Leben
09.11.2017

Jetzt sind die Musliminnen am Wort

Frauen mit und ohne Kopftuch setzen jetzt den gängigen Klischees ihre Sichtweise entgegen.

"Die Leute wissen schon, bevor ich noch ein Wort gesagt habe, was ich bin und wer ich bin", beklagt sich Dudu Kücükgöl bei einem Treffen im Kaffeehaus. Daher soll sie an dieser Stelle möglichst nicht unterbrochen werden.

Frau Kücükgöl arbeitet neben ihrem Doktoratsstudium an der Wirtschaftsuniversität Wien als Unternehmensberaterin. Und sie hat an einem Buch des Tyrolia-Verlags mitgearbeitet, das am Dienstagabend in Wien präsentiert wurde.

Herausgegeben wurde der Sammelband von der Hochschulprofessorin Amani Abuzahra, die an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule in Wien und Krems forscht und unterrichtet. Abuzahra fordert eine andere Sichtweise: "Musliminnen mit oder ohne Kopftuch wollen nicht auf ein Stück Textil reduziert werden."

Mehr Kopf als Tuch

"Zusammenleben kann nur gelingen, wenn wir uns für den Menschen, die Geschichte des anderen interessieren", ergänzt Soufeina Hamed, die in Tunesien geboren wurde, in Berlin aufgewachsen ist und heute in Dublin als Psychologin und Comic-Zeichnerin arbeitet.

Abuzahra, Kücükgöl und Hamed sind drei von elf Autorinnen im Buch. Dessen Titel "Mehr Kopf als Tuch" trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist auch gar nicht unverschämt, was die Frauen mit ihrer Textsammlung für sich reklamieren: sie wollten einmal selbst das Wort ergreifen und das ausdrücken, was ihnen persönlich wichtig ist.

Die, die sich dafür interessieren, haben daher nicht viel zu tun: sie müssen nur lesen, reflektieren und eventuell nachfragen. Denn das Buch ist in seiner Kompaktheit mit elf verschiedenen Zugängen zum Thema Frau-Sein einzigartig im deutschen Sprachraum.

"Wir wollten zeigen, dass es nicht nur dieses eine Bild von Musliminnen mit Kopftuch gibt, sondern viele verschiedene Facetten", erklärt Herausgeberin Amani Abuzahra, die eine junge und zunehmend selbstbewusste Generation repräsentiert. Daher hat sie es den Autorinnen auch freigestellt, in ihren Beiträgen über Privates oder Politisches zu schreiben.

"Für mich war es toll", beschreibt Soufeina Hamed ihren eigenen Akt der Befreiung beim Schreiben. "Endlich konnte ich einmal aus der Perspektive einer Psychologin argumentieren – und hatte mich nicht mit dem Rücken zur Wand als Trägerin eines Kopftuchs zu verteidigen."

Die Wirtschaftspädagogin Dudu Kücükgöl forscht auch zum Thema Feminismus und verfolgt daher sehr genau die aktuelle Debatte über sexuelle Übergriffe auf Frauen. Sie würde sich wünschen, dass der Sammelband auch von jungen Musliminnen gelesen und diskutiert wird: "Er soll sie ermutigen, sich mit ihren eigenen Zweifeln auseinanderzusetzen und ihren eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden."

Die in Politik und Medien geführte Kopftuch-Debatte erleben alle drei Frauen als "zunehmend mühsam". Ihre Kritik: Jene, die ihnen ständig dieselben Fragen stellen, verlieren sofort das Interesse oder reagieren sogar "allergisch", wenn sie feststellen, dass Frauen mit Kopftuch keine gefährlichen Außerirdischen sind, sondern ganz im Gegenteil ebenso ein normales, gutes, selbstbestimmtes Leben führen möchten.

Von echter Selbstbestimmung könne im Moment jedoch keine Rede sein, sagt Amani Abuzahra. Und sie fragt in die Runde: "Wie würden eigentlich jene reagieren, die sonst das Wort führen, wenn ihnen permanent von anderen erklärt wird, was das Beste für sie ist?" Die Diskussion biete immerhin auch eine Chance – für ein friedlicheres Miteinander in Europa. "Das wird aber nur möglich sein, wenn wir gemeinsam über die Zukunft nachdenken", so die Akademikerin.