Jane Fonda, 1979, in einem Fitness-Studio in Beverly Hills: Die zweifache Oscar-Preisträgerin schwitzt beim Aerobic-Workout mit gestrickten Stulpen. Legwarmer an Frauenwaden sind heute wieder in Mode

© Douglas Kirkland/Corbis

Die bunten 80er
10/27/2014

Stulpen, Parablacks und Netzleiberl

Zwei Mittvierziger schreiben über ihre Kindheit vor 30 Jahren. Über eine Jugend ohne Handy, ohne Google, aber mit viel Zeit, um sich eine nicht-erwiderte Liebe schönzureden.

von Martin Burger

Wenn Florian Asamers Kinder von der Schule nach Hause kommen und vom Unterricht erzählen, dann fühlt sich der 43-Jährige wieder jung. "Die Schule ist der eine Ort auf der Welt, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Die Lehrer schreiben immer noch mit der Kreide auf eine grüne Tafel, die Schüler geben immer noch Quarthefte ab, und der Overhead-Projektor ist nach wie vor die große Innovation im Klassenzimmer." Davon abgesehen, ist nichts mehr so, wie es einmal war – in den bunten 80er-Jahren.

Asamer hat mit seiner Presse-Kollegin Friederike Leibl-Bürger ein Buch über den Alltag in den Jahren 1980 bis 1989 geschrieben, und hinter die Yuppie-Fassade dieser Dekade geblickt: Im Kino dominieren Aufsteiger-Typen wie Brian Flanagan, im Film "Cocktail" (1987) gespielt von Tom Cruise. Flanagan will nach oben, egal wie, und sagt Sätze wie: "Ich lerne schnell."

"Lieber kellnern"

Hollywood spiegelt eine neuliberale Wirtschaftsgesinnung wider, die bis heute andauert. Die Jugendlichen in den 80er-Jahren sind laut dem Autorenduo hingegen relativ unbekümmerte Wesen. Ein typischer Sager jener Generation: "Bevor ich nur ans Geldverdienen denk’, geh’ ich lieber kellnern", zitiert sich Leibl-Bürger selbst. Ihre damaligen Zukunftspläne? "Sicher nicht Jus studieren." Was ist 80er-Nostalgie, was echte Erinnerung? Drei Gedächtnisstützen, die die Autoren ohne Google, dafür in vielen Gesprächen mit Altersgenossen zusammengetragen:

Herbst und Telefonieren: Nach Schulbeginn lernt man einander beim Blues tanzen auf dem Geburtstagsfest eines Klassenkameraden näher kennen. Wenn die Eltern eine Geheimnummer haben und folglich nicht im Telefonbuch stehen, werden Telefonnummern auf Unterarme gekritzelt. Dann beginnt das Warten auf den Anruf. Asamer und Leibl-Bürger wehmütig: Man kann sich kaum mehr die Sehnsucht vorstellen, nicht mehr an der kurzen Leine des Festnetzanschlusses hängen zu müssen. Man wusste nicht nur nicht, wer anrief und wer am anderen Ende abheben würde, sondern war auch noch dazu gezwungen, in der Nähe des Telefons zu verharren. Eine qualvolle Art von selbst verhängtem Hausarrest. Kommt der Anruf nicht, redet man sich das Ausbleiben schön. Eine Panne vielleicht?

Ein Anruf am Familien-Festnetzanschluss ist eine Frage des richtigen Timings, denn es gibt genaue Vorstellungen davon, wann man wo anrufen kann ("Wer ruft denn so früh schon an?" / "Wer ruft denn so spät noch an?"). Oft heben die Eltern den Hörer ab und wimmeln den Verehrer mit der heute seltsam anmutenden Erklärung ab: "Ihr seht euch doch eh morgen in der Schule."

Wollpullover

Winter und Ski fahren: Den Kindern der 80er-Jahre ist im Winter ständig kalt. Das liegt vor allem daran, dass weniger geheizt wird, üblicherweise werden nur jene Zimmer gewärmt, die häufig benützt werden. Wollpullover schützen zwar vor Minusgraden, kratzen aber – bis die ersten weichen Pullis von "Fruit of the Loom" auf den Markt kommen.

Skifahren muss man lernen in den 80er-Jahren, vom Stemmbogen bis zum Parallelschwung. Es gibt keine Carvingski, keinen Kunstschnee, dafür urlangsame Einser-Sessellifte und Liftkarten, die der Liftwart mit der Zange zwickt – und die man im nächsten Jahr, wenn sie nicht aufgebraucht sind, wieder verwendet. Aber waren jene fernen Weihnachtsfeiertage wirklich so kalt und so weiß, dass man in jede Schneewechte einen Iglu bauen konnte? Vielleicht ist die Wahrnehmung der "Generation Girardelli" – benannt nach dem für Luxemburg startenden Vorarlberger Skiass Marc – auch nur getrübt, resümiert Florian Asamer.

"Denn wie lange dauert denn eine Kindheit? Bis zum 5. Lebensjahr hat man kaum Erinnerungen und mit 13 wird man zum Jugendlichen. Wir reden also von sieben, acht Saisonen, die wir als Kinder erlebt haben. Wenn in dieser Zeit die Winter weiß waren, kann man von Zufall sprechen."

Brav sein

Immer brav sein: Die Welt der 1980er ist noch ganz auf Erwachsene ausgerichtet, Kinder können es sich am Rand dieser Welt gemütlich machen, haben aber zu funktionieren, brav zu sein und den Tagesablauf nicht zu stören. Es gibt klare Regeln: Türen müssen zu sein. Anklopfen ist Pflicht. Im Auto wird nicht getrunken. Was auf den Teller kommt, wird aufgegessen. Auf Sachen, die das Anhängsel "Apparat" im Namen führen, wie Radioapparat, Fotoapparat, Rasierapparat, ist achtzugeben. Zur Belohnung dürfen die Kinder auf der Motorhaube des Autos sitzen.

Und heute? Heute wachsen Kinder zwar mit weniger Regelwerk auf, "aber die ständige Erreichbarkeit ist auch nicht gerade befreiend". Fazit: Früher war’s nicht besser, nur anders.

Was machen die Stars der 80er heute?

Das Jahrzehnt des Wandels

Einem Zeitreisenden aus der Gegenwart, der das Wien der 1980er-Jahre besucht, würde Folgendes auffallen: Die Leute haben das fade Aug’, egal ob in der Straßenbahn oder in der soeben (1980) eröffneten U 2. Der Zeitreisende kennt das Phänomen nicht. In seiner Zeit, den 2010er-Jahren, wird jede freie Minute mit einer Tätigkeit gefüllt, hauptsächlich werden Kurznachrichten ins Mobiltelefon getippt und eMails gecheckt. Die Zeit der 80er und das Heute sind zwei getrennte Welten, doch vieles, was heute wichtig ist, hat vor 30 Jahren seinen Anfang genommen.
INDES, eine Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, widmet den 80er-Jahren eine Ausgabe. Anlass: das Auslaufen der 30-jährigen Archivsperre. Die Dekade von Mauerfall, Tschernobyl und den Yuppies rückt in den Blickpunkt der Historiker. Die großen Themen der 1980er-Jahre, das Bewusstsein für Umweltverschmutzung, die Ressourcenknappheit, die Skepsis gegenüber vermeintlichen Zukunftstechnologien sowie die Auseinandersetzungen um Frieden und Atomkrieg, prägen uns bis in die heutige Zeit.
Für das Cover der Zeitschrift haben die Herausgeber ein Profilbild der tschechoslowakisch-amerikanischen Tennisspielerin und 9-fachen Wimbledon-Gewinnerin Martina Navrátilová ausgewählt, der berühmtesten Sportlerin dieser Dekade. Ihr unfreiwilliges Outing im Jahr 1981 ist ein Tabubruch. Ein New Yorker Journalist, dem sie eine Romanze anvertraut, verrät das Geheimnis um ihre Homosexualität.

Globalisierung

Die INDES-Herausgeber Felix Butzlaff und Katharina Rahlf sehen in den 80ern eine Zeit, „in der sich das Versanden älterer und die Geburt neuer Entwicklungen überschnitten und überkreuzten“. Der Historiker Andreas Rödder meint, dass die 80er keineswegs eine gemütliche Ära waren: „Im Nachhinein sehen wir, dass die 1980er-Jahre das Jahrzehnt sind, in dem sich der Durchbruch der Globalisierung angebahnt und vorbereitet hat.“


Die Vorgeschichte: Die Zukunftseuphorie und Modernisierungsgläubigkeit der 60er-Jahre flaut in den 70er-Jahren nach den beiden Ölpreis-Schocks ab und weicht einer Krisenstimmung. Diese wird in den 80er-Jahren wiederum von einem neuen Zukunftsoptimismus abgelöst, der von der sich durchsetzenden Computerisierung, der sich anbahnenden Internationalisierung, einer günstigen Konjunkturentwicklung und dem heraufziehenden Ende des Ost-West-Konflikts getragen werde.
Der Fall des Eisernen Vorhangs ist ein Schub für die Globalisierung. Gleichzeitig entstehen aber mentale Phobien: die Angst vor den Ausländern, die sich in „Asylantenhatz“ und Brandanschlägen auf Asylheime äußert.

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