirklichen Mitglied. Seit dem Vorjahr ist Rapp auch Präsidentin der Österreichischen Byzantinischen Gesellschaft.

Auch in Wien steht die byzantinische Sozial- und Religionsgeschichte im Mittelpunkt ihrer Arbeit. So widmete sie sich der "rituellen Verbrüderung" in Byzanz, wo sich zwei Männer von einem Priester zu Brüdern erklären lassen konnten und einander u.a. gegenseitige Hilfeleistung und vollkommene Loyalität versprachen. Ein Buch zu diesem Thema ist derzeit bei Oxford University Press in Druck. Ein von ihr betreutes Projekt erforschte auch subversive Strömungen in der byzantinischen Dichtkunst, wo mit Ironie versucht wurde, versteckte Kritik zu äußern.

Detektivische Arbeit leistet Rapp mit dem von ihr geleiteten eingangs erwähnten Forschungsprojekt Sinai Palimpsests. Weil Pergament im Mittelalter ein teures und rares Gut war, nutzten Gelehrte die Bestände häufig mehrmals. Mit Klingen kratzten sie die oberste Schicht der Tierhaut ab oder wuschen die Tinte ab und beschrieben das Pergament erneut. Mithilfe moderner Technik gelingt es Rapp und ihren Kollegen, diese alten Texte auf solchen Palimpseste genannten Handschriften aus dem Katharinenkloster am ägyptischen Sinai wieder sichtbar zu machen und zu erforschen.

Claudia Rapp ist erst die fünfte Frau, die in 20 Jahren den Wittgenstein-Preis zuerkannt bekommen hat.

Alles über den österreichischen Nobelpreis

Der Nobelpreis wirkt mickrig daneben: Kaum eine Million Euro stehen heuer 1,5 Millionen gegenüber. Der Wittgenstein-Preis liegt zumindest monetär vorne. Trotzdem gibt es gravierende Unterschiede. Während der Nobelpreis sehr oft an alte Herren am Ende ihrer Laufbahn vergeben wird, ist der höchstdotierte heimische Preis, der seit 1996 vergeben wird, oft Initialzündung für wissenschaftliches Arbeiten, das sich im internationalen Vergleich nicht verstecken muss.

Was ist der Wittgenstein-Preis?

Er wurde nach dem Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) benannt. Die Forscher werden von ehemaligen Wittgenstein-Preisträgern, Rektoren, etc. nominiert, eine renommierte Wissenschaftler-Jury aus dem Ausland trifft die Wahl. Die Preisträgerin erhält von Wissenschaftsministerium und Forschungsförderungsfonds (FWF) 1,5 Millionen Euro.

Kann man mit dem Geld machen, was man will?

Nein. Die Mittel sind streng gewidmet und müssen – aufgeteilt auf die nächsten fünf Jahre – in die Forschung fließen. Insgesamt bekommen neun Forscher 11,1 Millionen, denn Montag abend wurden auch acht Nachwuchs-Preise (START) vergeben. Mit dem Geld sollen Jungforscher eigene Projekte starten.

Warum wird so viel Geld in die Forschung gesteckt?

Weil ein Wittgenstein-Preisträger etwa 15 und ein Start-Preisträger zehn Mitarbeiter im Rahmen seiner Projekte beschäftigt. Dadurch wurden schon mehr als 1000 höchstqualifizierte Stellen für Nachwuchsforscher geschaffen.

Welchen Stellenwert hat der Wittgenstein-Preis in einem Forscherleben?

Ultimative forscherische Freiheit. Außerdem signalisiert er gesellschaftliche Anerkennung für Grundlagenforschung. Das ist hierzulande wichtig, da das Verständnis für Forschung, die nicht sofort verwertbare Ergebnisse bringt, unterentwickelt ist.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.