Düstere Faszination und entschiedene Ablehnung bestimmen bis heute das Augustus-Bild: Diaprojektion auf dem Augustusforum, Rom

© REUTERS/ALESSANDRO BIANCHI

Die blutige Ära des Princeps
08/19/2014

Augustus: Das Chamäleon vom Tiber

Zum 2000. Todestag wird die blutige und glorreiche Ära des Princeps neu bewertet.

von Martin Burger

Auf den Rostra, den Rednertribünen auf dem Forum Romanum, stinkt es bestialisch. Im Spätherbst des Jahres 43 v. Chr. bringen Mörder seit Tagen die Köpfe von politischen Widersachern auf das Forum. Hier kassieren sie ihre Belohnung, das 60-Fache des Jahreslohnes eines Arbeiters, nach heutiger Rechnung einen Millionenbetrag. Die Mörder kämpfen in den Gassen Roms um die abgeschlagenen Köpfe. Unschuldige, die einem vogelfreien Senator ähnlich schauen, werden ebenfalls hingemetzelt. Caesars Adoptivsohn Octavius, der, gemeinsam mit seinem zeitweiligen Verbündeten Marcus Antonius, für das Massaker verantwortlich ist, wird dieses dunkle Kapitel später mit "äußeren Umständen" zu erklären suchen – Umstände, die ihn zu solcher Brutalität gezwungen hätten, sagt der Althistoriker Martin Zimmermann. Da trägt Octavius bereits zahlreiche Ehrentitel, er ist "Augustus", der Erhabene, und "Princeps senatus", er inszeniert sich als "leuchtender Friedensfürst" und regiert de facto als Alleinherrscher. Zu seinem 2000. Todestag liegt nun eine Neubewertung des umstrittenen "zweiten Gründers Roms" (GeoEpoche) vor.

KURIER: Herr Prof. Zimmermann, wie darf man sich den Ziehsohn Caesars vorstellen?

Martin Zimmermann: Als er die politische Bühne betrat, war Octavius ein Monstrum, das ohne Rücksicht und Skrupel Tausende von Leuten abschlachten ließ. Ein großer Teil der alten Elite ist ausgerottet worden. Das ist die Basis, diese schrecklichen Bilder in den Köpfen der Menschen, darauf hat er seine Macht begründet.

Octavius soll sich vor der Schlacht von Aktium versteckt haben, wie konnte so jemand zum Princeps inter pares in Rom aufsteigen?

Er hatte ein unglaubliches politisches Talent. Caesar hat das erkannt und ihn deswegen als Erben eingesetzt. Er war, wie Sulla vor ihm, ein Machtmensch, der über Leichenberge gegangen ist. Grausamkeit signalisierte in der Antike Durchsetzungsfähigkeit. Caesar war stolz darauf, mehr als eine Million Gallier niedergemacht zu haben. Octavius sticht mit seinen Proskriptionen (lange Listen, auf denen die Widersacher des jungen Triumvirn für vogelfrei erklärt wurden, Anm.) nicht sonderlich heraus.

Man spricht gemeinhin von Kaiser Augustus, aber er war Princeps, was war das für ein Titel?

Er war ein Monarch in einer spezifischen römischen Ausformung, als Erster unter Gleichen im Senat. Den zeremoniellen Titel Princeps gab es schon sehr lange, Augustus behauptet lediglich, der größte Princeps in dieser langen Reihe zu sein.

Er hat von Caesars Schicksal gelernt, dass man sich nicht, zumindest nicht offiziell, zum Diktator auf Lebenszeit ernennen lässt, und ein fein austariertes System geschaffen, in dem viele bereit waren, ihm zu folgen, und alle wussten, was sie zu erwarten haben, wenn sie sich ihm widersetzten.

Was haben antike Zeitgenossen über ihn gedacht?

Augustus hat eine Zeit großer Prosperität eingeleitet, aber er selbst blieb konturlos. Kaiser Julian hat ihn im 4. Jahrhundert als Chamäleon bezeichnet, das ständig die Farbe wechselt.

Anderen Kaisern wurde nachgetreten, wie war das bei ihm?

So sehr er die Senatoren gedemütigt hat, indem er zum Beispiel deren Ehefrauen zum Sex mit ihm gezwungen hat, hat es keiner gewagt, schlecht über ihn zu reden.

Sonderausstellung: Führung durch die Sonderausstellung im KHM Wien, heute, 16 Uhr, (01)/52524-5202

Buchtipp: Vor genau 2000 Jahren starb Augustus. Er hinterließ ein Reich, das er gewaltig und gewalttätig umgestaltet hatte: Hoff/Stroh/ Zimmermann: Divus Augustus. Der erste römische Kaiser und seine Welt. C. H. Beck. 27,80 Euro.

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