Leben
06.06.2018

Auch Miss-Austria-Wahl künftig ohne Bikini-Durchgang

Wie bei der Wahl zur Miss America müssen sich die Teilnehmerinnen nicht mehr in Bademode zeigen.

Frauen, die gegeneinander antreten, in Bikinis und High Heels über eine Bühne stöckeln und sich von männlichen Juroren beurteilen lassen: In Zeiten von #MeToo und einer erstarkenden Frauenbewegung wirken Schönheitswettbewerbe wie ein seltsames Relikt aus vergangenen Zeiten. Dass die Bewerbe nicht mehr zeitgemäß sind – und zudem seit Jahrzehnten mit sinkenden Einschaltquoten kämpfen –, scheint nun auch den Organisatoren bewusst zu werden.

So jedenfalls lässt sich erklären, warum die Wahl zur Miss America künftig ohne ihren Höhepunkt auskommen wird. Der Auftritt der Finalistinnen in Bademode gehört der Vergangenheit an, verkündete Gretchen Carlson, Ex-Miss und Vorsitzende des Kuratoriums, im US-Frühstücksfernsehen: „Wir sind kein Schönheitswettbewerb mehr. Wir erleben in unserem Land eine kulturelle Revolution, bei der Frauen den Mut finden, aufzustehen und sich in vielen Bereichen Gehör zu verschaffen.“

Statt der Fleischbeschau sollen die Teilnehmerinnen künftig durch innere Werte, Einstellung und Ziele punkten. Stichwort: Weltfrieden. Das Outfit zum Small Talk dürfen sie selbst wählen.

Unter Druck

Seit der Debatte um Machtmissbrauch und Herabwürdigung von Frauen stehen Beauty-Bewerbe unter Zugzwang – besonders die Wahl zur Miss America. Bereits im Dezember wurde das Unternehmen von der #MeToo-Bewegung eingeholt, als Sam Haskell, Chef der Organisation, wegen frauenverachtender eMails suspendiert wurde. Carlson, die nun das Bikini-Aus verkündete, hatte zuvor Roger Ailes, verstorbener Chef des Nachrichtensenders Fox News, wegen sexueller Belästigung angeklagt.

Und nun also ein Schönheitswettbewerb, der seine Teilnehmer nicht mehr über die Optik definieren möchte – revolutionär oder scheinheilig? Eher Letzteres, findet Jörg Rigger, Chef der Miss Austria Corporation. „In Wahrheit ist es doch so: Bei einer Miss-Wahl muss zuerst das Äußere so ansprechend sein, damit überhaupt die Chance besteht, zu den inneren Werten zu kommen.“

Dennoch, betont er, müsse auch ein Schönheitswettbewerb mit der Zeit gehen. Und so wird es am 1. September, wenn im Design Center Linz die neue Miss Austria gekürt wird, wie in den USA erstmals keinen „Bikinidurchgang“ mehr geben – ein Zufall, aber der Hintergedanke ist ähnlich: „Als ich den Job übernommen habe, habe ich gesagt, dass der Bikinidurchgang nicht mehr nötig ist. Es erfordert auch so genügend Mut, mitzumachen. Wir versuchen, mit der Zeit zu gehen – in den Siebzigern wäre man für so eine Idee fast gesteinigt worden.“ Es werde ohnehin „viele schöne Durchgänge“ geben, sagt Rigger, etwa im kleinen Schwarzen. „So, wie man eben fortgeht – keiner geht im Bikini aus.“

Ob Feminismus und Schönheitswettbewerbe zusammenpassen? „Ich sehe das wie einen Sportwettbewerb“, sagt Rigger. „Die Frauen müssen sportlich und selbstbewusst auftreten, ihr Bestes geben.“ Auch Persönlichkeit und Intelligenz zählen: „Dass eine Siegerin keinen englischen Satz herausbekommt, so etwas gibt es heute nicht mehr.“

Dieselben Anforderungen würden im Übrigen auch für die Wahl zum Mister Austria gelten: „Da herrscht Gleichberechtigung.“

Miss America: Eine Geschichte voller Skandale

Der erste Schönheitswettbewerb  fand 1888 im belgischen Kurort Spa statt: 21 der 350 Bewerberinnen wurden im Finale von einer ausschließlich männlichen Jury  begutachtet – der Titel und 5000 belgische Francs gingen an die 18-jährige Bertha Soucaret aus Guadeloupe.

Seitdem werden überall auf der Welt „Missen“ bzw. „Mister“ gekürt. Die Wahl zur Miss America wurde erstmals im September 1921 in Atlantic City abgehalten, auch, um Touristen nach dem Labor Day in der Stadt zu halten. Schon damals war der Auftritt im Badeanzug der Höhepunkt der Show.  Für den ersten Skandal sorgte 1951 Siegerin Yolande Betbeze – weil sie sich weigerte, im Badeanzug zu posieren, sprang der Hauptsponsor ab und gründete zwei eigene Bewerbe: die Wahl zur Miss USA und jene zur Miss World, heute Konkurrenten von Miss America.

Erst in den Vierzigerjahren wurde die berüchtigte „Rule 7“ abgeschafft, die besagte, dass Teilnehmerinnen zur Miss-America-Wahl „von guter Gesundheit und der weißen Rasse zugehörig“ sein müssten. Es dauerte weitere drei Jahrzehnte, bis sich schwarze Amerikanerinnen der Wahl stellten. In dieser Zeit geriet der Wettbewerb zunehmend in die Kritik von Frauenrechtlerinnen.
Seit 1954 wird die Show landesweit im Fernsehen übertragen, in den Sechzigern erreichte sie den Höhepunkt ihrer Popularität. Weil die Zahl der Zuseher 2005 erstmals die Marke von zehn Millionen unterschritt, beschloss  ABC, den Bewerb aus dem Programm zu nehmen.