Leben
08.10.2018

Beruf Profi-Kuschler: "Ich empfehle eine Umarmung pro Tag"

Halt mich, nur ein bisschen: Warum Menschen dafür bezahlen, gekuschelt zu werden – ganz ohne sexuelle Hintergedanken.

Wenn Elisa Meyer zur Arbeit geht, zieht sie an, was andere in ihrer Freizeit tragen: eine bequeme Jogginghose, ein locker sitzendes T-Shirt, warme Socken. Sie trifft dann einen ihrer Kunden, legt sich mit ihm auf die Couch – und kuschelt. Eine Stunde lang. Für 60 Euro.

Da ist zum Beispiel der 36-jährige Wiener, der vor den Trümmern seiner Ehe steht und von seiner Noch-Frau viel Kritik einstecken muss. Oder die junge Frau, die gehbehindert ist und sich nach Streicheleinheiten von jemandem sehnt, der nicht ihre Mutter ist. Da ist der unauffällige Single-Mann, der in der Isolation der Großstadt zunehmend vereinsamt, leicht depressiv ist und während des Kuschelns einfach nur reden möchte.

Wobei – einsam sind im Grunde alle, die Meyers Service in Anspruch nehmen. Vor zwei Jahren gründete die gebürtige Luxemburgerin, die in Wien ihren Doktor in Germanistik gemacht hat und nun in Leipzig lebt, die „Kuschel Kiste“. Das Konzept hat sie sich von den USA abgeschaut: Professionelle „Kuschler“ sorgen dafür, dass sich einsame Menschen besser fühlen. Sie streicheln, halten, drücken, hören zu, sind da. Wer nun an Prostitution denkt – nein, Sexualität hat beim Kuscheln auf Bestellung nichts verloren. Die Kunden unterschreiben vor der Kuschel-Session einen zweiseitigen Vertrag, der klare Regeln beinhaltet. Berührungen im Intimbereich sind tabu, ebenso Küsse, Griffe unter die Kleidung und „alles andere, das irgendwie sexuell sein könnte“, sagt Meyer. Manchmal komme es vor, dass der Kuschelpartner durch die Berührungen erregt wird. „Ich biete ihm dann an, eine Pause einzulegen oder die Position zu wechseln.“

Unterkuschelt

Als Meyer 2016 einen Artikel über den Beruf Profi-Kuschler las, war sie von der Vorstellung sofort begeistert. Die 32-Jährige spricht sanft und bedächtig, sodass schon ihre Worte wie Umarmungen wirken. Man kann sich gut vorstellen, was sie erzählt: „Der Gedanke ließ mich nicht los, weil ich selber gerne kuschle und mir immer alle gesagt haben, wie toll sich das anfühlt.“ Also belegte sie Kurse bei Kuschelexpertinnen aus den USA und Großbritannien.

Eine davon ist Samantha Hess, Pionierin auf dem Gebiet des Profi-Kuschelns: Inspiriert durch die „Free Hugs Campaign“, bei der Menschen auf der Straße Gratis-Umarmungen verteilen (siehe unten), eröffnete sie in ihrer Heimat Portland ein Kuschelstudio mit verschiedenen Themenräumen. In der ersten Woche wollten sich 1000 (!) Menschen von ihr kuscheln lassen. Berührungen seien nur da erlaubt, wo man auch ein Kind angreifen würde, betont Hess regelmäßig in Interviews. Viele ihrer Kunden seien Männer, die wegen traumatischer Erlebnisse oder Behinderungen im Alltag keine Nähe zulassen können.

Haben wir es mit einer „unterkuschelten“ Gesellschaft zu tun? Ja, ist Elisa Meyer überzeugt: „Das Phänomen ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, jetzt kommen wir langsam drauf, dass es ein Problem ist. In einer Großstadt lebt jeder in seiner eigenen kleinen Kapsel. Man kann ein Jahr lang vor sich hinleben und nur in der Arbeit mit Menschen sprechen, es würde niemandem auffallen.“ Vor allem Männer hätten häufig ein Problem damit, in Beziehungen körperliche Nähe zuzulassen, beobachtet Meyer, deren Kundschaft zu 80 Prozent männlich ist. Der Grundstein wird in frühester Kindheit gelegt: „Buben werden leistungsorientierter erzogen, da heißt es öfter mal, ‚jetzt gibt es aber kein Kuscheln‘. Das zieht sich dann bis ins Erwachsenenleben.“

Für Menschen, die niemanden zum Kuscheln haben – angesichts der steigenden Zahl der Einpersonenhaushalte immer mehr – fülle ihr Unternehmen eine wichtige Lücke, nimmt die 32-Jährige Kritikern den Wind aus den Segeln. „Klar kann man zur Massage gehen, wenn man angefasst werden möchte, aber das ist eben oft sehr unpersönlich. Ansonsten bleibt für viele nur noch Prostitution, dazwischen gibt es nichts.“

Kuscheln ist nicht Sex

Meyers Mission ist es daher auch, Körperkontakt zu entsexualisieren. „Viele fragen mich, wie ist das möglich, eine Stunde nur kuscheln. Sie kennen es nur als kurzes Vorspiel, das zu Sex führt. Wir wollen Kuscheln in Zukunft mehr als Therapieform betrachten. Wer regelmäßig gut gekuschelt ist, hat mehr Glückshormone. Ich empfehle pro Tag eine Umarmung für mindestens fünf Minuten.“

Das Gehirn schüttet bei Berührungen bekanntlich Oxytocin aus, das im Körper als wahre Wunderwaffe wirkt: Es reguliert den Stresspegel, aktiviert das Belohnungssystem und führt zu einem vertrauteren Umgang mit anderen Menschen. Erst kürzlich wiesen Psychologen der US-amerikanischen Carnegie Mellon University nach, dass Menschen, die häufig umarmen oder umarmt werden, besser mit Konflikten umgehen – ob in einem romantischen oder platonischen Kontext, spielt dabei keine Rolle. „Wenn der Oxytocin-Speicher nicht regelmäßig aufgefüllt wird, fühlt man sich energielos, ist schnell genervt, überfordert und wird eher krank. Mit Berührung kann man da gleich Abhilfe schaffen“, schwärmt die Profi-Kuschlerin. Der positive Effekt greift schließlich nicht nur bei ihren Kunden, sondern auch bei Elisa und ihren derzeit 17 professionellen Kuschel-Kollegen in Deutschland, Österreich und Luxemburg. „Auch bei mir werden manchmal Glückshormone ausgeschüttet, durch die ich in ein Kuschelhigh gelange.“ Dass das nicht zwingend etwas bedeutet, lernte sie vor zwei Jahren, als sie sich mit einem Kunden privat verabredete. „Wir haben schnell gemerkt, dass das nicht passt. Beim Kuscheln ist man eben immer die beste Version seiner selbst, im Alltag hat man mehr Ecken und Kanten.“

Bedürfnis

Der Bedarf ist gegeben, das stellt auch Doris Jeloucan in ihrer Praxis fest. Die Grazer Psychologin hat sich auf Single-Coaching spezialisiert und kennt das Hauptbedürfnis der Alleinlebenden: „Immer mehr sehnen sich nach nicht-sexueller Berührung. Einfach nur, dass sie beim Einschlafen jemand hält.“ In der Ära MeToo hätten viele Angst davor, bei Körperkontakt eine Grenze zu überschreiten – „Berührung kann aber nur an Grenzen geschehen“.

Auch sie merkt, dass Single-Männer den höchsten Kuschelbedarf haben. „Frauen haben im Schnitt mindestens einmal pro Tag Körperkontakt – mit einem Kind, mit einer anderen Frau. Bei Männern ist die Partnerin meist die einzige Quelle für Berührung.“ Ein Angebot wie die Kuschel Kiste begrüßt die Psychologin daher. „Warum das nicht als Teil der Psychohygiene sehen, so wie eine Massage? Das Heilsame dort ist ja auch die Berührung. Gerade für Frauen ist es sehr angenehm, wenn sie einfach nur kuscheln können, ohne dass es dabei zu sexuellen Handlungen kommt.“

Die Oxytocin-Ausschüttung und Drosselung des Stresshormons Cortisol funktioniere beim Kuscheln mit Fremden grundsätzlich genauso wie mit einer vertrauten Bindungsperson, sagt die Psychologin. „Wir kennen das von Krisenschauplätzen, wo fremde Menschen einander umarmen.“ Ihr Plädoyer: „Im Umgang mit Berührung müssen wir ein bisschen lockerer werden. Es gibt einen Stamm, wo die Familienmitglieder einander jeden Morgen massieren und streicheln. Dort hat es noch nie einen sexuellen Übergriff gegeben, weil alle so gut genährt sind, dass es kein Bedürfnis dafür gibt.“

Gerade bildet Elisa Meyer drei neue Profi-Kuschler für ihre Kuschel Kiste aus. Nicht jeder hat das Zeug dazu, es brauche die Geduld, zuzuhören und den anderen in den Fokus zu rücken. „Man muss lernen, dass man selber keine Rolle spielt.“ Belohnt werden die Berufskuschler mit einem „seligen Lächeln wie bei einem Baby“. „Es macht Spaß zu sehen, wie sich die Leute öffnen und loslassen. Wenn sie danach sagen, ich fühl mich so geborgen, dann denke ich mir, juhu, es hat geklappt.“

Auch langfristig merkt Elisa Meyer die Früchte ihrer Arbeit. Ihr Wiener Stammkunde fühlte sich nach 18 Monaten Kuscheltherapie endlich stark genug, seine Scheidung durchzuziehen. Mittlerweile ist er glücklich vergeben. Elisa braucht er nun nicht mehr, um zu kuscheln.

"Free Hugs": Siegeszug der Gratis-Umarmung

Sie stellen sich in belebte Fußgängerzonen und halten ein selbst gebasteltes Schild aus Karton in die Höhe: „Free Hugs“ steht darauf, oder die deutsche Version „kostenlose Umarmungen“. Wer mag, holt sich  im Vorbeigehen einen Drücker ab – einfach so, ohne Gegenleistung. Die Kuschel-Bewegung „Free Hugs Campaign“ breitete sich in den vergangenen Jahren in immer mehr Großstädten auf der ganzen Welt aus. 

Den Stein ins Rollen brachte der Australier Juan Mann, der 2004 in Sydney die erste Gratis-Umarmung an einen Fremden verteilte.  Kurz zuvor war der 22-Jährige niedergeschlagen von einem langen London-Aufenthalt zurückgekehrt: „Als ich am Flughafen ankam und sah, wie andere Passagiere ihre wartenden Familien trafen, mit lachenden Gesichtern und offenen Armen, sehnte ich mich nach jemandem, der auf mich wartet. Der mich anlacht. Mich umarmt“, erklärt er auf seiner Website www.freehugscampaign.org. Also besorgte er sich Pappkarton und Textmarker, fertigte ein Schild an und platzierte sich in der Innenstadt von Sydney – dort, wo die meisten Menschen vorbeikommen.

Erste Umarmung

Die ersten 15 Minuten hätten die Menschen durch ihn hindurchgeblickt, sagt Mann. Doch dann kam eine Frau auf ihn zu, erzählte, dass an diesem Morgen ihr Hund gestorben war und sie sich wie die einsamste Person auf der Welt fühle.  „Wir legten die Arme umeinander und als wir auseinandergingen, lächelte sie“, erinnert sich der Australier. Seine Botschaft – „Manchmal ist eine Umarmung alles, was wir brauchen“ – verbreitete sich rasch, schon bald boten überall auf der Welt Menschen in Großstädten Fremden ihre Körperwärme an und stellten Fotos und Videos davon ins Internet. Juan Mann schaffte es bis auf die Couch von US-Talkshow-Königin Oprah Winfrey, die sich natürlich auch von ihrem Interviewpartner knuddeln ließ.

In Wien formierte sich in  Folge die Initiative „Free Hugs Vienna“, die mit kostenlosen Umarmungen Liebe und Toleranz im hektischen Großstadttreiben verbreiten will (www.facebook.com/freehugsvienna). Schlagzeilen machten die Mitglieder vor allem beim Song Contest vor drei Jahren, als sie vor der Wiener Stadthalle und im Pressezentrum in Eurovisionsmontur alles umarmten, was ihnen in den Weg kam.
Um Umarmungspionier Juan Mann – der übrigens ein Pseudonym verwendet – ist es indes ruhig geworden. Laut seiner Twitter-Biografie arbeitet er heute als Motivationstrainer. Ob er dabei auch Umarmungen verteilt, ist nicht bekannt.