Abgetaucht: Guillaume Néry auf dem Weg in die Tiefe

© Adrialpe

Apnoetaucher
04/11/2014

Bezwinger der Tiefe

Die Extremsportler Herbert Nitsch und Guillaume Néry zwischen Rekordjagd und Naturschauspiel.

von Laila Daneshmandi

Hundert Meter unter Wasser herrschen Extrembedingungen für den menschlichen Körper. Eine Taucherbrille würde einen solchen Unterdruck erzeugen, dass die Augäpfel in Gefahr wären. Die Lungenflügel werden durch den Druck fast faustgroß zusammengepresst. Der Österreicher Herbert Nitsch (43) und sein französischer Kollege Guillaume Néry (31) gehören zu den wenigen Menschen, die sich ohne technische Hilfsmittel in solche Tiefen wagen – und weiter.

Die Gefahren sind ihnen bewusst. Néry hat seine Passion fast aufgegeben, nachdem ein Tauchfreund gestorben ist. Nitsch sehnt sich trotz seines Unfalls (siehe Info) nach dem Tiefenrausch. Im Rahmen der International Ocean Film Tour werden derzeit die besten Wassersport- und Umweltdokumentationen des Jahres gezeigt. Darunter eine mit Néry.

Es ist die Mischung aus Entdeckergeist und Ehrgeiz, die die beiden Extremsportler verbindet – und trennt. Aus Ehrgeiz trainierte Néry von Jugend an, den Atem immer länger anzuhalten, heute treibt ihn eher der Pioniergedanke. Umgekehrt war es bei Nitsch: Er entdeckte sein Talent zufällig und giert trotz seines Unfalls nach neuen Rekorden.

KURIER: Was macht den Reiz am Apnoetauchen aus – die Rekordjagd oder die Faszination des Naturerlebnisses?

Néry:Es geht um die Erfahrung, an Orte zu gelangen, an denen noch nie ein Mensch zuvor war. Man ist eins mit dem Wasser und fühlt sich mit der Welt verbunden.

Nitsch: Es kommt darauf an. Beim Freediving genießt man das Naturschauspiel und lässt die Außenwelt auf sich wirken. Beim Tieftauchen für Rekorde kehrt man seine Aufmerksamkeit nach Innen und versucht, so effizient wie möglich zu funktionieren.

Wie kann man sich das Gefühl in der Tiefe vorstellen?

Nitsch: Es ist total ruhig, das ganze Tohuwabohu der Außenwelt ist weg und man konzentriert sich auf das Wesentliche. Man spürt nur den Druck in den Hohlräumen des Körpers, in den Ohren, der Nase oder der Lunge. Doch es gibt verschiedene Techniken für den Druckausgleich – das ist die eigentliche Herausforderung für das Tieftauchen, nicht das Luftanhalten. Das Taucherlebnis ist so außerdem viel direkter und unmittelbarer als beim Presslufttauchen mit der Flasche.

Néry: Man muss zwischen dem Ab- und dem Auftauchen unterscheiden. Beim Abtauchen ist man komplett mit seinem Körper verbunden, lässt sich fallen und akzeptiert den Druck. Hat man den tiefsten Punkt erreicht, wird der Aufstieg schwierig – es fühlt sich an, als wäre man betrunken. Die Gedanken rasen durch den Kopf. Ich hatte sogar schon Halluzinationen. Es ist so, als würde man sich selbst aus der Außenperspektive zusehen.

Nitsch: Ach wirklich? Bei mir wird das Gehirn in der Tiefe immer langsamer. Alles steht irgendwie still.

Wie habt Ihr Eure Leidenschaft für das Apnoetauchen eigentlich entdeckt?

Néry: Bei mir hat alles im Alter von 14 Jahren in einem Bus begonnen. Ich habe mit einem Schulfreund darum gewettet, wer den Atem länger anhalten kann. Als er gewonnen hat, habe ich mich so sehr darüber geärgert, dass ich fortan ständig geübt habe. Das Training wurde zur Obsession – mit 15 Jahren konnte ich den Atem schon fast fünf Minuten lang anhalten. Ich war fasziniert davon, die Grenzen meines Körpers ständig auszureizen und zu erweitern. Da ich aus Nizza stamme, einem Zentrum für Freediving, lag der Schritt zum Tauchen nahe. Heute geht es mir aber mehr darum, neue Orte zu entdecken, an denen noch nie jemand war, als neue Rekorde aufzustellen.

Nitsch: Ja, es ist eine Sache, Rekorde zu brechen. Aber es gibt unter Wasser so viele Welten zu entdecken – der Lichteinfall unter einer Eisdecke, Tauchen unter Höhlen oder Vulkanen.

Herbert, wie hat alles bei Dir angefangen?

Nitsch: Mit einer Tauch-Safari. Die Fluggesellschaft hat mein Gepäck verloren, also habe ich angefangen zu schnorcheln. Und ehe ich mich versah, bin ich auf 33 Meter hinuntergeschnorchelt, ohne mir gleich dessen bewusst zu sein. Von da an hat sich dann alles entwickelt. Bei einem Wettbewerb haben Guillaume und ich einander dann kennengelernt.

Guillaume, Du hast bereits einen guten Freund verloren – Herbert, Du hattest einen schweren Unfall. Habt Ihr unter Wasser je Angst gespürt?

Néry: Nach dem Unfall meines Freundes war es für mich komisch, tauchen zu gehen. Ich bin an andere Orte gefahren, um mit Menschen, die den Unfall nicht im Kopf hatten, wieder unbelastet ins Wasser gehen zu können. Aber wenn ich einen schlechten Tag oder kein gutes Gefühl dabei habe, mache ich es nicht. Ich versuche auf meinen Instinkt zu hören.

Nitsch: Man muss sich selbst Grenzen setzen, um nicht zu tief zu tauchen. Bei meinem Unfall habe ich zwar viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, aber es ist auch viel schiefgelaufen. Ich habe vor, bald wieder mit dem Training anzufangen, vielleicht versuche ich sogar noch einen Rekord aufzustellen.

Du würdest dich trotz der Folgeschäden wieder an einen Rekord wagen?

Nitsch: Ich kann es mir vorstellen. Sag niemals nie. Jeder muss für sich selbst beurteilen, wie viel Gefahr er bereit ist, auf sich zu nehmen. Ich habe meine persönlichen Erwartungen längst übertroffen, aber ich werde das Risiko abwegen.

Unter welchen Umständen könntet Ihr Euch vorstellen, mit dem Tauchen aufzuhören?

Néry: Mit dem Freediven – niemals! Davon kann mich nur der Tod abhalten. Ich nehme dieses Jahr an keinen Wettbewerben teil und plane auch keine Rekorde. Ich genieße derzeit einfach nur das Naturschauspiel unter Wasser.

Nitsch: Es geht nicht nur um den Wettkampf, es ist ein Lebensstil mit vielen Facetten.

ZUSATZTERMINDie International Ocean Film Tour hat noch einen Zusatztermin angesetzt, bei dem die besten Wassersport- und Umweltdokumentationen des Jahres gezeigt werden (15.5., 20 Uhr, VHS Wiener Urania). Näheres unterwww.oceanfilmtour.com. Ab September ist die österreichische Produktion "Attention – A Life in Extremes" unter der Regie von Sascha Köllnreitner im Kino zu sehen. Die Doku gewährt einen Einblick in die Psyche von Extremsportlern. Im Porträt sind der Apnoetaucher Guillaume Nery, Wingsuit-Basejumper Halvor Angvik und der Extrem-Radfahrer (Gerhard Gulewicz. Einen Trailer und nähere Infos gibt es unter www.attentionalifeinextremes.com

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