Leben
06.06.2017

"Baywatch" im echten Leben: So arbeiten Rettungsschwimmer

Ehrenamtlich und mit ganz viel Leidenschaft - drei Baywatcher im Porträt. Plus: Was wurde aus den Stars der Serie?

Sie heißt nicht Pamela Anderson oder Kelly Rohrbach, sondern Barbara Nehiba. Ihr Einsatzgebiet ist heute auch nicht der Strand von Malibu, sondern die Copakagrana auf der Wiener Donauinsel, wo sie einen Teil ihrer Ausbildung bei der Wiener Wasserrettung genossen hat. Dort lauern keine gefräßigen weißen Haie, dort gleiten vielmehr weiße Schwäne majestätisch übers Wasser. Und noch eines ist bei der Wiener Rettungsschwimmerin Nehiba anders als bei den Baywatch-Darstellerinnen Anderson und Rohrbach: "Bei einem Einsatz würde ich niemals mit dem Kopf voran ins Wasser springen, denn unter Wasser habe ich das Opfer nicht im Blick."

"Wie die Irren"

Auf den eben in den Kinos angelaufenen Film "Baywatch" (siehe unten) freut sich die 28-jährige Wienerin dennoch: "Alleine schon wegen des Hauptdarstellers Dwayne Johnson." In guter Erinnerung sind ihr auch noch die alten Staffeln mit David Hasselhoff als Mitch Buchannon bzw. Alphatier in Badehose, die sie als Kind gerne gesehen hat: "Schöne Menschen in engen Badeanzügen, immer großartiges Wetter, und Rettungsschwimmer, die bei einem Einsatz wie die Irren losgerannt sind."

Die Menschen von Malibu standen für ihr ehrenamtliches Engagement nicht Pate, erklärt Barbara Nehiba, die in ihrem Brotberuf als Lehrerin und Erzieherin im Wiener Bundesinternat arbeitet. "Nein, das hat wohl mehr mit der Leidenschaft meines Vaters zu tun." Der ist ein erfahrener Segler mit eigenem Boot und einer Mitgliedschaft im Yachtclub Rust. Früh in ihrem Leben habe sie daher gut schwimmen gelernt.

Die Körper, die sich an den Gestaden der Neuen Donau dem Sonnenbad hingeben, sind nicht ganz so begnadet wie jene, die in Hollywood produziert werden. Baywatcher sind daher in unseren Breiten mit ganz anderen Gefahrenmomenten konfrontiert: "Die Leute sitzen oft zu lange in der Sonne, trinken zu wenig und überschätzen sich und ihr Leistungsvermögen."

Barbara Nehiba ist eine von gut 120 Menschen, die für die Wasserrettung Wien regelmäßig Dienst schieben. Ihre nächsten großen Einsätze in der künstlich angelegten Rinne werfen bereits ihre Schatten voraus: So ist beim Donauinselfest in drei Wochen wieder äußerste Vorsicht geboten. Ebenso bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft Ende Juli, Anfang August.

Baywatch real: Die Realität ist selten so hübsch, wie im Kino dargestellt. "Wir müssen uns über längere Zeit konzentrieren und in unübersichtlichen Situationen kühlen Kopf bewahren", erklärt Nehiba. Wenn zum Beispiel bei einer Schwimmveranstaltung drei Menschen zur selben Zeit nach Luft schnappen, dürfen die Retter nicht zaudern. Oberstes Gebot ist immer der Selbstschutz, plaudert die gut Ausgebildete aus der Schule. "Man will vermeiden, dass statt möglicherweise einer plötzlich zwei Leichen im Wasser treiben." Sie selbst sei jedoch noch nie in eine derart dramatische Situation geraten: "In Wien rückt bei einer akuten Notsituation auf dem Wasser öfter die Feuerwehr aus, weil deren Einsatzzentrale immer besetzt ist."

Lieber erzählt Barbara Nehiba, die im Jörgerbad nebenbei Kinder das Schwimmen lehrt, von Anderem, vom Zauber der Fortbewegung im Wasser: "Es ist einfach ein wunderbares Gefühl, wenn man durchgleitet. Wenn man mit dem Wasser und nicht dagegen arbeitet."

Jurist im Motorboot

Der Mitch vom Wörthersee heißt Wilfried Kammerer: Während der Sommermonate sorgt der Kärntner im Strandbad Klagenfurt für Recht und Ordnung. Was insofern passt, als dass der 54-Jährige im Brotberuf Jurist ist – in seiner Freizeit arbeitet er seit der Studentenzeit ehrenamtlich bei der Wasserrettung. "Ich bin im Strandbad Maiernigg aufgewachsen. Schon als Kind hat es mich fasziniert, wenn das kleine, rote Motorboot gekommen ist. Als ich einen Badeunfall miterlebt habe, dachte ich mir, ich bin immer am See, ich muss die Ausbildung zum Rettungsschwimmer machen."

Heute ist Kammerer einer von 70 aktiven Rettungsschwimmern der Wasserrettung Klagenfurt, Motorbootsführer und Einsatzstellenleiter. "Unsere Truppe ist bunt gemischt, Akademiker, Lehrlinge, Schüler. Die meisten sind aber 45 plus. Die Altersstruktur hat sich verändert. Viele Studenten heute können es sich nicht mehr leisten, im Sommer als Bademeister zu arbeiten, weil sie Praktika machen müssen."

Seine berühmten Kollegen aus Malibu sind bei der Arbeit immer dabei – irgendwie. "Jedes Mal, wenn ich mit dem Motorboot über den See fahre, habe ich die Baywatch-Melodie im Hinterkopf", lacht Kammerer. Die Darstellung in der Serie sei natürlich überzeichnet: "So dramatisch geht es nicht zu. Bei Schauvorführungen springen wir zwar schon vom Boot oder aus dem Hubschrauber mit Flossen und Taucherbrille. In der Realität ist es aber meist so, dass Leute einen schlechten Tag haben, weil sie z. B. ihre Medikamente nicht genommen haben. Da greifen wir dann ein."

Ebenfalls ein häufiger Einsatz im 40.000 m² großen Strandbad: Tauchen nach untergegangenen Schlüsseln oder Sonnenbrillen. Und die Suche nach plötzlich verschwundenen Kindern – das Worst-Case-Szenario der Rettungsschwimmer: "Da sind wir immer ganz schnell unterwegs, da zählt jede Sekunde. Ein Kind im Wasser ist das Schlimmste, was wir uns vorstellen können. Wir sind jedes Mal heilfroh, wenn nichts passiert ist." Nicht immer geht die Suche gut aus. "Das Beachvolleyball-Wochenende ist immer heikel, weil so viele Leute hier sind, die den See nicht kennen. Vergangenes Jahr hatten wir tatsächlich einen Badetoten. Wenn man einen körperlich fitten, jungen Mann tot bergen muss, nimmt einen das schon sehr mit."

Sommer am Meer

Mehr als 1000 Kilometer nördlich des Wörthersees sitzt Tobias Sabottka und beobachtet das Treiben in der Ostsee. "Momentan haben wir hier 20 Grad und frischen Wind", berichtet der 33-Jährige am Telefon. "Im Sommer kann das Wasser aber bis zu 25 Grad bekommen." Seit neun Jahren ist er ehrenamtlich für die Wasserrettung Lübeck im Einsatz – ein echter Glücksgriff, denn Sabottka arbeitet hauptberuflich als Arzt. Am Strand behandelt er Insektenstiche, kleinere Verletzungen oder Herzstillstände. "Je voller der Strand, desto mehr passiert", erzählt er. "Vor allem die starke Strömung hier unterschätzen viele."

Den Sommer verbringen die norddeutschen Baywatcher in einem 70 Jahre alten Turm am Strand. Luxus? Fehlanzeige. Aber das Ferienlager-Flair ist ohnehin unbezahlbar. "Unsere Leute kommen aus ganz Deutschland. Für viele ist die Arbeit bei der Wasserwacht eine günstige Art, am Meer zu sein. Wir schlafen in kleinen Kojen. Es ist ein starkes Gemeinschaftserlebnis." Aktuell sucht die Wasserwacht Lübeck wieder Freiwillige. "Das übergeordnete Ziel ist natürlich, für Sicherheit zu sorgen", sagt Tobias Sabottka. "Man macht etwas Vernünftiges in seiner Freizeit. Und darf dabei am Strand sitzen." Ob Norddeutschland oder Malibu, ist da letztlich zweitrangig.

Botox statt Boje – oder: Was wurde aus...?

Mitch und C. J. laufen wieder – allerdings sehen sie jetzt anders aus. Noch eine Spur makelloser, noch ein bisschen durchtrainierter als vor 20 Jahren. Statt der Rettungsschwimmer-Urgesteinen David Hasselhoff und Pamela Anderson sprinten im neuen "Baywatch"-Kinofilm Dwayne "The Rock" Johnson und Unterwäsche-Model Kelly Rohrbach über den Strand von Malibu (selbstverständlich immer noch in Super-Zeitlupe). Als zusätzlicher Aufputz fungieren Ex-Miss-World Priyanka Chopra und Hollywood-Schnuckel Zac Efron, der seinen Körper mit monatelangem Kohlehydratverbot und täglichen Trainingseinheiten strandtauglich machte.

Hasselhoff (64) und Anderson (49) bleibt in der seichten Strandkomödie nur ein kurzer Gastauftritt vorbehalten. Ganz unglücklich sind sie darüber vermutlich nicht, wird der Film doch nach einem enttäuschenden Start-Wochenende in den USA bereits jetzt als kommerzieller Flop gehandelt – und auch die Kritiker zeigten sich ob der dünnen Handlung (die Rettungsschwimmer kämpfen gegen eine zwielichtige Club-Besitzerin, deren Drogen an Mitchs Strand gespült werden) nicht gerade begeistert.

Den prominenten Rettungsschwimmern a. D. darf der kommerzielle Misserfolg des Bildschirm-Comebacks herzlich egal sein. Sie machten die Actionsaga Anfang der Neunziger zur erfolgreichsten TV-Serie des 20. Jahrhunderts: In Spitzenzeiten sahen wöchentlich eine Milliarde Menschen in 144 Ländern zu, wie Mitch und seine Truppe ihre Bojen in den Pazifik warfen, um diverse Nebendarsteller heldenhaft vor dem Ertrinken zu retten. Dabei deutete zunächst nichts auf einen derartigen Megaerfolg hin: Die Serie wurde nach der ersten Staffel abgesetzt; erst, als Hasselhoff höchstselbst mit seiner Produktionsfirma übernahm, entwickelte sich "Baywatch" zu einem Fernseh-Hit. In insgesamt 243 Folgen kämpften die kalifornischen Strandhüter gegen das Böse: Haie, Erdbeben, Kriminelle (ja, der Zuständigkeitsbereich eines Normalo-Bademeisters wurde bei Bedarf großzügig ausgedehnt).

2001 wurden die Bojen nach elf Staffeln endgültig an den Nagel gehängt. Hasselhoff sorgte danach vor allem mit einem unappetitlichen Rausch-Video Schlagzeilen; Anderson mit einigen Kurzzeit-Ehen und Botox-Pannen (zuletzt auf dem roten Teppich von Cannes). Aktuell modelt die Blondine, die am 1. Juli 50 wird, für ein Lingerie-Label. Und beweist, dass sich ihre berühmten Kurven immer noch sehen lassen können – nicht nur im roten Badeanzug.